loonylabs zuJochen Ebmeiers Realien aus spektrum.de, 18.02.2021Wie Yoga das Gehirn verändert
Herabschauender
Hund, Krieger und Tänzer sollen Depressionen, Ängste und Schmerzen
lindern. Auch das Gedächtnis lässt sich mit Yoga trainieren. Wie? Die
Hirnforschung hat Hinweise.
von Stella Marie Hombach
... Mediziner und Psychotherapeuten ergründen seit Jahrzehnten die heilsame Wirkung von Yoga. Bereits im Jahr 1956
hat die Neurologin Mariella Fischer-Williams von einem Patienten
berichtet, der durch das Praktizieren von Yoga seine chronischen
Schmerzen linderte – und letztlich angeblich sogar vollkommen
schmerzfrei war. Nun sagt ein einzelner Fall allein nichts aus. Im
Jahr 1975 aber folgte eine umfassende Untersuchung im Fachblatt »The Lancet«. Das Autorenteam zeigte, dass Yoga den Bluthochdruck stärker senkte als bloße Entspannung. Selbst das Gedächtnis wird durch Yoga trainiert. Und bei Depression, Ängsten und chronischen Schmerzen sollen die Übungen ebenfalls helfen.
Doch
woran liegt das? Um das herauszufinden, konzentrieren Wissenschaftler
und Forscherinnen sich zunehmend auf das Gehirn. Sie schieben Probanden
in die Röhre eines Magnetresonanztomografen (MRT), vermessen
Hirnregionen und untersuchen, wie Yoga elektrische Spannungen des Denk-
und Steuerorgans verändert. Das soll möglichst objektive Ergebnisse
bringen. Aus gutem Grund: Yoga wissenschaftlich zu ergründen, ist
nämlich ziemlich problematisch.
»Egal ob traditionelles Hatha, Vinyasa mit Techno-Beats oder schwitzendes Bikram – sie alle verändern unser Gehirn« (Ulrich Ott, Psychologe)Yoga kann sportlich sein oder extrem ruhig
»Da ist einmal die Frage der Definition«, berichtet Holger Cramer, Forschungsleiter an der Klinik für Naturheilkunde der Evangelischen Kliniken Essen-Mitte. Klassischerweise beinhaltet Yoga eine Kombination aus intensiven Dehnübungen und Posen, den Asanas, sowie verschiedene Verfahren der Entspannung und Meditation, Samyama genannt. Ganz wichtig ist auch der Atem, der Pranayama. Er gilt im Yoga als Bindeglied zwischen Körper und Geist und soll helfen, den »Schleier, der die innere Erleuchtung bedeckt« zu entfernen, wie es im Yogasutra heißt, einer Art Manifest des Yogas.
Im Lauf der Zeit haben sich jedoch unterschiedliche Stile herausgebildet, und jeder setzt seinen eigenen Fokus: Hatha und Iyengar Yoga bestehen hauptsächlich aus Strecken und erholsamen Posen, Ashtanga und Vinyasa sind in der Regel dynamischer, beinhalten mehr sportliche Elemente und finden mancherorts sogar begleitet von Techno-Beats statt. Daneben das Bikram. Dieses umfasst 26 Körperhaltungen, die zweimal in einem 38 Grad heißen Raum wiederholt werden. Da ist Schwitzen vorprogrammiert; wohingegen man sich beim Yin Yoga kaum bewegt. Dabei geht es vor allem um langsames Dehnen sowie die Meditation.
»Was
genau ›Yoga‹ ist, ist demnach schwer zu sagen«, sagt Cramer. Wenn
Studienteilnehmer berichten, dass sie sich nach dem Unterricht besser
fühlen, stellt sich außerdem die Frage: wodurch eigentlich? Lag es an
den körperlichen Übungen, der Konzentration auf den Atem? Ist es
vielleicht das Gefühl, Teil einer größeren Gruppe zu sein, oder war es
der besondere Stil des Lehrers oder der Lehrerin? Alles Faktoren, so
genannte Confounder, die die Yogaforschung erschweren.
Der beste Einstieg ins Yoga
Zuallererst:
»Legen Sie den Perfektionismus beiseite und befreien Sie sich von jedem
Anspruch, die Übungen perfekt ausführen zu müssen«, rät der Psychologe
Ulrich Ott. Beim Yoga gehe es nicht um Leistung, sondern um die
Entwicklung von Bewusstheit für den eigenen Körper, die Emotionen und
den Geist. Die Stellungen entfalten ihre volle Wirkung dadurch, dass sie
mit bewusstem Atmen und voller Aufmerksamkeit ausgeführt werden. »Gehen
Sie nur so weit, dass Sie noch ruhig atmen können«, betont der
Yogaexperte. Wenn Sie den Atem anhalten oder sehr angestrengt atmen,
dann sei das ein Hinweise, dass Sie sich überfordern. Wichtig sei zudem,
sich vor den einzelnen Übungen aufzuwärmen – was unter anderem beim
Sonnengruß geschieht.
Vorsicht geboten ist bei fortgeschrittenen Stellungen wie dem Kopfstand oder starken Rückwärtsbeugen. »Wer die nicht richtig ausführt, kann sich leicht verletzen«, warnt Ott. Der sicherste Einstieg sei daher ganz konventionell die Teilnahme an einem Kurs unter qualifizierter Anleitung. Viele solcher Angebote werden von den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) sogar bezuschusst. Eine Übersicht dieser Kurse bietet etwa die Website des GKV-Spitzenverbands.
Nun
also der Blick ins Hirn. So viel lässt sich bereits zu Beginn sagen:
»Egal ob traditionelles Hatha, Vinyasa mit Techno-Beats oder
schwitzendes Bikram – sie alle verändern unser Gehirn«, stellt Ulrich
Ott fest, Psychologe am Bender Institute of Neuroimaging der
Justus-Liebig-Universität in Gießen: »Denn die verschiedenen
Körperstellungen, Atemübungen und Meditationen werden normalerweise über
längere Zeiträume wiederholt praktiziert.« Und auf mehrfaches Üben
reagiere unser Denkorgan generell mit funktionellen und strukturellen
Anpassungen. Das heißt, die Hirnregionen, die benutzt werden,
differenzieren sich aus, und die synaptischen Verbindungen werden
stärker. Es ist vergleichbar mit einem Muskel, der durch regelmäßiges
Training an Kraft gewinnt.
»Sensationell ist dieser Befund
allerdings nicht«, gibt Neurowissenschaftler Ott zu bedenken: »Jedes
Hobby, das ein Mensch über längere Zeit verfolgt, verändert das Gehirn:
Lesen genauso wie Fahrrad fahren.« Umso wichtiger sei es, sich die
Veränderungen, die das Yoga bewirkt, genauer anzuschauen.
©
Spektrum der Wissenschaft, nach Daten von: www.dasgehirn.info; Gothe,
N.P. et al.: Differences in Brain Structure and Function Among Yoga
Practitioners and Controls. Frontiers in integrative Neuroscience 12,
10.3389/fnint.2018.00026, 2018 und Gothe, N.P. et al.: Yoga Effects on
Brain Health: A Systematic Review of the Current Literature. Brain
Plasticity 5, 10.3233/BPL-190084, 2019 (Ausschnitt)
Die graue Gehirnmasse hält länger
Einen guten Überblick über den neurowissenschaftlichen Forschungsstand bieten zwei Arbeiten aus dem Jahr 2019.
Um die schwierige Frage der Definition zu umgehen, orientieren sie sich
an den drei Grundelementen aller Yogastile: die körperlichen Haltungen
der Asanas, Meditation sowie Atemübungen. Jede der drei Komponenten
beeinflusst das Gehirn unterschiedlich. Gemessen haben die Teams die
Veränderungen meist mit strukturellen MRT-Aufnahmen. Viele Studien
beinhalten dazu eine Reihe kognitiver und motorischer Tests.
Einen
starken Effekt hat Yoga beispielsweise auf das Volumen der grauen
Gehirnmasse. Die Substantia grisea setzt sich vor allem aus
Nervenzellkörpern zusammen, ist ein wesentlicher Teil des
Zentralnervensystems und nimmt im Lauf des Lebens beim Menschen ab.
Weniger graue Masse beeinträchtigt das Gedächtnis und könnte unter
anderem das Risiko für Demenz
erhöhen. Yoga scheint diesen altersbedingten Abbau zu verlangsamen,
wenn nicht sogar für die Bildung neuer Nervenzellkörper zu sorgen.![]()
©
Spektrum der Wissenschaft, nach García-Camba, M.V., García-Planas,
M.I.: Dyscalculia, mind, calculating brain and education. EDULEARN18:
10th International Conference on Education and New Learning
Technologies. Palma de Mallorca, Spain, July 2018, fig 5 (Ausschnitt)
Auch bei den Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstrainings sowie
motorischen Übungen schnitten die Yogapraktizierenden besser ab. Das
liegt vermutlich daran, dass die veränderten Hirnareale vor allem für
die kognitive Kontrolle, die Koordination von Bewegungen und die
Bewertung von Entscheidungen zuständig sind, erläutern die
Studienautorinnen und -autoren. So sind die Betawellen, die mit der
kognitiven Leistungsfähigkeit in Zusammenhang stehen, nach atmungsbasiertem Yoga etwa besonders aktiv.
In einem anderen Versuch
unterzogen Forscherinnen und Forscher aus den USA Menschen, die Yoga
praktizierten, und andere dem Stroop-Test: Sie zeigten ihnen Bilder mit
verschiedenfarbigen Wörtern, und die Probanden und Probandinnen mussten
die Farben der dargebotenen Wörter benennen. Fehler entstehen bei dem
Experiment für gewöhnlich bei Farbwörtern, die nicht ihrer Druckfarbe
entsprechen. Wenn also das Wort blau vorgelesen werden soll, obwohl es
in Grün gedruckt wurde. Das Ergebnis: Wer Yoga machte, schnitt beim Test
nicht nur besser ab, das MRT zeigte auch, dass während des Experimentes
der dorsolaterale präfrontale Kortex (DLPFC) besonders aktiv war, der
Mandelkern – auch Amygdala genannt – hingegen kaum.
Zudem könne Yoga helfen, Gefühle besser wahrzunehmen und zu regulieren, schreiben die Studienautoren und -autorinnen. Was die These stützt: Yogapraktizierende weisen nach Meditation, Atemübungen und Asanas eine höhere Frequenz von Alphawellen auf. Diese Gehirnwellen sind relativ langsamen und versetzen das Hirn in einen Ruhezustand, in dem es gemächlicher schwingt und dadurch mehr aufnehmen kann.
Und das ist nicht alles. In einem Teil des Vorderhirns, dem ventralen Striatum, steigt der Botenstoff Dopamin während Meditationsübungen stark an. Das haben neurophysiologische Untersuchungen an sehr erfahrenen männlichen Yogapraktizierenden gezeigt. Dopamin ist ein körpereigener Stimmungsaufheller und stimuliert wichtige kognitive Prozesse im präfrontalen Kortex. Sinkt der Dopaminspiegel, lassen Aufmerksamkeit, Konzentration und andere geistige Fähigkeiten für gewöhnlich nach. Viele Studien berichten außerdem über eine Abnahme der Stressreaktion. Demnach senkt ein achtwöchiges Hatha-Yoga-Programm den Blutspiegel des Stresshormons Kortisol deutlich mehr als Stretching. Die Yogapraktizierenden lernten auch schneller und schnitten bei Genauigkeitstests besser ab. Wie das im Einzelnen funktioniert, konnten die Forscher aber noch nicht herausfinden.
»Möglich wäre ja auch, dass die Langzeityogis bereits vor dem Praktizieren ein größeres Hirnvolumen hatten«
(Holger Cramer, Medizinwissenschaftler)
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Schon nach einer Meditationssitzung von nur 20 Minuten ließen sich erste neurologische Veränderungen beobachten.
In einer anderen Untersuchung brauchte es für diese allerdings sechs
bis elf Stunden. Für nachweislich mehr Substantia grisea wiederum ist
wohl Ausdauer nötig: Menschen, die Yoga mehrere Jahre bis Jahrzehnte regelmäßig intensiv praktizieren, weisen mitunter ein größeres Volumen an grauer Masse auf als diejenigen, die erst seit Kurzem Yoga machen.
Das Ursache-Wirkungs-Verhältnis ist in solchen Studien allerdings
schwierig: »Möglich wäre ja auch, dass die Langzeityogis bereits vor dem
Praktizieren ein größeres Hirnvolumen hatten«, gibt Cramer zu bedenken.
Ist Yoga sicher?
Knapp
80 Fallberichte sind in der medizinischen Fachliteratur über so
genannte »unerwünschte Ereignisse« bekannt, die mit Yoga in Zusammenhang
stehen. Diese reichen von Muskelzerrungen und -verletzungen über
Bänderrisse und Frakturen bis hin zu einem Besorgnis erregenden Anstieg
des Augendrucks. »Hinweise auf solche Risiken sind wichtig«, sagt der
Gesundheitswissenschaftler Holger Cramer. Verallgemeinern lassen sich
solche Einzelfälle allerdings nicht.
Tatsächlich treten
Verletzungen beim Yoga wohl nicht signifikant häufiger auf als bei
anderen Sportarten. Das zeigt eine umfassende Metaanalyse aus dem Jahr 2015,
an der Cramer mitgewirkt hat. Nur zwei Prozent der
Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer haben von unerwünschten
Nebenwirkungen der Yogapraxis berichtet; diese gingen zudem meist
schnell wieder vorbei.
Doch Achtung: Menschen mit Vorerkrankungen
sollten unbedingt mit dem Yogalehrenden und gegebenenfalls vorab mit
ihrem Arzt sprechen.
»Der Lebensstil könnte ebenfalls eine Rolle spielen«, sagt Neurowissenschaftler Ott. Umfragen
zeigen beispielsweise, dass Menschen, die Yoga machen, im Vergleich zum
Bevölkerungsdurchschnitt eher körperlich aktiv sind, sich in der Regel
gesünder ernähren, seltener Übergewicht aufweisen und oft gut
ausgebildet sind – »alles Faktoren, die sich positiv auf Struktur und
Funktion des Gehirns auswirken«, erklärt Ott. »Viele Untersuchungen
vergleichen Yogapraktizierende zudem einfach nur mit solchen, die kein
Yoga machen«, ergänzt Psychologe Cramer. Solche Untersuchungen seien
bedeutsam, um die absoluten Wirkungen des Yoga zu ermitteln.
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Wichtig wären zusätzlich Studien mit Kontrollgruppen, die
eine andere Sportart machen, sowie ein Vergleich zwischen den einzelnen
Stilen. Denn auch wenn Hatha, Bikram und Vinyasa sich in den
Grundelementen ähneln, sind sie in ihrer Ausprägung doch
unterschiedlich. Nicht zu vergessen die meist kleine Anzahl an
Probanden. Im Schnitt sind es zwischen 25 und 36 Personen – wenn es
hochkommt, 100, manchmal sind es hingegen nur vier. »Repräsentativ ist
das nicht«, sagt Ott. Um die Wirkmechanismen genauer zu unterscheiden,
brauche man neben den MRT-Aufnahmen daher Daten zum Lebensstil sowie
Langzeitstudien.
Dass Yoga unser Gehirn verändert und einen
positiven Effekt auf Körper und Geist hat, steht für zahlreiche Forscher
dennoch außer Frage. Es sind Effekte, die sich mit etwas Glück auch
therapeutisch nutzen lassen. In der Charité untersucht ein Team derzeit,
wie gut Ängste mit Yoga zu behandeln sind. Um Demenz vorzubeugen und
Schlaganfallpatienten sowie Menschen mit Parkinson zu behandeln, kann
Yoga ebenfalls sinnvoll sein. »Wie genau das Training für diese Gruppen
aussehen sollte, muss allerdings erst untersucht werden«, sagt
Neurowissenschaftler Ott. Yoga zu praktizieren, mag entspannen; es zu
erforschen, ist aber noch viel Arbeit.
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