Dienstag, 23. Februar 2021

Der springende Punkt der Vernunft.

frank boehme                          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Nicht die Philosophie, sondern die Aufgabe, die Tendenz zur Philosophie geht aus von dem Facto, dass wir Bewusstsein haben. Unter den Bestimmungen und Zuständen unseres Bewusstseins, die wir Vorstellungen nennen, sind einige begleitet von dem Gefühle der Notwendigkeit, andre hingegen hängen bloß von unserer Willkür ab.

1. An diesem Factum zweifelt niemand; es kann keine Frage darüber entstehen, und wer da nach einem Beweise fragt, der weiß nicht, was er will. ...

2. Bemerke man wohl, wie diese Tatsache gestellt ist; es ist behauptet worden, es gibt Vor-stellungen mit dem Gefühle der Notwendigkeit begleitet, dass ihnen Dinge entsprechen; nicht, daß Dinge sind.

3. An dies unbezweifelt gewisse Factum wird etwas angeknüpft, nämlich die Idee eines Grundes. Nämlich der Philosoph fragt: Welches ist der Grund der in mir mit dem Gefühl der Notwendigkeit vorkommenden Vorstellungen? Dass es einen Grund gebe, wird als ausgemacht angenommen, die Frage lautet nur: Welches ist dieser Grund?
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo , Hamburg 1982, S. 12


Nota. - Der Ausgangspunkt der Transzendentalphilosophie ist, dass Vernunft ist. Sie mag nicht allerorts jeder- zeit herrschen; aber zu ihrem Wesen gehört, dass sie allgemeine Herr-schaft beansprucht. Oder anders, unter ihrem Namen könnte jeder allezeit Herrschaft be-anspruchen. Es gilt also festzustellen, was Vernunft ist. 

Diese Arbeit heißt Vernunftkritik. Sie beginnt mit einer Bestandsaufnahme: Was gilt allent-halben als vernünftig? Dieses ist zu überprüfen. Der vernünftige Mensch unterscheidet in seinem Bewusstsein zwischen Vorstellun- gen, die wahr sind, und solchen, die er frei er-funden hat. Das ist bei Licht betrachtet die allererste Prämisse, von der Menschen ausgehen, die miteinander in einem vernünftigen Verkehr stehen.

Was ist eine wahre, was ist eine frei erfundene Vorstellung? Wahr ist eine Vorstellung, der außerhalb des Bewusstseins etwas Wirkliches entspricht, erfunden ist eine, der außerhalb des Bewusstseins nichts entspricht. Die Frage ist nun: Wie kommt das Bewusstsein zu der Annahme, dass es Vorstellungen gibt, denen Etwas entspricht - und woran erkennt man den Unterschied?

Von Anfang an ist klargestellt: Die Wissenschaftslehre wirft nicht die Frage auf, ob die Welt wirklich ist. Sie un- tersucht lediglich die Gründe, die uns berechtigen, sie dafür zu halten. Weiter kann sie schlechterdings nicht fragen. Sie kommt aus dem Bewusstsein und geht an keiner Stelle über das Bewusstsein hinaus.
 

Etwa in die Dinge hinein? Wie sollte das möglich sein?
26. 11. 18

 
Nota II. - In transzendentalen Angelegenheit kann man gar nicht pingelig genug sein. Ich schrieb in Nota I von Vorstellungen, denen außerhalb der Vorstellung 'etwas entspricht'. Doch wohlbemerkt: Nicht der Vorstellung 'entspricht' in der Wirklichkeit Etwas. Wie kann die Vorstellung über sich hinaus und "in" die Dinge hinein? Nein, nicht den Vorstellungen entspricht 'etwas'. Sondern unter den Vorstellungen, die wir uns machen, sind solche, von denen wir uns vorstellen, dass ihnen außerhalb ihrer 'etwas entspricht'; und sind andere, von denen wir uns derlei nicht vorstellen. 
 
Der springende Punkt: Wir sind gewiss, dass wir sie unterscheiden können!  Wir unterschei-den nicht, was bloße Vorstellungen und was wirkliche Dinge sind. Wenn wir das könnten, gäbe es für Transzendentalphilosophie keine Erfordernis. Sondern wir unterscheiden unsere Vorstellungen nach solchen, die beanspruchen, dass ihnen etwas entspräche, und solchen, die es nicht beanspruchen. 
 
Das allerdings können wir, wenn wir uns nur deutlich genug vor Augen führen, wie wir diese Vorstellungen jeweils erzeugt haben: Es ist das Gefühl der Gewissheit. Das haben wir oder haben wir nicht. Der Schuster bleibt bei seinem Leisten und behauptet nicht, über seinen Schatten zu springen.
JE





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