frank boehme zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Nicht die Philosophie, sondern die Aufgabe, die Tendenz zur Philosophie geht aus von dem Facto, dass
wir Bewusstsein haben. Unter den Bestimmungen und Zuständen unseres
Bewusstseins, die wir Vorstellungen nennen, sind einige begleitet von
dem Gefühle der Notwendigkeit, andre hingegen hängen bloß von unserer
Willkür ab.
1. An diesem Factum zweifelt niemand; es kann keine Frage darüber entstehen, und wer da nach einem Beweise fragt, der weiß nicht, was er will. ...
2. Bemerke man wohl, wie diese
Tatsache gestellt ist; es ist behauptet worden, es gibt Vor-stellungen mit
dem Gefühle der Notwendigkeit begleitet, dass ihnen Dinge entsprechen;
nicht, daß Dinge sind.
3. An dies unbezweifelt gewisse Factum wird
etwas angeknüpft, nämlich die Idee eines Grundes. Nämlich der Philosoph
fragt: Welches ist der Grund der in mir mit dem Gefühl der
Notwendigkeit vorkommenden Vorstellungen? Dass es einen Grund gebe, wird
als ausgemacht angenommen, die Frage lautet nur: Welches ist dieser
Grund?
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo , Hamburg 1982, S. 12
Nota. - Der Ausgangspunkt der Transzendentalphilosophie ist, dass Vernunft ist. Sie
mag nicht allerorts jeder- zeit herrschen; aber zu ihrem Wesen gehört,
dass sie allgemeine Herr-schaft beansprucht. Oder anders, unter ihrem
Namen könnte jeder allezeit Herrschaft be-anspruchen. Es gilt also festzustellen, was Vernunft ist.
Diese Arbeit heißt Vernunftkritik. Sie beginnt mit einer Bestandsaufnahme: Was gilt allent-halben
als vernünftig? Dieses ist zu überprüfen. Der vernünftige Mensch
unterscheidet in seinem Bewusstsein zwischen Vorstellun- gen, die wahr
sind, und solchen, die er frei er-funden hat. Das ist bei Licht
betrachtet die allererste Prämisse, von der Menschen ausgehen, die
miteinander in einem vernünftigen Verkehr stehen.
Was ist eine
wahre, was ist eine frei erfundene Vorstellung? Wahr ist eine
Vorstellung, der außerhalb des Bewusstseins etwas Wirkliches
entspricht, erfunden ist eine, der außerhalb des Bewusstseins nichts
entspricht. Die Frage ist nun: Wie kommt das Bewusstsein zu der Annahme, dass es Vorstellungen gibt, denen Etwas entspricht - und woran erkennt man den Unterschied?
Von Anfang an ist klargestellt: Die Wissenschaftslehre wirft nicht die Frage auf, ob die Welt wirklich ist. Sie un- tersucht lediglich die Gründe, die uns
berechtigen, sie dafür zu halten. Weiter kann sie schlechterdings nicht
fragen. Sie kommt aus dem Bewusstsein und geht an keiner Stelle über
das Bewusstsein hinaus.
Etwa in die Dinge hinein? Wie sollte das möglich sein?
26. 11. 18
JE
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