
aus welt.de, 3. 9. 2021 zu Geschmackssachen
Es könnten Schalen sein, wie man sie bei einem Strandspaziergang aufliest: verkrustet, leicht lädiert und unscheinbar. Die bräunlichen Häuschen stammen von Meeresschnecken, messen anderthalb bis zwei Zentimeter und sind allesamt durchlöchert. Bei sehr genauer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die Löcher nur zum Teil natürlichen Ursprungs sind. Feine Spuren zeigen: Ihre Kanten wurden geglättet und ihre Oberflächen poliert – von menschlicher Hand.
Das macht die rund drei Dutzend Schneckenhäuser, die in Marokko ausgegraben und nun im Journal „Science Advanced“ vorgestellt wurden, zu einem außergewöhnlichen Fund. Denn wie das Autorenteam um den Anthropologen Steven L. Kuhn von der Universität Arizona schreibt, handelt es sich um Perlen, die vor mindestens 142.000 Jahren hergestellt und getragen wurden – und damit um die ältesten bisher entdeckten Preziosen dieser Art.
Die Forscher sehen darin zudem den ältesten Beleg dafür, dass Menschen sich schmückten, um ihre Gruppenzugehörigkeit mitzuteilen. Es ist der Beleg für eine Form von Kommunikation, die bis heute fortlebt.
Um die Schalen unter dem Mikroskop untersuchen zu können, lösten die Forscher diese Krusten teilweise mit verdünnter Essigsäure. Nach der Freilegung wurde sichtbar, dass 75 Prozent der Fundstücke an ihren Öffnungen feine Rillen und Polituren aufwiesen. Außerdem entdeckten die Forscher Absplitterungen, die auf die Bearbeitung mit einem Steinwerkzeug hindeuten.
Per Uran-Thorium-Datierung bestimmte das Team zudem das Alter der Schichten, aus denen die Schalen geborgen wurden. Demnach stammen die Perlen aus einem Zeitraum vor 142.000 bis 150.000 Jahren; in der Studie legen sich die Autoren auf ein mutmaßliches Alter der Schmuckstücke von 149.000 Jahren fest.
„Die Uran-Thorium-Datierung ist eine relativ inexakte Methode“, sagt dazu der Archäologe Nicholas Conard von der Universität Tübingen, der an der Studie nicht beteiligt war. „Eine Abweichung von einigen Zehntausend Jahren ist daher nicht ausgeschlossen.“ Sowohl in Nord- und Südafrika als auch in der Levante habe man zahlreiche durchlöcherte Schneckenhäuser gefunden, die circa 100.000 Jahre alt seien.
Ob die marokkanischen Exemplare wirklich die ältesten ihrer Art seien, lasse sich nicht ganz zweifelsfrei sagen. Conard hält die Befunde aber für „belastbar“ – und den Fund für ein wichtiges Puzzleteil: „Studien wie diese helfen sehr dabei, die Lücken in unserem Wissen über die Menschen aus jener Zeit zu schließen.“
Tatsächlich glauben Steven L. Kuhn und seine Kollegen, dass die Perlen ein weitverbreitetes Kommunikationsmittel darstellen: „Sie waren wahrscheinlich Teil der Art und Weise, wie die Menschen ihre Identität mit ihrer Kleidung zum Ausdruck brachten“, vermutet Kuhn. Und zwar nicht im Familien- und Freundeskreis, sondern gegenüber größeren Gruppen von Fremden.
In den Studien zu früheren Funden kamen die Forscher zu ähnlichen Schlüssen: Die Art, wie Menschen ihre Perlen fertigten und trugen, symbolisierte demnach, aus welcher Kultur sie stammten.
Nicholas Conard hält das für plausibel; er selbst hat auf der Schwäbischen Alb Perlen aus Mammutelfenbein ausgegraben, denen er die gleiche Funktion zuschreibt. Zwar könne Schmuck auch Ausdruck einer individuellen Identität sein; aber in dem Fall, so erklärt er, finde man eher viele einzigartige Objekte. Die Schneckenhäuser seien dagegen überall sehr ähnlich und gleichmäßig bearbeitet – eben so, als seien sie das Erkennungszeichen einer bestimmten Gruppe oder Kultur. Die Tradition des Schmückens sei vermutlich über Generationen weitergegeben worden und habe sich mit der Wanderung des Menschen über die Kontinente ausgebreitet.
Diese Symbolik ist erhalten geblieben. Bis heute verraten Ornamente, die ein Mensch trägt, viel darüber, welcher Gruppe er sich zuordnet. Nur, sagt Conard, seien es nun eben meist keine Schneckenhausperlen mehr – sondern zum Beispiel: Eheringe.
Kommentar zu Ältester Schmuck in Marokko entdeckt.
Nota. - Ästhetisches Wahrnehmen gilt unter Paläoanthropologen als ein und womöglich das Kriterium, an dem Homo sapiens von seinen Vorgängern unterschieden werden kann. Al-lerdings hat man in Südafrika Hinweise darauf gefunden,
dass Körperbemalung - nur zur Zierde oder aus kultischen Gründen? -
schon bei Homo erectus vorkam. Allerdings sind es nur Werkstätten, an
denen Ockerfarben abgebaut und zubereitet worden sind. Über deren
Verwendung kann man naturgemäß nur mutmaßen, weil keine dazu passenden
Objekte gefunden wurden; Menschenhaut ist vergänglich.
JE
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