Dornauszieher
aus spektrum.de, 4. 9. 2021
Medizin-Nobelpreis 2021 zu Jochen Ebmeiers Realien
Wie fühlt der Körper Schmerz, Druck und sich selbst?
Wir
finden Chilis heiß und scharf, zucken bei eiskalten und brühheißen
Berührungen zurück und stehen unbewusst gerade, ohne dabei hinzufallen.
All das hat miteinander zu tun: Die zwei neuesten
Medizinnobelpreisträger haben es erforscht.
von Jan Osterkamp
Wenn
Anfang Oktober die wichtigsten Preise der Wissenschaft vergeben werden,
ist das immer ein schöner Anlass sich darüber zu freuen, was
hartnäckige und neugierige Menschen so alles herausfinden können. Und ab
und an erinnert die Preisverleihung auch daran, wie viel unverstandene
Selbstverständlichkeiten es in unserer Welt gibt – bis jemand kommt, sie
untersucht, beschreibt und am Ende eben doch versteht. Der Nobelpreis für Medizin und Physiologie ehrt in diesem Jahr 2021 zwei Forscher, die genau das getan haben: den Sinnesphysiologen David Julius und den Molekularbiologen Ardem Patapoutian.
Sie erhalten die Auszeichnung dafür, die lange unbekannte
Funktionsweise von zwei Typen von Sinnessensoren des Menschen erforscht
zu haben; jenen Rezeptoren, die uns Schmerz und Druck sowie Wärme und
Kälte spüren lassen.
Das für
Druckschmerz und Temperatur verantwortliche Sensorium war für
Sinnesphysiologen lange ärgerlich mysteriös geblieben, und das noch
mindestens bis zur letzten Jahrtausendwende. Damals wusste man schon
längst im Detail, wie zum Beispiel Licht oder Schallwellen die für sie
zuständigen Rezeptoren in Auge und Ohr reizen, um so optische und
akustische Neuronen zu aktivieren und Informationen ins Gehirn zu
senden. Aber wo waren Sensoren für Hitze oder Schmerz? Wie könnten sie
überhaupt aussehen?
Der
1955 in New York geborene David Julius, heute an der University of
California in San Francisco, hat sich in den 1990er Jahren auf die Suche
nach den Sensoren der Schmerzwahrnehmung gemacht. Zum wichtigsten
Hilfsmittel wurde ihm dabei ein chemischer Wirkstoff, der verlässlich
Schmerzreize auslöst, die Julius dann in Experimenten analysieren
konnte: Das in rotem Pfeffer, Peperoni und Paprika enthaltene Capsaicin,
welches je nach Dosis mehr oder weniger schmerzhaften brennendenGeschmack hinterlässt – etwa auf der Zunge von Menschen, die ein
scharfes Chili essen.Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Schmerz – Neue Wege aus der Pein
Am Ende lohnte sich die Mühe: Eine unter den vielen veränderten Zellen reagierte tatsächlich auf Capsaicin; sie baute demnach auch den dafür zuständigen Rezeptor, den die Forscher nun genauer untersuchen konnten. Das Protein bekam zunächst den Namen VR1 – für Vanilloid-Rezeptor 1, Capsaicin gehört chemisch zur Gruppe der Vanilloide –, und wurde schließlich unter dem Namen TRPV1 berühmt.
Weitere
Untersuchungen machten klar, dass das Rezeptorprotein in der
Zellmembran steckt und auf Temperaturreize reagiert: Bei als schmerzhaft
empfundenen Hitzereizen von über 40 Grad Celsius wird es aktiv und
lässt Kalziumionen durch die Membran. Der Schmerz-Temperatursensor
arbeitet damit ähnlich wie andere Sensorproteine als Ionenkanal. Das
Protein wird, wie nachfolgende Studien in den Jahren nach der Entdeckung
zeigen konnten, in verschiedenen schmerzleitenden Neuronen von Mäusen
und Menschen produziert und fehlt dagegen in Nervenleitungen mit anderen
Aufgaben, so etwa in Neuronen, die für die Weiterleitung von nicht
schmerzhaften Druckreizen zuständig sind.
Ein noch nicht ganz verstandener Multisensor
Bis
heute arbeiten Forscherinnen und Forscher übrigens daran, die genaue
Arbeitsweise des Rezeptors zu beschreiben und herauszuarbeiten, warum so
unterschiedliche Reize wie Hitze und ein chemischer Stoff wie Capsaicin
derart ähnlich wirken. Klar ist, dass Capsaicin an einer bestimmten
Stelle des Rezeptors andockt und der Kanal sich in einem zweistufigen
Prozess öffnet. Wieso dies auch bei Hitze geschieht, ist noch immer
nicht wirklich verstanden.
Sicher ist dagegen, dass Schmerzreize
nicht immer nur von TRPV1, sondern auch von verschiedenen weiteren,
ähnlichen Rezeptoren wahrgenommen werden. So spüren etwa gentechnisch
veränderte Mäuse ohne TRPV1 durchaus Schmerzen. Verantwortlich sind
dafür Rezeptoren wie der Hitzesensor TRPM3 und weitere Ionenkanäle wie
TRPA1, der beispielsweise auf reizende Substanzen wie Meerrettich und
andere, auch schädlichere Chemikalien reagiert.
Patapoutian hatte sich auch schon früh mit
temperatursensitiven Rezeptoren wie TRPV1 auseinandergesetzt. Dabei
interessierte ihn auch, ob Hitze- und Kälterezeptoren womöglich ähnlich
arbeiten. 2002 kamen er und sein Team sowie die Gruppe um Julius
mit ähnlichen Methoden unabhängig voneinander zum Schluss, dass Kälte
vom Rezeptor TRPM8 erkannt wird, einem den Hitzesensoren verwandten
Kanalprotein. Patapoutian forschte zudem aber auch an einem anderen Typ
von Sensor: dem Druckrezeptor, der bei Menschen leichte und stärkere
Berührungen meldet.
Was den Körper sich selbst fühlen lässt
Druck-
oder Berührungssensoren hatten Wissenschaftler zunächst nur bei
verschiedenen Mikroorganismen identifiziert – und schnell vermutet, dass
diese mit dem Sinnessystem der Menschen oder anderer Wirbeltiere nicht
viel gemein haben dürften. Also machten sich Patapoutian und seine
Mitarbeiter auf die Suche nach alternativen Rezeptoren: In
arbeitsintensiven Experimenten stupsten sie die Zellen mit Mikropipetten
an und warteten auf Reaktionen. Dabei fiel ihnen schließlich eine
Zelllinie auf, die auf den mechanischen Reiz mit elektrischen
Signalimpulsen reagierte. In dieser Zelllinie haben sie dann 72
Genkandidaten identifiziert, die das Verhalten erklären könnten – und
diese Gene einzeln abgeschaltet, um den Versuch mit 72 genetisch subtil
veränderten Kandidaten zu wiederholen. Am Ende entdeckte das Team ein
einzelnes Protein, das nicht fehlen darf, damit Berührungsreize erkannt
werden: ein bis dato völlig unbekannter mechanosensitiver Ionenkanal,
der später den Namen Piezo1 bekam. Etwas später identifizierten die
Rezeptorforscher dann eine Variante davon, genannt Piezo2. Beide
zusammen werden aktiv, wenn die Membranen einer Zelle belastet werden.
Die Aufgabe dieser Druckrezeptoren ist allerdings weit vielfältiger, als dem Körper etwa nur einen von außen kommenden Berührungsreiz der Haut weiterzumelden. Piezo2 etwa gibt als typischer Propriorezeptor ständig Signale ab und reagiert dabei auf jene subtilen Formveränderungen einzelner Körperzellen, wie sie bei den unbewussten Bewegungen im Alltag auftreten – ihnen verdanken wir, dass wir unser Körpergewicht in unterschiedlichsten Positionen ständig im Gleichgewicht halten. Propriorezeptoren wie die von Patapoutian und seinen Kollegen sind als Sensoren für eine ganze Reihe weiterer, meist unbewusster Körperprozesse wichtig, etwa bei der Regulation des Blutdrucks oder der Blasentätigkeit.
Die Arbeit von David Julius und Ardem Patapoutian
hat mit klassischer Grundlagenforschung Wissenslücken in der
Physiologie geschlossen – sie hat aber so auch neue Forschungsansätze
denkbar gemacht, etwa im Bereich der angewandten Medizin. Ein Beispiel
ist die Schmerzforschung, wie der aktuelle Nobelpreisträger schon 2007 in »Spektrum der Wissenschaft« zusammengefasst hat:
Mit dem Wissen um die Bau- und Funktionsweise der Schmerzrezeptoren
lassen sich vielleicht Wirkstoffe entwickeln, die sehr präzise bei den
Sensoren selbst ansetzen – für bessere Schmerzlinderung bei weniger
Nebenwirkungen.
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