Sonntag, 31. Oktober 2021

Das Übergehen ist das Reale, und Freiheit ist seine Bedingung.

meeresfoto                  aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Jenes Übergehen als solches wird angeschaut als seinen Grund schlechthin in sich selbst ha-bend, die Handlung dieses Übergehens heißt drum reale Tätigkeit, welche der idealen, die die erste bloß rein abbildet, entgegengesetzt wird; sonach wird die Tätigkeit des Ich in diese beiden Arten derselben eingeteilt.

Nach dem Grundsatze der Bestimmbarkeit ist ein reales Handeln nicht zu setzen ohne ein reales oder praktisches Vermögen. Reale und ideale Tätigkeit sind durch einander be-dingt und bestimmt, eine ist nicht ohne die andre, und was die eine sei, lässt sich bloß durch die andere begreifen. In diesem Akte der Freiheit wird das Ich sich selbst Objekt. Es ent-steht ein wirkliches Bewusstsein, an dessen Punkt von nun an alles angeknüpft werden muss, was Objekt desselben sein soll. Die Freiheit ist sonach der erste Grund und die erste Bedingung alles Seins und alles Bewusstseins.
______________________________________________________________________ J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 46



Nota I. - Wirklich ist nur das Übergehen, denn nur Tätigkeit ist wirklich, und tätigsein ist übergehen von der Bestimmbarkeit zur Bestimmung. Der erste Grund und die erste Bedin-gung des Tätigseins dagegen ist nicht real: Freiheit ist, wie das Ich, ein Noumenon. Sie kön-nen nur postuliert werden.
25. 7. 16
 

Nota II. -
 
Dass nicht das unbewegte Sein, sondern das tätige Übergehen das Wirkliche sei, wäre als bloße Tatsache bête comme un fait. Doch was heißt Tat sache? Mit wirklich und unwirklich wird doch kein Sach verhalt bezeichnet, sondern sondern eine Bedeutung fürs praktische Leben: ein 'Wert'. Und da fällt nicht die Tatsache selbst ins Gewicht, sondern ihre Herkunft - nämlich aus der Freiheit. Übergehen ist dem Menschen näher als sein.
JE

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