aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Der
praktische Zweck nun ist, diese Zweifel zu lösen; den Menschen in
Übereinstimmung mit sich selbst zu bringen, dass er aus Überzeugung und
aus Gründen seinem Bewusstsein glaubt, wie er es vorher aus Vernunftinstinkt tat. (Der ganze / Zweck
der Bildung des Menschen ist, ihn durch Arbeit zu dem zu machen, was er
vorher ohne Arbeit war.) Dieser Zweck ist in der Kantischen Philsosphie
völlig erreicht, sie ist bewiesen, und jeder, der sie versteht, muss
sie für wahr halten.
Aber
der Mensch ist auch nicht bestimmt, sich damit begnügen zu lassen. Er
ist bestimmt zu vollständiger und systematischer Kenntnis. Es ist nicht
genug, dass unsere Zweifel gelöst und dass wir zur Ruhe verwiesen sind,
wir wollen auch Wissenschaft. Es ist ein Bedürfnis der Menschen nach
Wissenschaft, und die Wissenschaftslehre macht sich anheischig, dies
Bedürfnis zu befriedigen.
Also
die Resultate der Wissenschaftslehre sind mit denen der Kantischen
Philososphie die-selben, nur die Art, sie zu begründen, ist in jener eine
ganz andere. Die Gesetze des mensch-lichen Denkens sind bei Kant nicht streng wissenschaftlich abgeleitet, dies soll aber in der
Wissenschaftslehre geschehen. In dieser werden abgeleitet die Gesetze
des endlichen Ver-nunftwesens überhaupt; im Kantischen System werden bloß
aufgestellt die Gesetze des Menschen, weil es bloß auf Erfahrung
beruht, diese werden in der Wissenschaftslehre be-wiesen.
Ich
beweise jemandem etwas heißt, ich bringe ihn dazu, dass er annehme,
dass er irgendei-nen Satz schon zugegeben habe, indem er die Wahrheit
irgendeines anderen vorher zugege-ben hatte. Jeder Beweis setzt also bei
dem, dem er bewiesen werden soll, schon etwas Bewie-senes voraus, und
zwei, die über nichts einig sind, können einander auch nichts beweisen.
Da
nun die Wissenschaftslehre beweisen will die Gesetze, nach denen das
endliche Ver-nunftwesen bei Hervorbringung seiner Erkenntnis verfährt: so
muss sie dies an irgend et-was anknüpfen, und da sie unser [Wissen?] begründen will, an etwas, das jedermann zugibt. Gibt es so etwas nicht, so ist systematische Philosophie unmöglich.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 6f.
Nota. - Das
ist das Verfahren der Wissenschaftslehre: Statt freihändig Begriffe zu
definieren und daraus ein System zu bauen, sucht sie in den wirkliche
Vorstellungen der 'endlichen' Vernunftwesen die ihnen zu Grunde
liegenden anschaulichen Voraussetzungen auf, und erst, wenn sie an den
Punkt gerät, hinter den es nicht hinausgeht, kehrt sie ihren Gang um
und setzt, was sie zuvor analytisch auseinandergelgt hatte, synthetisch
wieder zusammen; daran, ob auf diesem Weg die wirkliche
Vorstellungswelt der 'endlichen Vernunftwesen' hinreichend rekonstruiert
werden kann, entscheidet sich ihre Richtigkeit.
Nota II. - 'Der Mensch
ist bestimmt zu vollständiger und systematischer Kenntnis': woher weiß
er das? Nach seiner Lehre ist der Mensch, sofern er Vernunftwesen ist,
nur bestimmt als das, wozu er sich selbst bestimmt. Wenn er sagt 'So ist
es', kann es sich entweder um die Feststellung eines empirisch
Vorgefundenen handeln, oder um ein Postulat: 'So soll es sein.' -
Tatsächlich handelt es sich hier um beides; es ist die historisch
vorgefundene Tatsache des autonomen bürgerlichen Subjekts; und der
Entschluss des theoretischen Philosophen, dies empirisch Gegebene als
den Zielpunkt seiner (Re-) Konstruktion anzusehen. Die Wissen-schaftslehre ist die Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters.
30. 5. 16
Nota III. - '... dass er aus Überzeugung und
aus Gründen seinem Bewusstsein glaubt, wie er es vorher aus Vernunftinstinkt tat': Die Vernunft kam zuerst, die Vernunftkritik kam danach.
Der gesunde Menschenverstand vertraut der Vernunft, weil sie ihm durch Dienste, die sie täglich leistet, ihre Zuverlässigkeit beglaubigt. Zur Kritik gibt es im geschäftigen Alltag kei-nen Anlass. Anders ergeht es den Gelehrten. Sie begnügen sich nicht mit der Einsicht, dass etwas ist, sondern wollen wissen, warum.
Dem gesunden Menschenverstand liegt es klar und deutlich vor Augen, dass eralles, was er weiß, aus Erfahung weiß. Der harte Kern der Erfahrung ist die Beobachtung, dass dieses nicht zufällig, sondern mit Notwendigkeit aus jenem folgt. Und just an diesem Kern muss der gesunde Menschenverstand, wenn er nur soviel Skepsis walten lässt wie bei seinen Geld-geschäften, einsehen, dass er gerade dies nicht "aus Erfahrung" weiß. Beobachten kann er vorher und hinterher; aber wegen kann er weder sehen noch betasten, weder hören, schme-cken oder riechen.
Das war der Punkt, an dem Kants Kritik ansetzte.
Nota. Das
obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
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