birgitH, pixelio.de zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Soll sich aber etwas aus ihr entwickeln lassen, so
müssen in den durch sie vereinigten Be-griffen noch andere enthalten
liegen, die bis jetzt nicht aufgestellt sind; und unsere Auf-gabe ist
die, sie zu finden. Dabei verfahrt man nun auf folgende Art. – Nach § 3.
entstehen alle synthetische Begriffe durch Vereinigung
entgegengesetzter. Man müsste demnach zu-vörderst solche entgegengesetzte
Merkmale der aufgestellten Begriffe (hier des Ich und des Nicht-Ich,
insofern sie als sich gegenseitig bestimmend gesetzt sind) aufsuchen;
und dies geschieht durch Reflexion, die eine willkürliche Handlung
unseres Geistes ist. –
Aufsuchen, sagte ich; es wird demnach vorausgesetzt, dass sie schon vorhanden sind, und nicht etwa
/ durch unsere Reflexion erst gemacht und erkünstelt werden (welches
über-haupt die Reflexion gar nicht vermag), d.h. es wird eine
ursprünglich nothwendige anti-thetische Handlung des Ich vorausgesetzt.
Die Reflexion hat diese antithetische Handlung
aufzustellen: und sie ist insofern zuvörderst analytisch. Nemlich
entgegengesetzte Merkmale, die in einem bestimmten Begriffe = A
ent-halten sind, als entgegengesetzt durch Reflexion zum
deutlichen Bewusstseyn erheben, heisst: den Begriff A analysiren.
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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 123 f.
Nota I. - Der erste Gang der Vernunftkritik, den zur Hälfte bereits Kant zurückgelegt hatte, ist Kritik, und das heißt Reflexion - und verfährt daher analytisch. Ihr Weg ist aufsuchen und auffinden:
Es gilt, die Erscheinungen des vernünftigen Denken hinab zu verfolgen
bis auf ihren Ursprung. Vernunft ist gegeben als eine Große Synthesis,
und da Synthesis ge-schieht durch die Vereinigung Entgegengesetzter, muss
Analyse verfahren als Zerlegung der je Gegebenen in zwei
Entgegengesetzte.
Die
letzte (bzw. erste) Synthesis, die die Analyse vorfindet, ist der
Gegensatz Ich-Nichtich. Er ist eine ursprüngliche Zerteilung. Dieser
voraus muss gedacht werden eine Ursynthesis als das Was der Ur-Teilung.
Die Ur-Synthesis ist eine Selbstsetzung, die wiederum nur denkbar ist
als Selbstentgegensetzung.
Auf diesem ihren Grund
angekommen, beginnt als zweiter Gang der Wissenschaftslehre die
Rekonstruktion des Ganges der Vernunft bis zum Stand unseres
gegenwärtigen Wissens.
29. 4. 18
Nota II. - Hier befinden wir uns noch in der Darstellung der Grundlage.... Die folgt noch dem akademischen Kanon, der bei Begriffen, nämlich ihren (durch wen autorisierten?) De-finitionen anfängt. Der wirkliche Gang der Vernunft leitet jedoch nicht folgende Begriffe aus den ihnen vorhergehenden ab, sondern entwickelt aus elementaren Vorstellungen be-stimmtere Vorstellungen. Es ist das Vorstellen selbst, aus der die Entwicklungsdynamik stammt: die Einbildungskraft, die sich-selbst bestimmt. Reflexion ist nichts anderes als die Rückwendung des Einbildens auf sich selbst: Es "macht was" aus sich.
Die WL nova methodo beginnt dagegen richtigerweise mit dem Vorstellen selbst: dem Einbilden. Die Wissenschaftslehre zeichnet den Gang des fortschreitenden sich-Bestim-mens des Einbildens/Vorstellens nach. Je bestimmter die Vorstellung wird, umso begriffe-ner ist sie. Geht nun das Einbilden/Vorstellen auf sich selbst, begegnet es sich als einem Vorgefundenen, das es zu analysieren gilt.
JE
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