Dem heutigen Leser ist
es befremdlich, dass im antiken Bildungskanon Rhetorik gleich-rangig
neben Logik und Grammatik stand. Unter Rhetorik versteht er die Kunst,
durch geschickte Wortwahl den Hörer für richtig halten zu machen, was
falsch ist. Dabei war sie ursprünglich die Kunst, den Hörer genau das
verstehen zu lassen, was der Redner gemeint hat; was ein gegebner Redner
einem gegebnen Publikum zu verstehen geben wollte. Ihr Kriterium war gar nicht das an sich Richtige, sondern das, was das redende Subjekt gemeint hat.
Das war zu einer Zeit, als an etwas, das objektiver wäre, noch gar nicht zu denken war. Scriptura, "die Schrift", war eo ipso die Heilige: die
Bibel gab es in Schriftform, es gab sie überall, wo eine Kirche stand,
sie war überall dieselbe, aber nur die Priester der Römischen Kirche
konnten sie entziffern und - nur sie konnten sie zur Hand nehmen. Allein sie war das Wort, war Maßstab der gesprochenen Wörter.
Außerhalb der Gelehrtenrepublik und ihrer Korrespondenzen gab es nur das lebendige, das gesprochene Wort. Wie
es gesprochen wurde war das aufgegebene und allgegenwärtige Pro-blem.
Maßstab war, ob es so verstanden wurde, wie es gemeint war. Die Idee,
nach einem Objektivum zu suchen, konnte niemandem einfallen; es sei
denn, man hätte einen hierar-chisch Oberen herbeigerufen, der von Amts
wegen der Wahrheit näher stand - doch auch der hätte sich mündlich mitteilen müssen: rhetorisch.
Am Anfang war das Wort, nämlich das gesprochene Wort. Die Niederschrift war nicht ori-ginär, sondern bloß eine Rückversicherung; denn das Gedächtnis kann irren.
Mit der Gutenberg-Revolution hat sich dieses Verhältnis umgekehrt. Was die Worte an sich bedeuten, ist festgehalten in der Schrift, und die ist öffentlich: jedermann
zugänglich im ge-druckten Buch (oder der Zeitung!), nicht nur dem
zufälligen kleinen Kreis der Hörer hier und jetzt. Man wird darüber
streiten können, auch noch in kommenden Generationen, man kann sich Zeit
lassen und zum Vergleich andere Bücher heranziehen.
Bedeutung ist nunmehr objektiv. Das
geschriebene Wort ist den Umständen von Raum und Zeit entzogen und
subjektive Unterschiede im Textverständnis lassen sich im Diskurs
aus-gleichen. Es kann sogar die Idee aufkommen, die Bedeutung der Wörter
ließe sich ihrer all-täglichen Verwendung entziehen und auf einen
'analytisch' freizulegenden Atomkern redu-zieren! Und
was immer die Rhetorik diesem endgültig identifizierten Sinnkern
hinzufügt, kann nur falsch sein. Am besten wäre es, man könnte die
Schrift ihrerseits zu mathemati-schen Symbolen reduzieren...
All das ist eine Errungenschaft des Gutenberg'schen Zeitalters. Es ist die Dialektik der digi-talen Revolution,
dass sie mit der Zerlegung der Welt in I und 0 zugleich die analogen
Bilder und die rhetorischen Blumen zu neuer Blüte treibt. Die
Trivialisierung und Profanierung des Geschriebenen, das ursprünglich nur
den Heiligen Worten zugedacht war, nährt den Verdacht, dass das, was zu
sagen eigentlich wichtig wäre, doch nur in anschaulicher Weise gesagt werden kann.
Freitag, 29. Oktober 2021
Der Verruf der Rhetorik begann mit der Gutenberg-Revolution.
26. 4. 16
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen