Ludwig Engelhardt, Lesender Arbeiter aus Marxiana
Dem Kapitalisten ist an
dem Mehrwert, den er selber produziert, gar nichts gelegen. Ihn
interessiert der Teil am gesellschaftlichen Gesamtprofit, den er
ergattern kann. Ob die Geldsumme, die ihm der Markt einträgt, einem
materielles Produkt entspricht, das er auf den Markt gebracht hat, oder
lediglich einer spekulativen Finanzoperation geschuldet ist, taucht
unterm Strich in seiner Bilanz gar nicht auf, es kann ihm gleichgültig
sein.
Problematisch wird es
erst in der Umkehrung: wenn nicht mehr genügend Geld herein-käme, um neue
Produkte zu fabrizieren. Dann würden schließlich die Gewinne der einen
von den Verlusten der andern aufgewogen, und am Ende gäbe es gar nichts
mehr zu ver-teilen, weil der ganze Kreislauf zum Stillstand gekommen ist.
Das ist, in groben Worten, das Problem der fallenden Profitrate. Es wird überhaupt erst im III. Band des Kapital
behandelt. Es ist aber das unmittelbarste, dringlichste Problem, das
für das Kapital besteht - und für den Kapitalisten, auch wenn er es als
solches gar nicht kennt. Kapital muss verwertet werden, sonst hört es
auf, eines zu sein. Reichen seine Erlöse nicht aus, den
Reproduktionszyklus wieder von vorn zu beginnen, dann ist er früher oder
später bankrott. Nicht auf die absolute Höhe seiner Einkünfte muss es
dem Kapitlisten ankom- men, sondern auf die relative: Sie müssen ausreichen.
Darum geht es ihm, und
daher sorgt er sich mehr darum, die Vorschusskosten zu senken, die ihm
der neue Reprokuktionszyklus abverlangt, als um den Mehrwert, den ihm
seine Ar-beiter produzieren. Denn nicht den Mehwert, den sein Unternehmen
produziert, streicht der Kapitalist ein, sondern den Profit, den er
beim Verkauf macht, und beide haben unmit-telbar gar nichts mit einander
zu tun.
Generationen von
Arbeiterfunktionären und Agitatoren, später von revolutionär gesonne-nen
Studenten haben in ihren Marx-Schulungen über dem Ersten Band des Kapital
geschwitzt, und der ist grad schwer genug. Doch von dem, was sie dort
erfuhren, erkannten sie in der aktuellen Wirklichkeit kaum etwas wieder,
nicht im Wirtschaftsteil der Zeitungen noch gar im Fakrikalltag. Dann
drückten sie ein Auge zu, trösteten sich damit, noch nicht alles ganz
verstanden zu haben, und wurden doch das dunkle Gefühl nicht los, es
handle sich um ein Abrakadabra, das nur wenigen Eingeweihten zugänglich
ist. Statt dass Wissen Macht wurde, führte auch die 'Schulung' in neue Mystifikation und festigte das Übergewicht der Bürokra-tien in der Arbeiterbewegung.
Wäre die Lösung
gewesen, aufs Studium des Ersten Bandes noch das Studium des Zweiten und
vor allem des Dritten Bandes draufzusatteln?
Klassenbewusstsein
entsteht in Klassenkämpfen. Wo die nicht stattfinden, nützt auch
lite-rarisches Büffeln nicht. Dem kritischen Studierenden wird aber
nichts anderes übrigbleiben.
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