Freitag, 7. August 2020

Rundumbeschulung ist naturgewollt.

R. Doisneau                                        zu Levana, oder Erziehlehre 

Unter der nicht satirisch gemeinten Überschrift 100 Prozent Unterricht – sonst droht eine Bildungs-katastrophe greift heute Die Welt in die Diskussion um die Wiedereröffnung der Schulen nach den Sommerferien ein. Die Expertise dazu kommt

... Schon vor Corona-Zeiten hat ein erheblicher Anteil der Heranwachsenden alarmierende Bildungsdefizite aufgewiesen, wie nationale und internationale Studien wie etwa der letzte Pisa-Test wiederholt belegten. Danach kann fast ein Viertel der 15-Jährigen hierzulande kaum lesen und schreiben.

Diese Gruppe droht durch Schulschließung und anschließenden Notbetrieb endgültig abge-hängt zu werden. Hier bahnt sich eine soziale Tragödie an. Zumal in der Wissensgesellschaft die Lebenschancen jedes Einzelnen noch enger vom jeweiligen Bildungsniveau abhängen werden als heute schon.

Aber es geht nicht nur um persönliche Schicksale. Einer rasant alternden Gesellschaft sollte klar sein, dass sie es sich auch im eigenen Interesse nicht leisten kann, einen noch größeren Anteil der jungen Talente brachliegen zu lassen. Jeder Kopf wird gebraucht, um die Wirt-schaft auch dann noch am Laufen zu halten, wenn die geburtenstärksten Jahrgänge, die es jemals in Deutschland gab, nach und nach in den Ruhestand gehen.

Der üppig ausgebaute Sozialstaat wird mit Sicherheit nicht von funktionalen Analphabeten finanziert werden. Dafür braucht es vor allem gut ausgebildete Fachkräfte. Und das Funda-ment dafür legen – gerade, wenn es sich um bildungsferne Gruppen handelt – die Schulen.

Aber nicht nur Kinder aus sozial prekären Haushalten werden ohne lückenlose Beschulung Wissensdefizite haben. Auch leistungsstärkere Schüler bleiben hinter dem Niveau früherer Jahrgänge zurück, wenn der Schulbetrieb über längere Zeit nur behelfsmäßig funktioniert. Eine Untersuchung des Ifo-Instituts zeigt, dass das Homeschooling im zurückliegenden Sommerhalbjahr den Unterricht bei Weitem nicht ersetzen konnte.

Im Durchschnitt nutzten die Kinder und Jugendlichen während der Corona-Monate nur halb so viele Stunden für das Lernen und verbrachten stattdessen sehr viel mehr Zeit vor dem Fernseher oder mit dem Smartphone. Das Digitalangebot der Schulen beschränkte sich vielfach auf wenige Stunden in der Woche. Und etliche Schüler konnten erst gar nicht aus der Ferne beschult werden, weil sie wegen fehlendem Internetzugang, beengten Wohn-verhältnissen oder mitunter auch mangelndem Interesse online von den Lehrkräften über-haupt nicht zu erreichen waren.

Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. Die bedeutendste Ressource befindet sich in den Köpfen der Menschen. Dass hierzulande Schulen seit vielen Jahren marode sind, weil die Politik das Geld lieber kurzfristig für populären Sozialkonsum ausgibt, war schon vor Coro-na zukunftsblind.

Überdies hat man es versäumt, genügend Lehrkräfte auszubilden, was sich nun doppelt rächt. Umso wichtiger ist es, dem Schulbetrieb jetzt die allerhöchste Priorität einzuräumen. Auch wenn die Pandemie – wovon viele Ärzte und Virologen mittlerweile ausgehen – als Dauerwelle noch lange Zeit anhält, hat jedes Kind einen uneingeschränkten Anspruch auf Bildung.

Digitaler Unterricht ist als Ergänzung des normalen Schulbetriebs sinnvoll. Zumal die Fähig-keit zum eigenverantwortlichen Lernen und die Nutzung der digitalen Medien bislang im deutschen Bildungswesen zu kurz gekommen sind.

Die versprochenen Milliardeninvestitionen für die Digitalisierung der Schulen sind denn auch mit Hochdruck umzusetzen. Vor allem muss für die Lehrer eine entsprechende Wei-terbildungspflicht gelten. Gerade auch die vielen Lehrer, die altersbedingt oder wegen Vor-erkrankungen keinen Präsenzunterricht abhalten, könnten im Fernunterricht zum Einsatz kommen.

Klar ist: Alles, was wir den Kindern und Jugendlichen bei der Bildung heute verweigern, werden sie uns in wenigen Jahren mit Recht vorhalten – wenn es um die Frage geht: Wer pflegt die Alten, wer zahlt für ihre medizinische Versorgung, und wer finanziert ihnen ein auskömmliches Alterseinkommen? Wenn in Corona-Zeiten die Rente zu 100 Prozent aus-gezahlt wird, dann muss auch das Schulangebot ungeschmälert gewährleistet sein. Der Generationenvertrag gilt entweder in beide Richtungen oder gar nicht.

 

Nota. - Kinder, Jugendliche, "die heranwachsende Generation" kommen in Betracht als das Menschenmaterial der Wissensgesellschaft. Man darf es Frau Siems danken, dass sie unge-niert ausspricht, was andere unter geheuchelter Menschenfreundlichkeit verstecken: den Kindern fehle die Gesellschaft der Gleichaltrigen (auf den Schulhöfen), es fehle ihnen das gemeinsame Lernen und der geregelte Tagesablauf! Kurz, es fehle ihnen die naturgegebene Bestimmtheit von Kindsein. Selbige ist zwar erst mit dem Aufkommen der industriellen Zi-vilisation entdeckt worden - doch better late than never. Zuvor war so viel produktives Poten-zial buchstäblich verspielt worden, erst als das Wesen des Menschen als Arbeitnehmer identifi-ziert worden war, konnte auch der wahre Sinn von Kindheit erschlossen werden. 

Und das soll wegen einer Infektion der Atemwege - "eine Art Influenza", sagt The Donald - aufs Spiel gesetzt werden?

Covidiotin, würde Berthold Kohler sagen.

JE


 

 

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