Samstag, 29. August 2020

Die Spur des Orients in der mittelalterlichen Architektur Europas.


aus Tagesspiegel.de,  29. 8. 2020                                                                            zu Geschmackssachen

Alles nur geklaut? 
Wie Islamische Architektur Europas Kulturerbe formte 
Notre Dame, Big Ben, der Markusdom – viele europäische Großbauten haben einen Ursprung in der Architektur des Nahen Ostens. Wie weit geht der Einfluss?
 
Von Bernhard Schulz

Baudenkmale prägen die Identität von Gemeinschaften und Gesellschaften, regional oder national, politisch oder religiös. Vielfach in mehr als einer dieser Dimensionen. Schmerzlich bewusst wurde dies vor einem Jahr, als am 19. April 2019 die Pariser Kathedrale Notre-Dame in Brand geriet und ihr hoch ragender Dachreiter in den lodernden Flammen zusammenstürzte. 

Schmerzlich bewusst, wenn auch auf ganz andere Weise, wurde es vor wenigen Wochen, als der türkische Staatspräsident Erdogan die Hagia Sophia in Istanbul, dem einstigen Konstantinopel, kurzerhand zur Moschee erklärte und mit einem von ihm angeführten Freitagsgebet vor aller (Fernseh-)Augen in die Tat umsetzte.

Der türkische Präsident Erdogan, weitere hochrangige türkische Politiker und zahlreiche Gläubige versammeln sich in und um die Hagia Sophia zum Freitagsgebet.

Wem ein Bauwerk gehört, ist zumindest alltagspraktisch leicht zu beantworten – dem, der über es verfügt. Aber wem „gehört“ Architektur? Da beginnt der Streit.

Wer Istanbul besucht, wird unschwer erkennen, dass die Stadt mit überkuppelten Moscheen reich versehen ist. Eine der größten Kuppeln, von außen in ein dickes Geflecht von Stützmauern eingebunden, ist diejenige der Hagia Sophia.

Die Staatskirche des byzantinischen Reiches wurde unter Kaiser Justinian in der unglaublich kurzen Spanne zwischen 532 und Ende 537 errichtet. Sie war die Hauptkirche der orthodoxen Christenheit bis zur Eroberung von Konstantinopel durch die Osmanen am 29. Mai 1453 und der sofortigen Umwandlung in eine Moschee.

Hat Europa seine größten Bauwerke vom Nahen Osten gestohlen?

So weit, so bekannt; nun aber kommt Notre-Dame ins Spiel. Vor wenigen Tagen erschien ein Buch der Nahost-Expertin Diana Darke mit dem Titel (übersetzt) „Von den Sarazenern gestohlen. Wie Islamische Architektur Europa formte“, das in England schon vor dem ersten Verkaufstag Furore machte 

Diana Darke, Stealing from the Saracens. How Islamic Architecture Shaped Europe. Hurst & Company, London 2020. 474 S., 25 Pfund

Der Architekturkritiker des renommierten „Guardian“, Oliver Wainwright, schrieb einen enthusiastischen Artikel unter der Überschrift „Looted Landmarks“, „Gestohlene Denkmale“, worunter er Notre-Dame, Big Ben und den Markusdom als „dem Osten gestohlen“ zusammenfasste.

Im Internet wogt seither die Diskussion. Für die Hagia Sophia als Zentralkirche der Orthodoxie setzten sich protestierend die Griechen ein, als Erdogan den Museumsstatus aufhob, und Russlands Präsident Putin kündigte den Bau einer maßstäblich verkleinerten Version an – mit Standort in Syrien.

Die Hagia Sopia, aufgenommen kurz nach Sonnenaufgang
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Notre-Dame aber, die Bischofskirche der französischen Hauptstadt und bis zum Brand alljährlich von mehreren Millionen Touristen besucht, als Abkömmling islamischer Baukunst zu bezeichnen, erregte zahllose Gemüter in Frankreich.

In ihrem Buch argumentiert Darke weniger zugespitzt, als es die Medien verbreiteten. Sie hat in Oxford Arabisch studiert (und übrigens auch Deutsch), jedoch keine akademische Laufbahn verfolgt, sondern war viele Jahre von ihrem Wohnsitz in Damaskus aus publizistisch tätig, ehe sie Syrien wegen des Bürgerkriegs verlassen musste.

Der Brand der Kathedrale war Anlass, ihr Buch zu schreiben, und so zählt sie die charakteristischen Elemente des Bauwerks und damit der meisten gotischen Kirchen in Frankreich auf: die Doppelturmfassade mit dem reich geschmückten Eingang, die Fensterrose(n), das Rippengewölbe und schließlich den spitzen Vierungsturm, die alle „ihren Ursprung Vorgängern im Mittleren Osten verdanken“.

Vor dem Brand. Die Kathedrale in Notre-Dame Paris, 2018.

Damit lenkt sie den Blick auf eine in der Tat vergessene kunsthistorische Landschaft: den heute mit dem Namen „Tote Städte“ belegten Landstrich im Nordwesten Syriens zwischen Aleppo und der türkischen Grenze.

Dort haben sich die baulichen Zeugnisse von über 700 Siedlungen, Ortschaften und ganzen Städten erhalten, die ihre Blütezeit in zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert erlebten, bis die Eroberung durch die gerade erst islamisierten Araber die allmähliche Auswanderung der christlichen Bevölkerung zur Folge hatte und die Gegend weitgehend unbewohnt blieb.

In dieser kargen Landschaft sind diejenigen „Vorgänger“ zu finden, die Darke meint. Erstaunliche Natursteinbauten, Kirchen in basilikaler Bauform – Hauptschiff und zwei Seitenschiffe -, darunter eine, Qalb Lozeh, mit den Resten einer Doppelturmfassade, wie sie der römischen Antike unbekannt war.

Hier wurde die schlichte Schönheit der Romanik geboren. Qualb Loze, Basilika im Gebiet der „Toten Städte“, seit 2011 Weltkulturerbe.

Als diese entvölkerte Gegend zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals von Europäern bereist wurde, trat die Verbindung zum Abendland vor Augen: „Die schlichte Schönheit der Romanik wurde im Norden Syriens geboren“, zitiert Darke einen Reisebericht aus dem Jahr 1905.

Dass es Verbindungen dieser Art zwischen Orient und Okzident gab, ist unstrittig. Man denkt zuallererst an die abenteuernden Ritter, die in mehreren Kreuzzügen gen Jerusalem zogen, die die Kenntnis solcher, wohlgemerkt christlichen Bauten mit zurück in ihre Heimat brachten – vor allem aber aus Konstantinopel, das sie 1204 plünderten, wovon sich das Byzantinische Reich nicht mehr erholte.

Jerusalem erwies sich als Quelle neuartiger Baugedanken

Kaum bekannt ist die Rolle der friedlichen Pilger, die sich im frühen Mittelalter der „dunklen Jahrhunderte“ nach Syrien aufmachten, wie auch die Rolle dortiger Handwerker, die im Gefolge von Pilgergruppen nach Westeuropa gekommen sein mögen und dort ihre handwerklichen Fähigkeiten ausübten.

Später erwies sich insbesondere Jerusalem als Quelle neuartiger Baugedanken. So bot der islamische Felsendom als Zentralbau mit seiner goldglänzenden Kuppel vielfache Anregung, worauf Darke hinweist.

Dabei mitgedacht werden muss allerdings die Vorbildfunktion der Hagia Sophia, die als der prächtigste Kuppelbau der nachantiken Zeit seinerseits auf die sich bildende islamische Architektur ausstrahlte.

Noch ein wichtiges, ja unabdingbares Element der westeuropäischen Architektur verdanke sich, so Darke, der Baukunst des Islam: der gotische Spitzbogen.

Der Spitzbogen wanderte über das süditalienische Amalfi nach Frankreich

Damit kommt Notre-Dame ins Spiel, nicht die erste, aber eine der vollkommensten gotischen Kathedralen. Ihre Vorgängerin steht nur wenige Kilometer entfernt, es ist die Kathedrale von Saint-Denis, heute ein Vorort von Paris, deren Chorumgang aus dem Jahr 1140 erstmals Spitzbögen und ein Kreuzrippengewölbe zeigt.

Beides, so Darke, sei aus dem Orient importiert worden, über die Seefahrer des süditalienischen Amalfi, von wo aus diese neue Bauform nach Norden „wanderte“ und über die – in der Französischen Revolution zerstörte – gewaltige Klosterkirche im burgundischen Cluny zum Maß für alle neuen Kirchenbauten wurde.


Die Klosterkirche von Cluny im burgundischen Abbey.

Gegenüber dem aus römischer Zeit in ganz Europa und dem Mittelmeerraum verbreiteten Rundbogen zeigte sich der Spitzbogen technisch überlegen, was Lastaufnahme und erreichbare Höhe anbelangt, und nur so konnten die im Wortsinne himmelstrebenden Gewölbe wie in Notre-Dame errichtet werden.

Allerdings auch erst vermittels einer zweiten, der islamischen Baukunst unbekannten Erfindung: dem Strebebogen, der die Last des Gewölbes aus den durchfensterten Wänden hinaus nach außen abträgt.

Syrien war einst eine Kernregion des Christentums

Die politischen Konflikte, die den Nahen Osten bestimmen, haben Syrien von der Liste touristischer Ziele gestrichen. Die einstige, im Römischen Imperium so bezeichnete Provinz, die im Süden Palästina einschloss, war die Kernregion des Christentums.

Bis auf Jerusalem und wenige Stätten im heutigen Israel ist die christliche Kultur daraus verschwunden. Als die Kreuzfahrer 1099 Jerusalem eroberten und sich dort auf anderthalb Jahrhundert festsetzten, hielten sie den bereits 400 Jahre alten Felsendom für den alttestamentarischen Tempel Salomo.

Der Felsendom in Jerusalem.

Den gotischen Spitzbogen wie Darke in persisch-sassanidischen Palästen der vorislamischen Zeit zu verorten, mag die nationale Ehre Frankreichs kränken. Andererseits, selbst wenn diese Genealogie zutrifft: Architektonisch zur Fülle ihrer Möglichkeiten geführt wurden Spitzbögen und Kreuzrippengewölbe in der gotischen Architektur des Nordens.

Umgekehrt hat die Kuppel der Hagia Sophia die osmanische Baukunst inspiriert. Ihr bedeutendster Vertreter, Sinan, entstammte einer griechisch-orthodoxen Familie Kleinasiens und war als junger Mann in die osmanische Armee gezwungen worden.

Erst nach Jahrzehnten auf Feldzügen begann er mit dem Moscheenbau und schuf etwa mit der Süleyman-Moschee in Istanbul Bauwerke, von denen er am Ende seines langen Lebens mit Recht sagen konnte, er habe „Justinian übertroffen“.

Istanbul ist bis heute von Sinan geprägt, und stets war er bestrebt, Zentralkuppeln unter Vermeidung der statischen Probleme der Hagia Sofia zu schaffen und diese zugleich in einen neuartigen Baukomplex mit Schulen, Armenküchen und Krankenhäusern einzubinden.

Die Thesen von Darkes Buch werden im Internet stark verkürzt

Die Aufregung über Diana Darkes Buch, die im Internet Wellen schlägt, beruht auf der schlagwortartigen Verkürzung ihrer Thesen. Von „looted landmarks“, wie sie der „Guardian“ verkündet, kann bei ihr nicht die Rede sein.

Darke schreibt in ihrem Nachwort, sie habe sich „nach dem Brand von Notre-Dame veranlasst gesehen, dieses Buch zu schreiben“. Ausdrücklich betont sie, es sei keinesfalls ihre Absicht, die „europäische Architektur und ihre vielen, herausragenden Errungenschaften zu verunglimpfen“.

Denn „alles ist erbaut auf dem, was vorher war“. Vieles kam aus dem Osten, weniges in Gegenrichtung, bemerkt Darke. Das stimmt – falsch ist nur die Gleichsetzung des „Ostens“ mit dem Islam. Der Kulturraum des östlichen Mittelmeeres reicht zeitlich viel weiter zurück. Wie im alten Syrien. Seit 2011 sind die „Toten Städte“ Unesco-Weltkulturerbe, das immerhin.


 

Nota. - Mal wieder viel Lärm um bloß ein kleines Bisschen. Was als Grundlage der gotischen Kathedralen aufgezählt wird, sind mindere architektonische Versatzstücke  dekorativer Art. Was die gotische Ästhetik ausmacht, ist weder der Spitzbogen noch das Kreuzrippengewölbe. Wird oben nicht gerade die Klosterkirche von Cluny genannt als Ausgangspunkt für deren Verbreitung in Europa? Aber die war ja nicht gerade gotisch. Es ist zwar nur einer der beiden Ecktürme erhalten. Doch schon der allein kann als Höhe-punkt... romanischer Ästhetik gelten. Für die Gotik charakteristisch wurden der Spitzbogen und seine dreidimensionale Erweiterung im Kreuzrippengewölbe erst, als sie in den Dienst des Blicks in den Himmel gestellt wurden. Und der war der originäre Beitrag der hochmittel-alterlichen Frömmigkeit und findet sich weder im Islam noch wohl bei den manichäischen Sassaniden. 

Übrigens auch nicht im übrigen Europa. Schon in Norddeutschland - wo man freilich nur Ziegelsteine zum Bauen hatte - erscheint der Drang nach oben stark gebremst; doch auch in England, wo es an Naturstein doch nicht mangelt. Völlig fehlt er aber im mediterranen Raum; in Spanien gibt es Gotik eigentlich nur als äußeren Schmuck - und die Mailänder Missgeburt wollte man am liebsten vergessen können.

Das Umkippen eines Epochengeschmacks geschieht nicht durch das allmähliche Anhäufen vom 'Elementen', sondern durch Verrückungen der Weltsicht. Es ändern sich die mentalen Grundverfassungen ('Bewusstseinsstellungen' bei Gf. Yorck)

Das führt mich zurück zu einem meiner Lieblingsthemen: Epochalstile gab es offenbar nur im Abendland. Und durch Importartikel entstanden sie nie.

PS. Sinan war übrigens ein Janitschar. Nicht als junger Mann kam er in die osmanische Armee, sondern als Kind im Zug des sog. Knabenzolls, den nichtislamisch Familien dem Sultan zu entrichten hatten. Sie wurden bei den Janitscharen zu besonders fanatischen Muslimen erzogen. Sinan diente in der Abteilung, die man in Europa Génie nannte.

JE

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