Sonntag, 20. Februar 2022

Das geistige Auge.

                                 aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

d. Was den schon gebildeten Menschen am ausdrücklichsten charakterisiert, ist das geistige Auge und der die innersten Regungen des Herzens abbildende Mund. Ich rede nicht davon, dass das erstere durch die Muskeln, in denen es befestigt ist, frei herumschwebt und sein Blick dahin, dorthin geworfen werden kann; eine Beweg- lichkeit, die auch durch die aufge-richtete Stellung des Menschen erhöht, aber an sich mechanisch ist. Ich mache darauf auf-merksam, dass das Auge selbst und an sich dem Menschen nicht bloß ein toter, leidender Spiegel ist wie die Fläche eines ruhenden Wassers, / durch Kunst verfertigter Spiegel, oder das Tierauge. 

Es ist ein mächtiges Organ, das selbsttätig die Gestalt im Raume umläuft, abreißt, nachbil-det; das selbsttätig die Figur, welche aus dem rohen Marmor hervorgehen soll, vorzeichnet, ehe der Meißel oder der Pinsel berührt ist; das selbsttätig für den willkürlich entworfenen geistigen Begriff ein Bild erschafft. Durch dieses Leben und Weben der Teile untereinander ins Unendliche wird das, was sie Irdisches vom Stoffe an sich hatten, gleichsam abgestreift und ausgeworfen, das Auge verklärt sich selbst zum Lichte und wird eine sichtbare Seele. -

Daher, je mehr geistige Selbsttätigkeit jemand hat, desto geistreicher sein Auge; je weniger, desto mehr bleibt es ihm ein trüber, mit einem Nebelflor überzogener Spiegel.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 83f. 


Nota I. - Was weiß Fichte vom Auge des Tieres? Er stellt sich was vor. Kann er, muss er aber nicht. Die Transzen- dentalphilosophie sucht jedoch nach notwendigen Vorstellungen; not-wendig auf Grund der ihnen vorangegangenen Vorstellungen. 

In einem Bereich, in dem wir Erfahrungen machen können, sind notwendig jedoch nur die-jenigen Vorstellungen, die auf Anschauung beruhen. Die pathetische Rhetorik kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sein Konto bereits weit überzogen hat.
15. 5. 19

 

Nota II. - Die Transzendentalphilosophie hatte sich zur Aufgabe gemacht, die Rechtferti-gung dessen, was wir als unsere Vernunft ansehen, an deren Entwicklungsgeschichte und namentlich an ihren Voraussetzungen zu prüfen: Vernunftkritik ist ihr Alltagsname. Ge-schafft ist diese Rechtfertigung, sobald aus der einen einzigen Eingangsvoraussetzung die Vorstellung einer Reihe vernünftiger Wesen, eine intelligible Welt sowie der Rechtsbegriff vollständig hergeleitet sind.

Danach kommt die reale Wissenschaft - so, wie sie bis zum gegebenen Tag gediehen ist. Sachlich trägt die Vernunftkritik/Transzendentalphilosophie zu den Wissenschaften nichts bei. Mittelbra, nänlich methodologisch, bietet sie ein Maß, an dem deren tatsächlichen, näm-lich historisch-zufälligen Ausgangsbesdingungen ihrerseit geprüft werden können. Den rea-len Wissenschaften gegenüber ist die Transzendentalphilosophie selber wissenschaftlich, in-dem sie kritisch ist.

Im vorliegenden Fall - nämlich an dem Punkt, als der Rechtsbegriff als solcher schon ge-wonnen ist, beträfe die Kritik unmittelbar die gegenwärtig bestehenden Staatwesen und ihre Verfassungen. Die Kritik wäre unmittelbar politisch.

Daran wäre unmittelbar von Fichtes Jenaer Lehrstuhl herab nicht zu denken gewesen. Es war aber auch gar nicht nötig, denn seine Revolutionsschriften lagen längst vor, und wer der anonyme Verfasser war, wusste vielleicht nicht der letzte Krämer in der ländlichen Klein-stadt, aber ganz gewiss allerorten die Polizei. Der Umweg, eine 'richtige' Staatsverfassung an der Universität zu lehren, war mehr schlau als klug, denn er konnte nur Illusionen wecken, die dann allzu bald enttäuscht werden sollten.
JE





Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

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