Sonntag, 27. Februar 2022

Geschmacksurteile fallen im Gehirn.

labauge
aus scinexx                                                                                                                 zu Geschmackssachen 

Gestörte Hirnströme machen wankelmütig
Entscheidungen nach Vorliebe beruhen auf Kommunikation zwischen spezifischen Hirnregionen

Steak oder lieber Geschnetzeltes, und zum Nachtisch Eis oder doch lieber Kuchen? Solche Entscheidungen fallen schwerer, wenn die Kommunikation zwischen bestimmten Hirnregionen gestört ist. Wissenschaftler aus der Schweiz haben diesen Effekt im Experiment gezeigt. Die im Magazin "Nature Communications" vorgestellten Ergebnisse widerlegen außerdem ein altes Vorurteil über die Entscheidungsfähigkeit von Frauen.

Im Restaurant erst stundenlanges Studieren der Speisekarte, dann Unsicherheit beim Bestellen und vielleicht sogar noch eine nachträglich geänderte Bestellung - wir alle kennen solche Situationen: Manchmal fällt es schwer, sich zu entscheiden. Solche Schwierigkeiten kommen im Alltag in allen Lebensbereichen vor, nicht nur beim Essen. Sie betreffen vor allem Fragen, bei denen persönliche Vorlieben eine Rolle spielen. Es ist dagegen einfach, wenn man etwa Steaks liebt oder Eis überhaupt nicht mag.


Woher kommen die Entscheidungsprobleme?


Doch wie kommt es dazu, dass manche Menschen sehr unsicher über ihre Vorlieben sind und sich laufend neu entscheiden, während andere exakt wissen, was sie mögen und wollen? Dieser Frage sind Wissenschaftler um Christian Ruff von der Universität Zürich nachgegangen. Sie wollten herausfinden, ob und wie Wankelmut im Gehirn entsteht.


Bernhard Gutman, N.N.

Die Forscher nutzten die sogenannte transkraniale Wechselstromstimulation. Damit lassen sich ohne Operation mit elektrischen Feldern koordinierte Schwingungen in der Aktivität bestimmter Hirnareale erzeugen. Probanden spüren von dieser Stimulation nichts. Während der Untersuchung ließen die Wissenschaftler die Versuchspersonen Entscheidungen über Nahrungsmittel treffen.


Gestörte Kommunikation macht wankelmütig


Sie unterschieden dabei zwischen zwei Arten von Fragen: Bei präferenzbasierten Entscheidungen wie "Was mag ich lieber - Melone oder Kirschen?" geht es allein um persönliche Vorlieben. Rein sensorische Entscheidungen wie "Was ist größer - Melone oder Kirsche?" lassen sich dagegen anhand von Sinneseindrücken treffen. Hierbei fällt es naturgemäß viel leichter, sich zu entscheiden.


Mit der Hirnstimulation verstärkten oder reduzierten die Forscher den Informationsfluss zwischen dem direkt unter der Stirn gelegenen präfrontalen Kortex und dem etwas über den beiden Ohren gelegenen parietalen Kortex. Es ist bereits bekannt, dass diese Regionen wichtig für das Treffen von Entscheidungen sind. Wie sich jetzt zeigt, spielt auch ihre Kommunikation eine wichtige Rolle: "Wir konnten feststellen, dass die präferenzbasierten Entscheidungen weniger stabil waren, wenn der Informationsfluss zwischen den beiden Hirnarealen gestört wurde", sagt Ruff. "Unsere Probanden wurden also wankelmütiger."


Degas, Strandszene, um 1870

Entscheidungen lassen sich nicht erleichtern

Dies betraf allein die auf Vorlieben beruhenden Entscheidungen: "Für die rein sensorischen Entscheidungen fand sich jedoch kein solcher Effekt", so Ruff weiter. "Die Kommunikation zwischen den beiden Hirnteilen ist folglich nur relevant, wenn wir entscheiden müssen, ob wir etwas mögen, nicht wenn wir uns anhand objektiver Fakten entscheiden."


Die Ergebnisse sprechen außerdem gegen das verbreitete Vorurteil, besonders Frauen könnten sich nie entscheiden: In den Experimenten traten keine geschlechtsspezifischen Unterschiede auf.


Während die gestörte Kommunikation zwischen den Hirnregionen wankelmütiger macht, tritt der umgekehrte Fall nicht ein: Regten die Wissenschaftler den Informationsfluss an, so fiel es den Probanden deshalb nicht leichter, sich zu entscheiden. Allerdings waren alle Studienteilnehmer junge und gesunde Personen mit recht ausgeprägter Entscheidungsfindung.

Für Patienten, die als Folge von Hirnerkrankungen an hoher Impulsivität und Entscheidungsproblemen leiden, könnte sich die Methode hingegen durchaus als mögliche Therapie erweisen, so die Ansicht der Forscher. (Nature Communications, 2015; doi: 10.1038/ncomms9090)

(Universität Zürich, 21.08.2015 - AKR)

Baumeister, Lutins au printemps


Nota I. - Die Rede ist von "persönlichen Vorlieben", aber in den Tests ging es um Ge-schmacksfragen. Ist das dasselbe? Ist das Urteil über ein Kunstwerk von derselben Qualität wie die Wahl zwischen Steak und Wiener Schnitzel? 

Beides sind Urteile "ohne Grund". Aber hier geht es ja nicht um die Wahl selbst, sondern um die Sicherheit und Bestimmtheit, mit der sie getroffen wird - und dabei kommt es auf die Kommunikation der beiden Hirnareale an. Wankelmut ist aber nicht dasselbe wie schlechter Geschmack. 

Was lehren die Tests also über unser ästhetisches Vermögen? Vermutlich nur, dass auch ästhetische Urteile im Kopf fallen und nicht im Bauch. Aber das war im Ernst wohl nie umstritten.


PS. Bei dem Bild von Gutman bin ich wankelmütig: Ist es kitschig oder bloß fauve?
24. 8. 15


 

Nota II. - Ach, das will ich doch noch nachtragen: Die Sicherheit eines Urteils hängt na-türlich auch ab von dem Modus, in dem es verfasst ist. Klar und deutlich alias bestimmt ist nur der Begriff. Als Teilhaber eines Kommunikationsnetzes ist er nicht nur logisch durch die andern Begriffe, sondern auch faktisch durch den Austausch der verkehrenden Perso-nen verbürgt. Rein logisch betrachtet, ist ein in Begriffe gefasstes Urteil ewig, oder genauer gesagt, es liegt jenseits von Raum und Zeit. 'Sicherer' geht nicht - mit der Einschränkung, dass ein Urteil nur gilt, wenn es von mindestens Einem geteilt wird - in Raum und Zeit. 

Allerdings lassen sich Geschmacks-, nämlich ästhetische Urteile schlechterdings nicht in Begriffe fassen, weil sie nicht aus (begriffener) Erkenntnis stammen, sondern aus unmittel-barem Erleben. Und das lässt sich allenfalls mit Wörtern (nominis)  markieren, die aber nicht durch ein Bedeutungsnetz definiert sind, sondern von jedermann nach eigenem Gut-dünken verwendet und verstanden werden können, nämlich müssen. Denn was sie bezeich-nen, sind Qualitäten und keine Relationen. Doch nur Relationen können diskursiv darge-stellt werden. Qualitäten kann man nur anschauen.

Ich bin fast versucht zu sagen, obiger Bericht war für die Katz. Aber auch das ist lehrreich.
JE

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