zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
c. Jedes Tier hat, wie
wir oben schon bemerkten, angeborene Bewegungsmöglichkeiten. Man denke
an die Biber, die Biene u. s. f. Der Mensch hat nichts dergleichen, und
sogar / seine Lage auf dem
Rücken wird dem Kinde gegeben, um den künstigen Gang vorzube-reiten. -
Man hat gefragt. ob der Mensch bestimmt sei, auf vier Füßen zu gehen
oder auf-recht? Ich glaube, er ist zu keinem von beiden bestimmt; es ist
ihm als Gattung überlassen worden, seine Bewegungsweise sich selbst zu
wählen.
Ein menschlicher Leib
kann auf vier Füßen laufen, und man hat unter Tierem aufgewach-senen
Menschen gefunden, die dies mit unglaublicher Schnelligkeit konnten.
Die Gattung hat meines Erachtens frei sich vom Boden emporgehoben und
sich dadurch das Vermögen erworben, ihr Auge rund um sich herumzuwerfen,
um das halbe Universum am Himmel zu überblicken, indes das Auge des
Tieres durch seine Stellung an den Boden gefesselt ist, wel-cher seine
Nahrung trägt.
Durch diese Erhebung
hat er der Natur zwei Werkzeuge abgewonnen, die beiden Arme, welche,
aller animalische Verrichtungen entledigt, am Körper hängen, bloß um
das Gebot des Willens zu erwarten, und lediglich zur Tauglichkeit für
die Zwecke desselben ausgebil-det werden. Durch diesen gewagten Gang, der
ein immer fortdauernder Ausdruck ihrer Kühnheit und Geschicklichkeit
ist in Beobachtung des Gleichgewichts, erhält sie ihre Frei-heit und
Vernunft stets in der Übung, bleibt immerfort im Werden, und drückt es
aus. Durch diese Stellung versetzt sie ihr Leben in das Reich des Lichts
und flieht immerfort die Erde, die sie mit dem kleinstmöglichen Teile
ihrer selbst berührt. Dem Tier ist der Boden Bette und Tisch; der
Mensch erhebt alles das über die Erde.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 82f.
Nota I. - Er breitet reichlich Material aus für den Eingang in eine biologische Anthropolo-gie, aber die liegt an dieser Stelle gar nicht in seiner Absicht. Er mutmaßt vielmehr in meta-physischer Weise über einen Plan der Natur,
in dem die Freiheit der Menschen vorausbe-rechnet liegt und für den sie
in seiner Leibesgestalt die physischen Bedingungen geschaffen hat. Und
zwar nicht als ein heuristisches Prinzip der
empirischen Forschung, sondern als konstitutive Basis einer positiven
Lehre, aus der er in der Folge rechtliche und politische Folgerungen
herleiten will. Nicht nur hat er Kritik und Transzendentalphilosophie
hinter sich gelassen; er geht vielmehr direkt zu einer dogmatischen
Predigt über.
Nota II. - Ich mache kein Hehl daraus: In Fichtes Denken liegt von Anfang an ein Zwie-spalt - nämlich zwischen der Vorstellung der Vernunft als ein ewig vorgegebenes Programm und der Vernunft als folgerichtige Selbsttätigkeit der endlichen Intelligenz. Diese Doppel-heit durchzieht alle seine Äußerungen vor dem Atheismusstreit. Der Vorwurf des Atheis-mus hatte ihn nicht berührt; wohl aber Jacobis Einwurf: So philosophisch richtig die Wis-senschaftslehre sei, beweise sie doch nur die Untauglichkeit der Philosophie für eine an-ständige Lebensführung - denn sie sei nihilistisch. Dieser Vorwurf hat Fichte getroffen, und er ist vor Jacobi eingeknickt.
Aber zu Unrecht. Wer vor der Wahl seines Lebensstils steht und nichts findet, woran er sich halten kann, als sein eigenes Urteil, der steht nicht vor dem Nichts, sondern vor - seinem eigenen Urteil. Der steht vor seiner Freiheit. Der eine fühlt sich geworfen, der andere fühlt sich herausgefordert. Was für eine Philosophie man wählt, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist.
JE
Nota. Das
obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
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