aus FAZ.NET, 8. 2. 2022 Paul Signac, „Le Port de Saint-Tropez“, 1901/02. zu Geschmackssachen
Essen leuchtet nicht? Bundespräsident Steinmeier, Grußredner beim Festakt zum hundertjährigen Bestehen des Museums Folkwang in der Philharmonie der Stadt und Schirmherr der großen Jubiläumsausstellung, die am Sonntag eröffnet wurde, begann seine Rede mit einem wohlgezielten Tiefschlag. München leuchte, und der Himmel über der Stadt ist aus blauer Seide, wie aus Thomas Manns Novelle „Gladius Dei“ ja wohlbekannt sei. Aber Essen? Essen leuchte nicht, „Essen qualmte, glühte, sprühte Funken“, sprach das gut gelaunte Staatsoberhaupt mit präsidial-diabolischem Lächeln. Das Publikum nahm es reglos hin. Man hat Nehmerqualitäten im Ruhrgebiet.
Thomas Mann publizierte seine spöttische Schilderung des Münchner Kunstbetriebs 1902, im selben Jahr also, in dem Karl Ernst Osthaus in seiner Heimatstadt Hagen das Folkwang-Museum eröffnete, um seine Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das weltweit erste Museum für zeitgenössische Kunst stand nicht in Paris, London oder New York, sondern in Hagen. Die Arbeiten an dem von Carl Gérard entworfenen Gebäude, das heute das Osthaus Museum beherbergt, waren bereits weit fortgeschritten, als der junge Erbe den Belgier Henry van de Velde kennenlernte und ihm kurzentschlossen den gesamten Innenausbau übertrug. Das Ergebnis: eine eklektizistische Hülle im Stil der Neorenaissance über einem Gesamtkunstwerk des Jugendstils und somit eine erste Manifestation eines Kerngedankens der Folkwang-Idee, der zufolge die Künste und Kulturen aller Zeiten miteinander im Austausch stehen.
Osthaus war kein ästhetischer Purist, sondern ein Anhänger der Reformbewegungen der wilhelminischen Ära, der an die verändernde Kraft der Künste glaubte und die Schönheit als „herrschende Macht im Leben“ verankern wollte, wobei er nicht nur an sein eigenes Leben dachte, sondern das Leben aller Menschen im „kunstverlassenen Industriebezirk an der Ruhr“ im Sinn hatte. Sein Museum sollte sie erbauen und belehren, seine Sammlung der „Volksbildung“ dienen. Osthaus kaufte zunächst klassizistische Werke der Düsseldorfer Malerschule, entdeckte die französischen Post-Impressionisten, stellte Künstlern wie Christian Rohlfs Ateliers zur Verfügung und erwarb Anfang 1903 als erster deutscher Sammler ein Werk von Gauguin.
Als erstes deutsches Museum zeigte das Hagener Folkwang 1905 eine monographische Ausstellung mit Werken Van Goghs: elf Gemälde und drei Zeichnungen, darunter als früheste Ankäufe „Die Ernte, Kornfeld mit Schnitter“ und das „Porträt Armand Roulin“. Im Zentrum der Eingangshalle des Museums hing damals ein Kakemono, ein Rollbild von Kano Yosen-in Korenobu mit der Darstellung eines Reihers. Er ist jetzt ebenso in der Ausstellung zu sehen wie die erwähnten Van Goghs.
Osthaus starb 1921 im Alter von 46 Jahren. Nach seinem Tod bot die Familie seine Sammlung zum Verkauf an, ein Bietergefecht entspann sich. München ließ seinen Mammon leuchten, aber das Essener Kunstmuseum und die Stadt brachten mithilfe mehrerer Mäzene aus Schwerindustrie und Energiewirtschaft in weniger als zwölf Monaten die Summe von fünfzehn Millionen Reichsmark auf und erhielten den Zuschlag. 1922 wurde das Folkwang Museum Essen eröffnet und in einer bis heute bestehenden Gemeinschaft zu internationalem Museumsrang geführt: Der Stadt gehört das Museum, der 1922 gegründete Museumsverein ist Miteigentümer der Sammlung. Deshalb betraten Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen und Ulrich Blank, der Vorsitzende des Museumsvereins, gemeinsam die Bühne der Philharmonie, um das Publikum in lässiger Wechselrede zu begrüßen, bevor Peter Gorschlüter, der zehnte und – wie er selbst prophezeite – letzte männliche Museumsleiter des Folkwang, ein fulminantes Kabinettstück ablieferte.
Man hatte Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ gehört, interpretiert vom Blechbläserensemble der Folkwang Universität der Künste, und danach die Uraufführung von Günter Steinkes Komposition „Painting“, neue Musik, in der Farbe, Licht, Bewegung miteinander zu kommunizieren schienen, zu unbekanntem Zweck, in unbekannten Sprachen. Nun hielt Gorschlüter als Hommage an die japanischen Ausstellungspartner seine Rede im aus Japan stammenden Präsentationsstil Pecha Kucha. Das bedeutet: Der Redner zeigt zwanzig Bilder, zu denen er jeweils zwanzig Sekunden lang sprechen darf. Macht sechs Minuten und vierzig Sekunden oder vierhundert Sekunden für hundert Jahre, also vier Sekunden pro Jahr, die Gorschlüter noch einmal halbierte, indem er von 1922 aus zwanzig Jahre zurückschritt, ins Hagener Gründungsjahr 1902, und die Gegenwart um achtzig Jahre hinter sich ließ, um einen Blick in die Zukunft zu wagen. Es ist erstaunlich, wie viel man sagen und vermitteln kann, wenn man pointiert Akzente zu setzen weiß.
Aber warum überhaupt Japan? Die Jubiläumsausstellung „Renoir, Monet, Gauguin – Bilder einer fließenden Welt“ lädt ein zum Vergleich der Sammlungen von Karl Ernst Osthaus und von Kojiro Matsukata, einem japanischen Unternehmer, der die Schifffahrtsindustrie seines Heimatlandes entscheidend vorantrieb, dabei ein großes Vermögen erwarb und wie Osthaus volkspädagogische Ziele mit dem Aufbau seiner Sammlung verfolgte. Ihre Vorstellungen eines idealen Museums waren einander erstaunlich ähnlich: Beide schätzten die dekorativen Künste und das Kunstgewerbe, die moderne französische Malerei wie die traditionelle Kunst aus Japan und Ostasien. Osthaus war dem japanischen Sammler meistens um einige Jahre voraus, aber Matsukatas finanzielle Mittel waren ungleich größer. Er kaufte im großen Stil: Innerhalb von zwei Jahren etwa tausend Kunstwerke in London, anlässlich von zwei Besuchen bei Monet, der in seinem Atelier in Giverny nur noch ausnahmsweise Sammler empfing, erwarb Matsukata 1921 innerhalb von wenigen Monaten 34 Werke des Künstlers, darunter „Sur le bateau“, „Vetheuil“ und „Mer agiteé à Pourville“. Sie werden jetzt zusammen mit den beiden Essener Monets gezeigt, die das Museum Folkwang allerdings erst in den Sechziger- und Siebzigerjahren erwerben konnte: „Le portail, brouillard matinal“ von 1894 und „Le Bassin aux nymphèas, entstanden um 1916.
Matsukata begriff „Kunst als Ausdruck der Seele eines Volkes“. Wer den Geist und die Psychologie der westlichen Kultur verstehen wolle, müsse sich mit westlicher Kunst befassen und könne so auch etwas über die Industrieproduktion des Westens lernen. Der Unternehmer wollte den Künstlern wie der Öffentlichkeit Japans die Gelegenheit geben, westliche Kunstwerke kennenzulernen, aber auch Konkurrenzdenken und Wettbewerb waren ihm nicht fremd. Etwa dreitausend europäische Kunstwerke hat Matsukata für sein geplantes Museum erworben, aber er kaufte auch mehr als achttausend japanische Holzschnitte aus Europa zurück.
Der Kernbestand seiner immensen Sammlung bildete den Grundstock des National Museum of Western Art, dessen Eröffnung im Jahr 1959 Matsukata jedoch nicht mehr erlebte. Als er 1950 mit 85 Jahren starb, waren beträchtliche Teile seiner Sammlung bereits verloren. Manches hatte er verkaufen müssen, für andere Verluste waren die Kriegswirren zuständig. Ob Matsukatas Deutschlandreise im Jahr 1921 tatsächlich weniger dem Kunsterwerb und mehr der illegalen Beschaffung deutscher U-Boot-Pläne diente, lässt Masayuki Tanaka, der Direktor des National Museum of Western Art in Tokio, in seinem Katalogbeitrag genüsslich offen. Es gibt Anekdoten, die zu schön sind, um sie zu dementieren.
Osthaus und Matsukata sind einander vermutlich nie begegnet. Dabei hätten sie sich oft treffen können: im Atelier von Monet oder Rodin, bei Händlern und Galeristen in London oder Paris. Während Osthaus nicht zuletzt aufgrund seiner begrenzten Mittel oft den direkten Kontakt zu den Künstlern suchte und so den kostspieligen Zwischenhandel umging, war Matsukata in Tokio viel stärker auf die Dienste von Galeristen und anderen Vermittlern in Europa angewiesen. Ein Konkurrenzverhältnis zwischen den beiden Sammlern dürfte dabei kaum bestanden haben. Von Gauguin sammelte Matsukata die frühen, in der Bretagne entstandenen Werke, während Osthaus die Südsee-Sujets bevorzugte.
Beide liebten Rodin, von dem Osthaus schon früh die Skulpturen „Eva“ und „Das eherne Zeitalter erwarb“. Matsukata, der zahlreiche Ankäufe über Léonce Bénédite, den Direktor des Musée Rodin in Paris, tätigte, gab 1920 gleich zwei Bronzegüsse von Rodins Monumentalwerk „Das Höllentor“ in Auftrag. Von den 34 durchweg bedeutenden Werken der Sammlung Hansen, die Bénédite drei Jahre später für 1,8 Millionen Francs für Matsukata erwarb, hat der Sammler kein einziges jemals in Besitz nehmen können. Die Übergabe wurde immer wieder verschoben, und während des Zweiten Weltkriegs konfiszierte Frankreich die Sammlung als feindliches Vermögen. Komplizierte Rückgabeverhandlungen schlossen sich an.
Das aus Matsukatas Träumen hervorgegangene Museum of Western Art in Tokio ist derzeit geschlossen. Umfangreiche Sanierungsarbeiten haben die Reise der Objekte aus Matsukatas Sammlung nach Europa überhaupt erst möglich gemacht. Nach der Wiedereröffnung im kommenden Juni werden etwa vierzig Meisterwerke aus dem Museum Folkwang die Reise nach Japan antreten. Sie werden bestätigen, was Frank-Walter Steinmeier zum Abschluss seiner Rede beim Festakt sagte, ein wenig feixend und mit präsidial-begütigendem Lächeln: Essen leuchtet doch.
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