aus FAZ.NET,12. 2. 2022 Metamorphose des Narziss, 1937 (London) zu Geschmackssachen
In Jahr 1904, in dem Salvador Dalí im spanischen Figueres geboren wird, veröffentlicht der Wiener Arzt Sigmund Freud „Die Psychopathologie des Alltagslebens“. Eines seiner Hauptwerke, „Die Traumdeutung“, war da schon vier Jahre auf dem Markt, hatte seinem Autor aber nicht allzu viel Aufmerksamkeit eingetragen. Und wenn, dann waren die Reaktionen ablehnend. Für Dalí sollte „Die Traumdeutung“ zu einer Bibel werden.
Zunächst aber geht der Knabe mit einer schweren Hypothek ins Lebensrennen: Sein Bruder Salvador war 1903 im Alter von drei Jahren gestorben, der zweite Sohn erbte den Namen des Erstgeborenen und fragte sich später, ob er dazu verdammt sei, das Leben eines Toten zu führen. Die vier Jahre jüngere Schwester wird ihm zum Objekt von Inzestphantasien. Als Salvador Dalí siebzehn ist, stirbt seine Mutter, die ihn gegen den strengen Vater in Schutz genommen hatte. Obendrein heiratet der dann die Schwester seiner Frau. Schwierige Verhältnisse für eine schutzbedürftige Seele mit einer fieberhaft überspannten Einbildungskraft.
Als Kunststudent im Madrider Studentenwohnheim testet Dalí erst einmal angesagte Malweisen, und er macht folgenreiche Bekanntschaften, unter anderem mit Federico García Lorca, Luis Buñuel, Pedro Garfias. Die Residencia des Estudiantes ist, nach englischem Vorbild und wie man heute sagen würde, eine Schnittstelle für den Diskurs zwischen Kunst und Wissenschaft. So stößt Dalí auch auf die histologischen Zeichnungen des Medizin-Nobelpreisträgers Santiago Ramón y Cajal. 1926 reist er das erste Mal nach Paris zu den Surrealisten, und er entdeckt Freud, dessen Werke von 1922 in spanischer Übersetzung erscheinen. Dalí nennt den Erfinder der Psychoanalyse später den wichtigsten Einfluss seines Lebens, eine „Vaterfigur“. In seiner Bildsprache verbinden sich alsbald Psychologie und Physiologie: Androgyne Figuren tummeln sich in seinen Bildern, nackte Frauen, muskulöse Matrosen, Schatten, die sich nicht mit dem Objekt decken, das sie wirft, phallische Symbolen wie Regenschirme, Messer, Stöcke, Flöten.
Reue. Sphinx im Sand begraben, 1931
Wien spürt dieser „Obsession“, so der Untertitel der Ausstellung, nun nach. Im Unteren Belvedere, das nach eineinhalbjähriger Sanierung wiedereröffnet wurde, ist der lange Schlauch der Orangerie kein einfach zu bespielender Ausstellungsraum. Margula Architects haben ihn in einen komplett blutrot ausgeschlagenen Geburtskanal für Kunstbetrachtung verwandelt, mit organisch geformten Kabinetten, die sich von allen Seiten begehen lassen, dabei aber recht wenig Platz für die Besucher bieten. Die seit 2014 geplante Schau hat der spanische Kunsthistoriker Jaime Brihuega Sierra gastkuratiert, sie zeigt mehr als neunzig Exponate aus den Jahren 1922 bis 1938, also aus der Zeit als Dalí noch kein Superstar war. An den Wänden Zitate, Fotos und Videos, darunter der Surrealistische Klassiker „Ein andalusischer Hund“ (1929) von Buñuel und Dalí. Dazu Zeitschriften, Skizzen, Gedichte, Briefe.
In fünf Stationen geht es durch das Familienleben, die Zwanzigerjahre in Madrid, die Begegnung mit und die sich immer wieder konfliktreich gestaltende Beziehung zu den Surrealisten, die Entwicklung der „paranoisch-kritischen Methode“. Dalí auszuleihen sei schwierig, erklärt die Wiener Kuratorin Stephanie Auer, so durfte etwa das Hauptwerk „Metamorphose des Narziss“ die Londoner Tate Modern nicht verlassen. Das Bild beschließt, aufgeblasen zum Riesenposter, die Schau. Die gezeigten Originale sind meist kleinformatig, von altmeisterlicher Hand gemalt.
Ohne Titel. Frau in einer Landschaft 1931
Wie nun genau Freuds Theorien sich in Dalís Bildsprache umsetzen, die Antwort auf diese Frage überlässt die Ausstellung dem Betrachter, womöglich weil Dalís Kipp-, Doppel- und Vexierbilder mit ihren extremen Assoziationsräumen viele Deutungen zulassen. „Das düstere Spiel“ von 1929, das aus einer Schweizer Privatsammlung stammt, bringt die Zutaten von Dalís Freud-Begeisterung anschaulich auf den Punkt. Es spiegelt ein von Neurosen und Phobien überlagertes Unterbewusstes. Da ist die überdimensionale Hand einer androgynen Statue mit voller Brust, die gleichsam nach dem Betrachter zu greifen scheint – sie wird als Masturbationsphantasie gedeutet. Die Heuschrecke auf dem Mund, ein Insekt, das Dalí seit Kindheitstagen Schrecken einjagte. Eine nackte Frau in Rückenansicht, die sich in ein blaues Schnittbild innerer Organe auflöst, in das ein phallischer Kopf stößt, darüber ein Traumwirbel mit Vogelkopf, Hüten, Steinen, Schnecken, Vulven. Unten rechts der Künstler selbst in einer Kastrationsszene als Figur mit Kot auf der Hose – das ging selbst den Surrealisten damals zu weit.
Freud spielt in dieser Obsession eine untergeordnete Rolle. Er wusste nichts von seinem jungen Verehrer. Einige seiner Zeichnungen sind zu sehen, Filmbilder aus dem Londoner Exil. Bei einer Österreich-Reise anno 1937, die Dalí und seine Frau Gala unter anderem nach Lech am Arlberg und auf den Semmering führte, versuchte der Maler, Freud in Wien zu treffen – vergeblich. Am 19. Juli 1938 ist es endlich soweit, im Beisein des vermittelnden Schriftstellers Stefan Zweig und des englischen Mäzens Edward James, der seit 1936 einen Exklusiv-Vertrag mit Dalí hatte. Elsworthy Road 39. Freud ist schwerhörig, sehr krank und nicht erpicht auf den Besuch, denn von den Surrealisten hält er gar nichts. Doch brieflich äußert er sich tags darauf wohlwollend: „Der junge Spanier mit seinen treuherzig fanatischen Augen und seiner unleugbaren technischen Meisterschaft hat mir eine andere Schätzung nahegelegt.“
Gradiva Finds the Anthropomorphic Ruins (1932)
Dalí skizziert während des Treffens ein Porträt Freuds, ist aber doch einigermaßen ernüchtert. Immerhin verkündet er, dass Freud, wäre man einander nur früher begegnet, noch einiges von ihm hätte lernen können. Die Ausstellung entlässt die Besucher mit dem Resümee, mit dieser Begegnung sei Salvador Dalís „streng freudianische Schaffensperiode“ zu Ende gegangen. Vier Jahre später, im Alter von achtunddreißig Jahren, veröffentlicht er seine Autobiographie.
Dalí-Freud. Eine Obsession. Unteres Belvedere, Wien. Bis 29. Mai. Der Katalog (Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König) kostet 34 Euro.
Nota. - Ich könnte mir vorstellen, dass das, was Dalí je über Freud gesagt hat, nicht weniger surreal gemeint war, als alle seine andern Äußerungen. Vielleicht hat er ihn ja besser ver-standen als der sich selbst.
JE

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