aus nzz.ch, 5. 2. 2022 Ein chinesischer Kalligraf fertigt in Hongkong zum Neujahrsfest ein «Fai Chun»-Banner mit der Aufschrift «Viel Glück» an zuJochen Ebmeiers Realien
Die chinesische Schrift sei das komplizierteste System von Formen, welches die Menschheit geschaffen habe, und das markanteste Alleinstellungsmerkmal der chinesischen Kultur, so der Heidelberger Professor für Kunstgeschichte Ostasiens Lothar Ledderose. Ein umfassendes Wörterbuch des Chinesischen kennt etwa 70 000 verschiedene Schriftzeichen.
Selbst hochgebildete Literaten beherrschen aktiv gerade einmal ein Zehntel davon. Die meisten aber kennen nur 2000 bis 3000. Da aber diese Zeichen aus einem kleinen Repertoire von etwa einem Dutzend unterschiedlich geformten Strichen bestehen – mit denen etwa 200 Module gebildet werden, aus denen dann die Schriftzeichen zusammengesetzt sind –, entsteht eine allgemeine Vertrautheit mit sämtlichen Schriftzeichen. Die Texte sind jedem, der sich einmal auf dieses Schriftsystem eingelassen hat, vom Erscheinungsbild her vertraut und überdies grundsätzlich zugänglich, gegebenenfalls über ein Wörterbuch. So bleibt alles, was in den letzten mehr als zweitausend Jahren geschrieben wurde, prinzipiell lesbar. Oder ist dies nicht doch eine Illusion?
Bei aller Idealisierung, welche dieses Zeichensystem erfahren hat, von Gottfried Wilhelm Leibniz bis Ezra Pound, haben nämlich Linguisten gezeigt, dass diese logografische Schrift in mehrfacher Hinsicht für die Verschriftung einer Sprache unzureichend und einer Alphabetschrift unterlegen ist. Daher auch haben Chinas Reformer in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Einführung einer Lateinschrift gefordert.
Einer
der prominentesten ihrer Vertreter war der grosse Schriftsteller Lu Xun
魯迅 (1881–1936). Noch 1936 betonte Mao Zedong gegenüber seinem Biografen
Edgar Snow: «Wir glauben, dass wir früher oder später ohnehin das
chinesische Schriftzeichensystem aufgeben müssen, wenn wir eine neue
Kultur schaffen wollen, an der die Massen voll und ganz teilhaben.»
Warum hatte dann mit so vielen Befürwortern das Vorhaben doch keinen
Erfolg?
Der Schriftsteller Lu Xun (1881 bis 1936). Aufnahme von 1930<
Während
zunächst und im Überschwang der Suche nach einer chinesischen Moderne
die Meinung vorherrschte, die Einführung einer Lateinschrift werde die
landesweite Einheitssprache fördern, wendete sich nach der Ausrufung der
Volksrepublik im Jahr 1949 das Blatt. Nun überwog die Ansicht, erst
wenn sich eine Standardsprache allgemein durchgesetzt habe, könne an
eine schrittweise Einführung einer Lateinschrift gedacht werden.
So
wurde 1958 ein Umschriftsystem in Lateinschrift, das sogenannte
«Pinyin», verkündet und daneben das Schriftsystem beibehalten, aber
reformiert. Man wollte die Angehörigen jener Bildungsschicht, auf deren
Loyalität die junge sozialistische Volksrepublik angewiesen war, nicht
durch eine radikale Abschaffung gerade jenes Bildungskanons verprellen,
um den sie sich in harter Lernarbeit jahrelang bemüht hatten. Die Reform
bestand nunmehr lediglich in der Vereinfachung einer grossen Zahl von
Schriftzeichen, was 2238 von den 7000 am meisten gebrauchten Zeichen
betraf. Zudem wurden im Jahre 1955 etwa 1000 Schreibvarianten offiziell
abgeschafft.
Eine
Chinesischlehrerin unterrichtet an der Universität von Lome in Togo
Man
war also bei etwa 5000 Zeichen für den alltäglichen Gebrauch
angekommen, und das lateinische Alphabet war zu einem festen Bestandteil
der Schrift geworden, beim Lernen ebenso wie bei der Organisation von
Wörterbüchern.
Der Peking-Dialekt als Grundlage
Gleichzeitig betrieb man die Sprachvereinheitlichung weiter, wozu Pinyin einen Beitrag leistete. Dafür wurde der Peking-Dialekt zur Grundlage der «Gemeinsprache» erklärt. Ministerpräsident Zhou Enlai erläuterte: «Die Grundlage der Vereinheitlichung des Chinesischen ist nun geschaffen. Es ist die ‹Gemeinsprache› (putonghua) mit der Pekinger Aussprache und der Umgangssprache im Norden als Grundlage, wobei die Grammatik sich nach vorbildlichen Schriften in moderner Umgangssprache richtet.»
Dieser Entscheidung war ein über mehrere Jahrzehnte dauernder Aushandlungsprozess vorausgegangen. Die Einrichtung einer Aussprache-Kommission im Jahre 1912 hatte zunächst zu einem Kompromiss geführt, bei dem unterschiedliche Mandarin-Dialekte bzw. Regiolekte berücksichtigt wurden. Entsprechend nannte man dieses «bunte» Mandarin – eine Kunstsprache eigentlich – das «blaugrüne Mandarin» (lan-qing guanhua 蓝青官话). Lu Xun, der bereits genannte «Vater der modernen umgangssprachlichen Literatur», der einen Wu-Dialekt sprach und zugleich die der «Gegenwartssprache» zugrunde gelegte guanhua beherrschte, hatte noch in den zwanziger Jahren berichtet:
«Ein Mitreisender im Abteil kam aus Taiwan und sprach den Xiàmén-Dialekt, den ich nicht verstand; er wiederum verstand nicht mein Blaugrün-Mandarin» 同艙的一個是台湾人,他能说厦门, 我不懂。我说的蓝青官话,他不懂。
Trotz
dieser nun erreichten Grundlage wagte weiterhin keiner den Schritt, für
diese Gemeinsprache anstelle der Schriftzeichen eine Lateinschrift
einzuführen. Zugegeben, es wäre einer grundstürzenden Revolution
gleichgekommen, wie sie China noch nicht erlebt hatte. Die Unlesbarkeit
eines grossen Teils der Schriftzeichen für die grosse Masse der
Bevölkerung hat dann der Künstler Xu Bing (Jahrgang 1955) thematisiert,
der mit seinem «Buch vom Himmel» (tian shu 天書), mit dem er im
Jahr 1988 einen Druck mit 4000 von ihm konstruierten Schriftzeichen
präsentierte, welche die Anmutung von chinesischen Schriftzeichen
hatten, aber allesamt nicht lesbar waren, einen Sturm der Entrüstung
auslöste, aber doch den Finger spürbar auf die Wunde legte.
Kunstinstallation «Ein Buch vom Himmel» von Xu Bing an der Contemporary Art in Peking.
Fast
stärker noch als die Kommunistische Partei hatte übrigens die
Kuomintang unter Führung von Tschiang Kai-schek die nordchinesische
Hochsprache propagiert und in Taiwan anstelle der Verwendung des
lateinischen Alphabets eine phonetische Codierung durch Striche
favorisiert, das zu Beginn der Republik vor mehr als hundert Jahren
erdachte und heute noch in Taiwan gebräuchliche sogenannte Bopomofo,
bestehend aus 37 Zeichen und 4 Tonmarkierungen, das eine grosse Nähe zu
den grafischen Eigenschaften der Schriftzeichen aufweist.
Das Erlernen der Verschriftung einer gesprochenen Sprache mit einer überschaubaren Anzahl von Zeichen, also einem Alphabet von etwa 25 oder 30 Schriftzeichen, ist die effizienteste Art und Weise, eine gesprochene Sprache zu verschriften. Man kann dies in kurzer Zeit bewältigen, und so kann eine Standardsprache rasch eingeübt und gepflegt werden. Dies ermöglicht es zugleich, die sprachliche Veränderung der Benennung einer Sache bis hin zur Umbenennung mit zu vollziehen. Inhalte werden von den Schriftzeichen befreit, und damit würde ein grosser Ballast abgeworfen.
Wenn dagegen eine Bedeutung weiter an ein Schriftzeichen gebunden bleibt, wird sich im weiteren Verlauf bei veränderter Phonetik die Zuordnung zwischen Schriftzeichen und Aussprache ändern; zugleich können dem Schriftzeichen, einmal abgesehen von dem einen Prozent Zeichen für «Schaf», «Rind» usw., neue Bedeutungen zuwachsen.
Mit dieser semantischen Ausdehnung verlieren die Schriftzeichen ihre Eindeutigkeit und damit ihre ursprüngliche Funktion. Denn die Zuordnung eines Schriftzeichens kann sich nicht nur bezüglich seiner Aussprache ändern, sondern auch im Hinblick auf die Bedeutung. Das führt dazu, dass Schriftzeichen neben unterschiedlichen Aussprachen zugleich auch eine grosse Bedeutungsvielfalt zukommt. Ein in seiner Gestalt gleichbleibendes Schriftzeichen kann so in Einzelfällen zehn oder mehr Bedeutungen haben.
Das bedeutet in der Konsequenz, dass man zum Verständnis von geschriebenen Texten, wenn sie nicht gerade von aktuellen und damit allgemein bekannten Dingen sprechen, ohne ein Wörterbuch nicht auskommt – oder eben ungemein gebildet sein muss. Diese Schwierigkeit bezieht sich keineswegs auf literarische Texte, auch die einzelnen Dialekte neigen aus phonologischen Gründen zur Verwendung unterschiedlicher Schriftzeichen.
Die Schwierigkeiten des Schriftsystems liegen also auf der Hand. Zwar gab es manche Zeichen, die auf eine Sache verweisen, wie jene für «Wasser», «Stein» oder «Haus» . . ., und daran änderten auch die unterschiedlichen Aussprachen bzw. Lesungen nichts. Doch diese Zeichen machen nur ein Prozent aller Zeichen aus, während die anderen von vornherein auf eine Aussprache festgelegt sind. Diese Lautzeichen sind mit Bedeutungselementen verknüpft gebildet worden. Mit dem natürlichen Sprachwandel und beim Fortbestehen grosser Dialektunterschiede hatten sich die meisten Zeichen verselbständigt, und die Korrelationen zwischen Schriftzeichen, Aussprache und Bedeutung waren auseinandergedriftet.
Dies alles lässt es weiterhin als erstrebenswert erscheinen, die Gemeinsprache durch ein Alphabet zu repräsentieren. Für die Einübung einer Standardsprache wie das heutige Hochchinesisch wäre dies gut denkbar, und es wird daher von vielen Linguisten und Didaktikern vertreten. Zudem sprechen die meisten Menschen in China diese Gemeinsprache, und die regionalen Unterschiede sind nicht erheblicher als die zwischen britischem, amerikanischem oder australischem Englisch.
Trotzdem bleibt die Kluft zwischen den Dialekten. Einige dieser Dialekte, Kantonesisch, Hakka oder Min etwa, sind nicht nur untereinander, sondern auch gegenüber der Gemeinsprache gänzlich verschieden, etwa so wie Dänisch und Englisch, Französisch und Spanisch oder Französisch und Italienisch. Bevor man diese und die zahlreichen ethnischen Minderheiten nicht an die Gemeinsprache gewöhnt hat, wäre eine Umstellung auf eine auf der Aussprache basierende Buchstabenschrift also nur um den Preis der Gefahr des Verlustes eines durch die Schrift prinzipiell zugänglichen einheitlichen Bandes zu verwirklichen.
Sind dies aber triftige Argumente gegen ein alphabetisches Schriftsystem? Zunächst nicht, nur braucht die Verwirklichung dieses Projektes einfach noch weitere Jahrzehnte oder vielleicht ein ganzes Jahrhundert. Und doch gibt es gute Gründe für die Beibehaltung der Schriftzeichen, deretwegen man an dem alten System festhält und es sogar zu einem Teil der Identität Chinas erklärt. Welches sind die Gründe dafür, die Schriftzeichen beizubehalten und die lange Zeit favorisierte Alphabetschrift als einzige Schriftform nicht einzuführen?
Bei einem zweiten Blick nämlich hat das traditionelle Schriftsystem einige gewichtige Vorteile. Die Argumente gegen dessen Ersetzung durch ein Alphabet sind folgende: Mit der Abschaffung des Schriftsystems würde die gesamte bisherige schriftliche Überlieferung museal, und der Zugang zur Vergangenheit würde verstellt, während sie bei Beibehaltung des Schriftsystems grundsätzlich «lesbar» bleibt. Sodann könnten starke Dialektunterschiede dazu führen, dass sich bei einer Alphabetisierung unterschiedliche Sprachen herausbilden, die sich etwa so wie Deutsch und Niederländisch und Französisch voneinander unterscheiden.
Zudem würde für die etwa 120 Millionen Chinesen, die einer ethnischen Minderheit angehören und von denen die Hälfte bereits über eine eigene Schrift verfügt, das im Alphabet geschriebene Gemeinchinesische nur noch als eine Fremdsprache erscheinen und sich sprachlich verselbständigen – mit den Schriftzeichen als Bedeutungsträgern würden die Völker die letzte Brücke zur chinesischen Kulturwelt verlieren.
Überall dort also, wo die mündliche Verständigung auf Hürden stösst, bildet das Schriftzeichensystem eine Brücke und verweist zugleich darauf, dass eine Vereinheitlichung und Normierung für den Zusammenhalt grösserer sozialer Verbände und Regionen hilfreich ist.
Im Hinblick auf die im Zuge der ersten Reichseinigung erfolgten institutionellen Strukturbildungen, zu denen auch eine Schriftvereinheitlichung gehörte, spricht der bedeutende amerikanische Chinakenner John K. Fairbank daher zu Recht von einem «Triumph menschlicher Institutionen über die Geografie».
So zielt das chinesische Schriftsystem von jeher darauf, China, welches in seiner Ausdehnung Europa gleicht, zusammenzuhalten. Dazu haben viele ihren Beitrag geleistet, wie etwa der Hof des Liang-Kaisers in Südchina um das Jahr 500 n. Chr., der nicht nur ein grosser Förderer des Buddhismus war, sondern zu dessen Zeit auch der Tausend-Zeichen-Klassiker verfasst wurde, in dem eintausend unterschiedliche Zeichen nur einmal vorkommen und der zur Einübung des Schriftzeichensystems seither immer wieder herangezogen wurde.
Das Schriftsystem hat aber nicht nur eine integrierende Kraft nach innen, sondern hat seit frühester Zeit auch nach aussen gewirkt. Über Jahrhunderte haben sich die Gebildeten Japans, Koreas und Vietnams der chinesischen Schrift bedient, und andere Völker wie die Kitan und die Tanguten haben eigene Schriften nach dem chinesischen Vorbild entwickelt.
Jeder, der sich auf dieses Schriftsystem einlässt, begibt sich in eine Sphäre, in der Regeln gelten und befolgt werden müssen. Die Vorschrift spielt im doppelten Sinne des Wortes eine Rolle: lernen durch ständiges Kopieren von bereits vorgeschriebenen Formen, wobei man sich an komplizierte vorgeschriebene Regeln halten muss. Das bildet die Grundlage. Man darf sich nicht selbst erfinden, sonst würde die Schrift nicht mehr lesbar sein.
Das
Schreiben setzt dauernde Übung voraus und ist im Kern eine Form der
Selbstdisziplinierung. Zugleich lässt sich an der beim Schreiben mit
Pinsel und Tusche sich abbildenden Körpersprache des Schreibenden das
Individuum so gut erkennen wie an seinem Gesicht. Man folgt Regeln und
zeigt doch zugleich seine Persönlichkeit in ihrer Einzigartigkeit. Dies
ist ein Teil der China kennzeichnenden Hybridität, wozu auch gehört,
dass sich Einzelne gelegentlich widersetzen und, wenn sie sich
durchsetzen, es zu Korrekturen kommt und es so immerwährend Anstösse zur
Erneuerung gibt.
Kalligrafie will geübt sein, wie hier an der Nankai-Universität im nordchinesischen Tianjin.
Ebenso
wie auf dem Gebiet des Mandarin – also der Sprache – ist China in
vielfältigen anderen Ordnungs- und Sinnsystemen eine Hybridbildung, was
mit der Vielfalt und dem Integrationszwang sowie mit jenen
Akkulturationsprozessen zu tun hat, für die auch der Begriff der
«Sinisierung» geprägt wurde. Deswegen gab es auch einmal eine Phase, in
der Esperanto mit besonderer Intensität in China als Lösung für das
Weltsprachensystem propagiert wurde.
Als in den achtziger Jahren die elektronische Textverarbeitung und der Personalcomputer die Welt eroberten, glaubten manche, nun sei das alte chinesische Schriftsystem endgültig nicht mehr zu halten. Der Siegeszug des Telefax-Gerätes in Ostasien als Brückentechnologie schien dies zu bestätigen. Das Gegenteil war der Fall. Man übersah, dass es bereits Codierungen gab wie die zehntausend Zeichen eines Telegrafen-Codes, vor allem aber unterschätzte man die weitere Entwicklung der digitalen Techniken und die Lernfähigkeit der chinesischen Welt und ihrer Ingenieure.
Die
Schriftzeichen haben noch eine andere für den Zusammenhalt wichtige
Eigenschaft. So verstehen mit dem Schriftsystem vertraute Chinesen in
aller Welt die in Schriftzeichen geschriebenen, in Alphabetschrift für
Nichtkantonesen unverständlichen Parolen der Hongkonger Protestbewegung,
wenn diese Plakate mit der Aufschrift «Ein-China-Politik: nein danke!»
vor sich herträgt. Alle können für sich entscheiden, ob sie solchen
Parolen zustimmen. Die ebenfalls in Hongkong geführten Banner in
englischer Sprache mit der Aufschrift «Gestern Uyghur & Tibet, heute
Hongkong, morgen Taiwan» oder «President Trump, please liberate
Hongkong» hingegen werden dann schon leichter übersehen.
Chinesische
Schriftzeichen, die sich als je nach Blickwinkel als «Füge Öl hinzu»
oder als «Hongkong» lesen lassen. Strassenproteste in Hongkong im Juli
2019.
Die
wichtigsten Argumente für die Beibehaltung des Schriftsystems sind aber
neben den genannten die Handschrift und die kognitiven Anreize. Schon
vor Jahren haben Bildungsexperten wie Manfred Osten auf die «eindeutig
grösseren Möglichkeiten für die Ausbildung neuronaler Fähigkeiten»
hingewiesen. Dies und die Ausbildung eines «stark ausgeprägten
eidetischen Gedächtnisses» hätten zu einem «Vorteil lebenslanger
geistiger Fitness» geführt, «der in China nachhaltig gefördert wird
durch den selbstverständlichen hohen Stellenwert der Bildung und die
damit verbundene Lernbereitschaft im Sinne des konfuzianischen
Wertesystems».
Ferner sind die Integrationskraft und die Ermöglichung kultureller Kohärenz und daraus resultierend die Schrift als Sinnressource und damit als Denkraum zur Relativierung der Gegenwart zu nennen.
Nun gibt es nicht nur für den von aussen kommenden Betrachter, sondern auch für den innerchinesischen Diskurs eine Besonderheit, die mit dem chinesischen Schriftzeichensystem verbunden ist. Da nicht nur die gesprochene Sprache der Gegenwart, sondern alles, was je schriftlich in China niedergelegt worden ist, in diesem System abgebildet wird, suggeriert dies eine Vertrautheit, die in weiten Teilen nur scheinbar bzw. nur äusserlich besteht und die jeder Verständnisbemühung und Kommunikation ein hohes Mass an Anstrengung abverlangt.
Denn das Bedeutungsfeld eines Schriftzeichens muss häufig immer wieder neu expliziert werden. Begriffs- und ideengeschichtliche Vergegenwärtigung ist eine wesentliche Komponente dieser Schrift. Viele zentrale Begriffe haben gleichzeitig ganz unterschiedliche Färbung, ob sie nun einen buddhistischen, einen daoistischen oder einen westlichen (etwa Marxschen oder Hegelschen) oder einen sonstigen Hintergrund haben, eine Färbung gewissermassen, auf die man sich immer wieder neu verständigen muss.
In Bezug auf begriffsgeschichtliche Herausforderungen in alphabetischen Sprachen nicht grundsätzlich verschieden, hat das chinesische Schriftsystem einen ungleich grösseren Assoziationsreichtum, und zwar auf der Ebene der Homofonie ebenso wie auf der Ebene der Orthographie. Da sich alles Geschriebene in das etwa 70 000 unterschiedliche Zeichen umfassende Schriftsystem einfügt, erscheint alles als vertraut und so, als wäre es immer schon Teil der chinesischen Welt gewesen. Homofone und spezifische Auswahl oder Vermeidung eines Zeichens und damit mögliche Tabuisierungen, Anspielungen und Nuancierungen haben ein grosses subversives Potenzial und ermöglichen sprachliche Distanznahme. Die Gelehrsamkeit der Literaten wandelt von jeher auf diesen Spuren.
Dafür, dass dieser Dialog innerhalb der chinesischen Plausibilitätsstrukturen und Sinnressourcen stattfindet und insofern ein innerchinesischer Dialog bleibt, bildet die heutige Propagierung eines «Sozialismus chinesischer Prägung» eine weitere Konzentration auf China. Die Beibehaltung des Schriftzeichensystems verklammert die Gegenwart mit der gesamten schriftlichen Überlieferung Chinas und vermag sich auf zurückreichende Systeme der Anspielungen und des Tabubruchs und eine geradezu grenzenlose Ermöglichung von Allegorese zu beziehen.
So bleibt prinzipiell ein grosser Resonanzraum für Distanznahmen erhalten. Dass dieser aktuell immer wieder beschnitten zu werden droht, ändert nichts an dem Fortbestand solcher Möglichkeitsräume. Mit einer ironischen Distanznahme bezüglich Weltanschauungen, der innerchinesischen ebenso wie jener im Westen entwickelten, treten unterschiedliche Positionen gegeneinander an, aus denen sich immer wieder neue Möglichkeitsräume ergeben und damit die Stärken des traditionellen Schriftzeichensystems bestätigen.
Helwig Schmidt-Glintzer ist Professor für Sinologie und Direktor des China-Centrums Tübingen. Zuletzt ist 2018 bei Matthes & Seitz erschienen: «Chinas leere Mitte. Die Identität Chinas und die globale Moderne».
Nota. - Ein Sprachsystem, das durch und durch von analoger Bildlichkeit durchdrungen ist, wird sich nicht leicht in digitale Begriffe fügen. Mit andern Worten: Diskursives Denken, das den Westen beherrscht, wird es mit China immer schwer haben. Durchaus nicht in positiver Hinsicht, beim Darstellen dessen, was als wahr und richrtig gelten soll: Zum Konstruieren sind die Begriffe gar nicht geeignet. Da mag die Vieldeutigkeit und die Ver-suchung zur 'uneigentlichen' Rede das chinesische Denken dem westlichen gar überlegen machen.
Unabdingbar ist die Schärfe des Begriffs dagegen für Analyse und Kritik des Ausgesagten nicht minder als die Unerbittlickeit der Logik. Die sind der Vernunft wesentlicher als das Konstruieren; das können andre besser, und die sind letzten Endes auch gemütlicher. Kritik aber ist schneidend, denn sie kommt am Ende zu einem Urteil.
JE
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