gutefrage aus Philosophierungen
Eine Intelligenz, die so handelt, wie es in der
Wissenschaftslehre dargestellt ist, soll vernünf-tig
heißen.
Zur
westlichen Großmacht stieg die Vernunft im siebzehnten Jahrhundert,
genau: nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges auf. Sie sollte an
die Stelle der Glaubensbekenntnisse tre-ten, die Europa in Zwietracht und
Verheerung geführt hatten.
Zu
uneingeschränkter Herrschaft wollte die französische Revolution sie
bringen: Im No-vember 1793 wurde in Notre Dame de Paris statt der
christliche Kulte die Fête de la Raison gefeiert. Doch dem Wohlfahrtsausschuss grauste vor ihrer atheistischen Tendenz und setzte ihr im Juni 1794 die Fête le l'Être Suprème entgegen - die Vernunft nicht länger als handeln-des Subjekt, sondern als Attribut der Gottheit.
Da hatte in Deutschland die Vernunftkritik
bereits begonnen: die Reflexion der Vernunft auf sich selbst, die Frage
nach ihrer Reichweite und ihren Bedingungen. Kant war beim Apriori
als einem Vorauszusetzenden steckengeblieben. Die Wissenschaftslehre
führt auch dieses auf den Voraussetzenden selbst zurück: das tätige Ich.
Doch leider ist die Wissen-schaftslehre ihrerseits im Atheismusstreit steckengeblieben. Aber der hat sich erübrigt und nichts hindert uns, sie wieder aufzunehmen.
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