praxistipp zuJochen Ebmeiers Realien aus spektrum.de, 11. 1. 2021
Was passiert, wenn uns ein Wort auf der Zunge liegt?
Hin
und wieder versagen wir während des Sprechens - wenn uns ein bestimmtes
Wort partout nicht einfallen will, obwohl es eindeutig auf der Zunge
liegt. Wie kommt das »Tip of the tongue«-Phänomen zu Stande?
von Johannes Gerwien
Auf
dem Weg vom Gedanken zum gesprochenen Wort läuft nicht immer alles
reibungslos. Ab und zu kommt es zu Fehlern – etwa in Form von
Versprechern. Dann sagen wir zum Beispiel Dinge wie »Der Hund reviert
sein Markier«. Hin und wieder versagt die Sprachpro-duktion sogar schon
beim Abrufen von Wissen, so dass uns ein bestimmtes Wort partout nicht
einfällt. Manchmal liegt es uns sprichwörtlich auf der Zunge: Wir wissen
genau, wir kennen es und können sogar gewisse Charakteristika angeben.
Häufig tritt dieses »Zungen-spitzen-Phänomen« bei Eigennamen auf. Dann
haben wir beispielsweise das Gefühl, dass der Name der Nachbarin zwei
Silben hat und mit B beginnt. Nur der Rest kommt uns leider nicht in den
Sinn. Allerdings kommt es uns häufig so vor, als würde uns das
entfallene Wort jeden Moment über die Lippen gehen. Wo genau hakt es in
solchen Augenblicken?
Hierfür müssen wir uns kurz
vergegenwärtigen, wie unser mentales Lexikon aufgebaut ist. So
bezeichnet man den Teil des Langzeitgedächtnisses, der sprachliches
Wissen enthält. Das mentale Lexikon umfasst verschiedene Ebenen. Auf
einer, der Formebene, sind das Schrift-bild und die klangliche Gestalt
jedes Worts repräsentiert. Auf einer anderen wiederum sind seine
Bedeutung sowie die Kombinierbarkeit mit anderen Wörtern gespeichert.
Fachleute nennen diese die Lemma-Ebene (von griechisch: das
Angenommene).
Weil geistige Prozesse aber nicht nur sprachlich ablaufen, muss noch etwas hinzukommen – nämlich die Konzepte. Diese sind wie Knoten mit verschiedenen Wissensaspekten ver-knüpft, darunter Bilder, Gerüche, Höreindrücke, Emotionen und eben Wörter. Hier ist all das abgelegt, was wir mit der Nachbarin verbinden, was sie für uns ausmacht. Um nun einen Gedanken in Sprache zu gießen, muss zunächst das betreffende Konzept aktiviert werden. Dann beginnt die Suche nach Einträgen im mentalen Lexikon, deren Bedeutung zu dem Konzept passt. Schließlich muss noch die Forminformation abgerufen werden: Wie heißt die Nachbarin noch mal?
Auch wenn wir nicht sofort darauf kommen, können wir doch manchmal angeben, welchen Geschlechts das gesuchte Wort ist (also nicht die Nachbarin selbst, sondern das Substantiv ihres Namens) und dass es sich um eine Berufsbezeichnung handelt. Das spricht dafür, dass der Zugriff auf die Lemma-Ebene zwar funktioniert, denn hier sind Informationen wie das grammatikalische Geschlecht (Genus) eines Worts hinterlegt. Zudem zeigen Experimente im Sprachlabor: Ein phonologischer Hinweis, also ein klanglich ähnliches Wort (»sauer«, wenn die Nachbarin Frau Bauer heißt) hilft eher, auf den Namen zu kommen, als zum Beispiel ein Wort mit ähnlicher Bedeutung (»Landwirt«). Das deutet darauf hin, dass das Problem auf der Formebene angesiedelt ist.
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In rund einem Drittel der Fälle gelingt es Probanden nicht, das Genus eines Substantivs zu bestimmen, das ihnen auf der Zunge liegt. Hier hakt es offenbar sowohl auf der Form- als auch auf der Lemma-Ebene. Zusammengenommen heißt das: Ein Wort, das einem auf der Zunge liegt, wird auf einer oder mehreren Ebenen unvollständig aktiviert. Deshalb wissen wir zwar mitun-ter, worauf es sich reimt oder auf welcher Silbe man es betont – nur seine ganze Gestalt ist (noch) nicht zusammengesetzt.
Leider gibt es keine sichere Technik, wie
man einen solchen Zustand am besten überwindet. Denn im Alltag steht
meist kein Versuchsleiter parat, der einem mit Tipps auf die Sprünge
hilft. Ich persönlich versuche dann etwa, alle jene Wörter, die ich
ausschließen kann, laut auszusprechen. So kann man sie mental aus dem
Weg räumen. Aber das hilft nicht immer.
Wenn
Ihnen das nächste Mal ein Wort auf der Zunge liegt, trösten Sie sich –
das ist ganz normal! Das Phänomen gibt es in allen Sprachen der Welt.
Schätzungen zufolge geraten wir im Schnitt einmal die Woche derart ins
Stocken; Ältere etwas häufiger als Junge.
Nota. - Der 'Knotenpunkt', in dem alles zusammenhängt, ist das Konzept: "das, was ge-meint ist". Es ist die Bedeutung der bestimmten Form, nach der ich suche. Sie konnte - kann? - in anderer Form nicht gespeichert werden. Doch ohne Bedeutung könnte eine Form nicht gepeichert werden; ein Symbol nicht ohne das, was es symbolisiert, ein Zeichen nicht ohne das, was es bezeichnet.
Was daraus alles folgt, lässt sich in einem einzigen Eintrag nicht einmal andeuten.
JE
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