Freitag, 15. Januar 2021

Nature and nurture.

                                            zuJochen Ebmeiers Realien

aus spektrum.de, 15.01.2021

Evolution

Menschen verhalten sich ähnlich wie ihre tierischen Nachbarn
Egal, ob es ums Essen geht oder die Aufzucht des Nachwuchses: Die Umgebung lenkt das Verhalten ihrer menschlichen und tierischen Bewohner in dieselbe Richtung.


Eine gemeinsame Umwelt bringt in der Evolution von Mensch und Tier ähnliches Verhalten hervor. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die ein Team um den Ökonom Toman Barsbai von der University of Bristol in »Science« veröffentlicht hat. Demnach bestimmen die Umweltbedingungen unter anderem mit, wie Menschen und Tiere ihr Zusammenleben organisieren.

Barsbai und seine Kollegen studierten anthropologische Beobachtungen an 339 Gruppen von Jägern und Sammlern, die der Archäologe Lewis Binford im 19. und 20. Jahrhundert in Afrika, Asien, Australien und Amerika zusammengetragen hatte. Dann verglichen sie das beobachtete Verhalten der Menschen mit dem von Tieren, die in einem Umkreis von 25 Kilometern lebten. In 14 von 15 untersuchten Lebensbereichen entdeckten sie Übereinstimmungen.

Mensch und Tier ähnelten sich beispielsweise darin, wie viel Nahrungsmittel sie lagerten, ob sie zur Nahrungssuche weite Wege zurücklegten und ob sie je nach Jahreszeit in andere Gebiete wanderten. Einige Orte begünstigten die Jagd, so dass die Menschen einen Großteil ihrer Nahrung mit Fleisch deckten; in ihrer Nachbarschaft gab es entsprechend mehr Fleisch fressende Tiere. Übereinstimmungen fanden die Forscher überdies in der Größe der zusammenlebenden Gruppen, der Zahl der Geschlechtspartner und im sozialen Gefüge. Lebten die Jäger und Sammler einer Region in sozialen Hierarchien, traf das auch vermehrt auf die Tiere zu. Bekamen die Menschen früh Kinder, tendierten die benachbarten Tiere ebenfalls dazu. Und zogen die Eltern den Nachwuchs gemeinsam groß, war es bei den Tieren häufig ähnlich.

Es handelte sich um den ersten Versuch, ein breites Spektrum von Verhaltensweisen bei sehr verschiedenen Spezies systematisch zu vergleichen, sagte Toman Barsbai in einer Pressemitteilung. »Ältere Studien haben bislang nur untersucht, wie Umweltbedingungen das Verhalten von eng verwandten Arten formen.« Der neue Befund zeige, wie umfassend und konsistent sich die Umgebung auf das Verhalten auswirke. Koautor Dieter Lukas, Ökologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, bezeichnete die Ergebnisse als überraschend. »Man würde erwarten, dass verschiedene Arten unterschiedlich mit ihrer Umwelt interagieren.«

Die Autoren führen ähnliches Verhalten der Spezies darauf zurück, dass die Umgebung einen Selektionsdruck ausübt und sich deshalb die am besten angepassten Varianten durchsetzen. Man wisse aber noch nicht, welche Umweltfaktoren für welches Verhalten bedeutsam sind und wie genau beide zusammenhängen. Die Studie beschränkte sich überdies auf Jäger und Sammler, die in ihrer unmittelbaren Umgebung nach Nahrung suchten. Daher ist unklar, ob die neuen Erkenntnisse auch auf Gesellschaften zutreffen, die Landwirtschaft oder Handel betreiben. Ein begleitender Kommentar in »Science« warnt davor, die Rolle der Kultur zu unterschätzen.

 

Nota. - Das ist ganz simpel. Und trotzdem unerwartet, denn es wirft die liebgewordene Entgegensetzung von Nature or nurture über den Haufen. Denn ob der Selektionsdruck der ökologischen Umwelt nun zur Natur oder zur Kultur gehört, ist ein Streit um Kaisers Bart. Die Antwort lautet immer nur: mal mehr, mal weniger - kommt drauf an - je nachdem. So in abstracto. In concreto kann die Antwort immer nur - konkret ausfallen. Die Unter-scheidung ist überhaupt nur möglich, weil die Menschen, seit sie ihren angestammten Ur-wald verlassen haben, ihre Geschichte selbermachen. Seither ist nurture kulturell geprägt und 'künstlich'; vorher war sie selber nature.

Abstrakt dürfen Fragen wie Antworten immer nur in Modellbetrachtungen sein - und ten-denziös: denn ein Modell ist, weil es eben abstrakt ist, eine Tendenz. Es sieht auf dieses ab und vernachlässigt jenes. Wieso und Weshalb muss das Modell begrründet haben, bevor Fragen an es gestellt werden konnten. Genauer gesagt - ein Modell wird entworfen, damit tendenziöse Fragen daran gestellt werden können. Die Fragen sind vorher da und für das Modell konstitutiv.

JE

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