Sebastian Bremer, pixelio.de aus Philosophierungen
zu
'Wissenschaft' unterscheidet sich von andern Weisen des Meinens darin, daß sie ein auf seine Gründe hin überprüftes Wissen ist... Die Überprüfbarkeit
("Falsifizierbarkeit", nach Popper) ist ihr kardinaler pragmatischer
Unterschied zu anderem Meinen: Sie ist Bedin-gung der Mitteilbarkeit. Nur
wenn mein Wissen auf 'Gründen' beruht, kann ich es einem andern ver"mitteln": ihm die Gltigkeit meines Wissens "andemonstrieren"! Ich muß in der Begründungskette
meines Wissens einen 'Punkt' ausmachen, der dem andern bereits 'als
ge-wiß bekannt' ist (Wittgenstein). Daran kann ich anknüpfen
und aus ihm Schritt vor Schritt mein Wissen "her leiten". Daher sind
die Sätze 'Wissenschaft ist begründetes Wissen' und 'Wissenschaft ist
diskursives Denken' [nicht umkehrbar] gleichbedeutend.
D.h. wirkliche Wissenschaft ist schlechterdings nie
"voraussetzungslos", sondern argumentiert immer ex concessis; denn
"irgendwo muß man ja anfangen". [nach Kant: wirkliches Wissen ist immer dogmatisch; aber noch lange nicht dogmatistisch]
Das heißt aber auch, daß 'wissenschaftliches Denken' die Gegebenheit von Wissenschaft als einer kulturellen Dimension (gesellschaftliches Institut) allbereits voraussetzt; d.h. die Vor-handenheit einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Denn wenn mein Anderer, dem ich das Wissen, das ich selber 'eingesehen' habe, andemonstrieren will, mir bereits solche 'Gründe' konzediert, die lediglich plausibel sind, dann enthebt er sich und ipso facto mich der Prü- fung (wiss.: Begründung) der einander zugegebenen Gründe; so ist das vielleicht immer noch 'wahres' Wissen; aber nicht Wissenschaft: Wissenschaftlichkeit ist eine Weise der Dar-stellung - Darstellung "für" einen Andern (und wenn der 'Andre' auch ich selbst: mein kri-tisches Alter ego wäre...)
aus e. Sudelbuch; 7. 6. 92
Und die spezifische Form wissenschaftlicher Mitteilung ist Kritik; eben jenes Verfahren, das geeignet ist, Gründe zu prüfen. Spezifisch kann die Kritik nur sein, wenn der überprüfte Satz spezifisch war. Wenn also der zu kritisierende Satz im digitalen Modus stand. Und so muss die Kritik ihrerseits im digitalen Modus stehen.
Kunst kritik heißt nur uneigentlich so. Ihr Gegenstand ist anschaulich gegeben, und wenn sie sich bei ihrem Verfahren der Begriffe bedient - der digits par excellence -, so tut sie es mit einer gewissen Ironie, wohl wissend, dass kein Begriff eine Anschauung wirklich fassen kann, denn dafür ist sie zu... unspezifisch. Es kann also nicht anders sein, als dass Kunstkri-tik in gewissem Sinne stets ungerecht ist. Entweder sie bedient sich der Begriffe, dann geht sie "eigentlich" am Gegenstand vorbei; oder sie bedient sich selber bildlicher Ausdrücke - dann ist sie eigentlich keine Kritik; sondern ein Gegenentwurf, eine Zutat, eine Skizze, wie es besser zu machen wäre; selbst ein Kunstwerk oder womöglich ganz was anderes. Eine Widerlegung ist bei anschaulichen Darstellungen gar nicht möglich, sondern nur bei Diskur-sen.
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