Dienstag, 26. Januar 2021

Der Übergang vom Gefühl zur Anschauung.

Lothar Sauer                               aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Ganze ist nichts als Verhältnisse, und doch soll es Etwas werden. Dies liegt in der Na-tur der idealen Tätigkeit, und dieser ihr produktives Vermögen zu erörtern ist unser vorzüg-liches Geschäfte, z. B. dass Materie im Raum ausgedehnt sei, und dass diese nichts sei als das Verhältnis auf unsere Empfindung.

Hier sind wir beim Entstehungsorte des Systems unserer Sensibilität für uns, und unsere gegenwärtige Voraussetzung, dass unsere Gefühle angeschaut werden, erklärt dieses System der Sensibilität, so wie dieses unsere Voraussetzung unterstützt.

Eine Veränderung von A zu B wird angeschaut, ist also ein Bestimmtes, aber dies ist nichts ohne Bestimmbares. Also keine Veränderung lässt sich anschauen ohne Veränderlichkeit; soll aber diese Etwas sein, so kann sie nur sein eine Zusammensetzung aus der Anschauung mehrer Veränderungen. 

Diese besondere - und von der im vorigen Paragraphen aufgestellten verschiedene - An-schauung heiße X, sie ist nicht Anschauung überhaupt, sondern Anschauung eines Über-gehens.

So gewiss angeschaut wird, schwebt dem Anschauenden ein Objekt vor, welches sein Ob-jektives davon erhält, dass die Anschauung darauf bezogen wird. Diese Veränderlichkeit wird also hier schon zu einem Etwas, weil eine Anschauung darauf geht. (Das System unse-rer Veränderlichkeit ist unser Leib. Dieser ist ja etwas, soll ausgedehnt sein im Raume, dies wird er lediglich durch die Anschauung.) Die Anschauung X ist eine Anschauung des Ich selbst. Es wäre nun das Fühlende im System der Sensibilität erschöpft. Das Ich dauert in allen Gefühlen fort. X wäre die Anschauung des Ich, in dieser Anschauung fände es sich selbst als Objekt.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 90



Nota I. - Wenn Fichte sein Modell auch so darstellen muss, als ob ein Moment auf das andere folgte, ist das System doch zeitlos zu verstehen: Es geschieht nicht alles nach einander, son-dern ist auf einen Schlag durch einander.



Nota II. -
  Bemerken Sie übrigens die Formulierung von der idealen Tätigkeit  und ihrem "produktiven Vermögen", das ja nichts anderes sein kann als das noch unverbrauchte Quantum an Einbildungskraft.

.JE

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