aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Wir kennen die Sphäre des
Bestimmbaren noch nicht anders als unter dem Prädikate eines ins
Unendliche teilbaren Mannigfaltigen; aber ein solches ist nichts, ein
solches ins Unend-liche Teilbare gibt keine Anhalten, kein Bindendes,
mithin keine ideale Tätigkeit und mithin auch keine Tätigkeit ins
Unendliche. Mithin widerspricht sich der Begriff von Etwas, wel-ches
weiter nichts sein soll als teilbar / ins Unendliche. Und da dieser Begriff unter den Be-dingungen des Bewusstseins vorkommt, so käme uns letzteres [als] ein Unmögliches vor.
Es müsste sonach etwas Positives,
welche nicht weiter teilbar wäre, angenommen werden, um die ideale
Tätigkeit des praktischen Vermögens zu erklären; dies ist aber ein Reales, das Unteilbare müsste also unteilbar sein als Realität; als Quantität aber müsste es wohl teilbar sein. Nun soll die ideale Tätigkeit hier so gebunden sein: nicht, dass sie als Bewegliche fort-gerissen werde, sondern dass sie angehalten und fixiert werde.
Das, was die ideale Tätigkeit fixiert, soll Stoff einer Wahl sein; aber die Wahl kann nur mit Bewusstsein des Gewählten*
geschehen, aber es gibt kein Bewusstsein von Etwas ohne
Entgegensetzung. Sonach müsste es in dieser Ansehung Zustände des Gemüts
geben, die nur Einheit und Gleichheit sind, nicht aber Vielfalt in eben
und demselben Zustande. Es muss Grundeigenschaften geben (die nicht
weiter zergliedert werden können) des Bestimm-baren und ein Sein dieses
Bestimmbaren. *) [=von dem Gewählten]
Alles, was auf ideale Tätigkeit
sich bezieht, ist Setzen, und entweder Tätigkeit des Ich, Ge-bundenheit
der idealen Tätigkeit, oder Sein des NichtIch; ein Gesetztsein, durch
welches ein Werden und Machen negiert wird. Wenn die Möglichkeit
der Entgegensetzung so abgeleitet wird, so wird der oben behaupteten
Teilbarkeit ins Unendliche nicht widersprochen, denn ich kann ja
dasselbe Sein vermehren oder vermindern.
Das oben Gezeigte wird sich unten
zeigen als dasjenige, was durch das unmittelbare Gefühl gegeben ist,
z.B. rot, blau, süß, sauer. In diesen Gefühlen ist der Zustand des
Gemüts nicht Vielheit, sondern Einheit. Die Vielheit findet aber dabei
statt, nämlich dem Grade nach, ich kann mehr oder minder Rotes empfinden, aber ich
kann nicht sagen, wo es aufhört, rot zu sein. Wie ist das Setzren oder
das Bewusstsein dieses Etwas möglich? Wie kommts in das Ich?
Dieses Etwas und das Bewusstsein
davon geht allem Handeln voraus, denn das Handeln ist dadurch bedingt.
Das Gegeben ist die Sphäre alles möglichen Handelns; das Handeln / aber
ist absolut nichts Einfaches, sondern ein Zweifaches. Es liegt
gleichsam eine Ausdehnung des sich-selbst-Affizierens und ein Widerstand
desselben, der es aufhält und zu einem An-schaubaren macht, darin.
Was
in der Sphäre des Bestimmbaren liegt, ist das Handeln. Jedes Mögliche
muss etwas dem Ich Angehöriges (Tätigkeit) und etwas ihm Widerstrebendes
sein. Dieses Etwas ist als ein wirkliches Handeln nicht gesetzt; was
also davon dem Ich angehört, ist nicht zu erklären aus einer wirklichen
Selbstaffektion. Das Ich wird hier nur gesetzt als das Vermögen des
Han-delns in diesem Mannigfaltigen. Nun kommt aber dieses Vermögen hier
nicht vor als ein bloßes Vermögen, als ein Mögliches im Denken, sondern
als ein Anschaubares, welchem in sofern der Charakter des Seins
zukommt.
Der Charakter des Seins ist Bestimmtheit, folglich müsste hier liegen ursprüngliche Be-stimmtheit zum Handeln überhaupt. – Das Ich, sobald es gesetzt ist, ist nicht frei zu han-deln überhaupt, sondern nur, ob es dieses oder jenes handeln will. Wir bekommen hier ein notwendiges Handeln. Das Wesen des Ich ist Tätigkeit, folglich wäre hier ein Sein der Tä-tigkeit. Das den Begriff von seinem Willen entwerfende Ich ist gebunden, aber die Gebun-denheit deutet auf ein Sein, und zwar auf ein eigentliches Sein. Das Bindende und insofern Setzende ist dem Ich angehörig, aber das Ich ist hier praktisch (Tätigkeit), sonach ist hier ein Sein der Tätigkeit.
Beide
sich widersprechende Begriffe sind hier vereinigt (nämlich Sein und
Tätigkeit), und diese Vereinigung wird hier betrachtet als ein
Gefundenes. Ich finde etwas, aus welchem ich mein Handeln zusammensetze;
in diesem liege ich selbst, also hier wird Tätigkeit gefunden. Diese
Tätigkeit ist eine zurückgehaltene Tätigkeit, und davon bekommt sie den
Charakter des Seins. So etwas ist aber ein Trieb, ein sich selbst
produzierendes Streben, das im Innern dessen, dem es zugehört,
gegründet ist [...], es ist
Tätigkeit, die kein Handeln ist, etwas An-haltendes, die ideale
Tätigkeit Bestimmendes, eine innere, fortdauernde Tendenz, den
Wi-derstand zu entfernen. __________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 64ff.
Nota I. - Als Fühlendes ist das Ich nicht mehr bloßes Vermögen, sondern ist anschaubar und dadurch zu einem Sein geworden. Davon geht alles Handeln aus. Oder so rum gesagt: In-dem es vom Fühlen zum Handeln übergeht, erweist sich überhaupt erst das Vermögen.
30. 12. 15
Nota II. - Es ist für einen, dem es sich erwiesen hat. Für einen Urzeitkrebs 'ist' es nicht. Was wäre daran mysteriös?
JE
Nota. Das
obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
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