aus derStandard.at, 27. 11. 2021 zuJochen Ebmeiers Realien zu Philosophierungen
Was für die makroskopischen Welt mit seinen klassischen physikalischen Gesetzten selbst-verständlich scheint, muss nicht automatisch auch in der Quantenwelt
gelten – etwa, dass die Zeit nur in eine Richtung fließt: Ein
Physikerteam der Universität Wien und hat nun gemeinsam mit Kollegen
gezeigt, dass sich Quantensysteme gleichzeitig entlang zweier
entgegengesetzter Zeitpfeile entwickeln können.
Die scheinbare Gewissheit, dass sich die Zeit vorwärts bewegt, ergibt sich aus der Tatsache, dass die meisten makroskopischen physikalischen Phänomene immer nur in einer Richtung ablaufen können. Nehmen wir zum Beispiel die Abfolge unserer morgendlichen Routine: Würde man uns zeigen, wie unsere Zahnpasta von der Zahnbürste zurück in die Tube wandert, wüssten wir zweifelsfrei, dass man uns gerade eine Aufzeichnung unseres Tages im Rücklauf zeigt.
Unordnung und Zeitpfeil
In der Physik ist diese Neigung bestimmter Phänomene, sich nur in eine Richtung zu entwickeln, mit der Erzeugung von Entropie
verbunden, einer physikalischen Größe, die umgangssprachlich den Grad
der Unordnung in einem System definiert. In der Natur neigen Prozesse
dazu, sich spontan von Zuständen mit weniger Unordnung zu Zuständen mit
mehr Unordnung zu entwickeln. Diese Tendenz kann zur Identifizierung
eines Zeitpfeils verwendet werden. Wenn also ein Phänomen eine große
Menge an Entropie erzeugt, ist die Beobachtung seiner zeitlichen
Umkehrung so unwahrscheinlich, dass sie praktisch unmöglich ist.
Wenn die erzeugte Entropie jedoch klein genug ist, besteht eine nicht zu vernachlässigende Wahrscheinlichkeit, dass die Zeitumkehr eines Phänomens auf natürliche Weise erfolgt. Denken wir an das Beispiel mit der Zahnpasta zurück: Wenn wir die Tube nur leicht zusammendrücken und nur ein sehr kleiner Teil der Zahnpasta herauskommt, wäre es gar nicht so unwahrscheinlich, dass diese durch die Dekompression der Tube wieder in diese zurück gesaugt wird. Wird die Tube hingegen stärker zusammengedrückt, breitet sich die Zahnpasta unumkehrbar aus, so dass man sich sehr viel mehr anstrengen muss, um die gesamte Zahnpasta wieder in die Tube zu bekommen.
Wie Zeit im Quantenbereich fließt
Ein Team der Universität
Wien und des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) unter Leitung von
Časlav Brukner sowie KollegInnen aus Bristol und den Balearen hat diese
Idee auf den Quantenbereich angewandt. Die Forschenden versuchten,
dadurch ein tieferes Verständnis dafür zu erlangen, wie Zeit in diesem
Regime fließt.
Eine der Besonderheiten der Quantenwelt ist das Prinzip der Quantensuperposition, das besagt, dass, wenn zwei Zustände eines Quantensystems möglich sind, dieses System auch in beiden Zuständen zugleich sein kann. Blickt man auf das System zurück, das sich in die eine oder andere zeitliche Richtung entwickelt (die Zahnpasta, die aus der Tube kommt oder wieder in die Tube zurückwandert), so folgt daraus, dass sich Quantensysteme auch zugleich in beide zeitliche Richtungen entwickeln können.
Wahrscheinlichkeit
Obwohl dieser Gedanke in Bezug auf unsere alltägliche Erfahrung eher unsinnig erscheint, beruhen die Gesetze des Universums auf ihrer grundlegendsten Ebene auf quantenmechanischen Prinzipien. Dies wirft die Frage auf, warum wir in der Natur nie auf solche Überlagerungen von Zeitflüssen stoßen.
"In unserer Arbeit haben wir die Entropie quantifiziert, die von einem System erzeugt wird, das sich in Quantensuperposition von Prozessen mit entgegengesetzten Zeitpfeilen entwickelt", sagt Gonzalo Manzano, Koautor der im Fachjournal "Communications Physics" erschienenen Studie. "Wir fanden heraus, dass dies meist dazu führt, dass das System auf eine genau definierte Zeitrichtung projiziert wird, die dem wahrscheinlichsten Prozess der beiden Prozesse entspricht."
Komplexe Zeitgesetze
Und doch kann man, wenn Entropie nur in
geringem Ausmaß im Spiel ist, physikalisch beobachten, welche Folgen es
hat, wenn sich das System gleichzeitig in der Vorwärts- und in der
Rückwärtsrichtung der Zeit entwickelt. Wie Giulia Rubino, Hauptautorin
der Veröffentlichung, betont, "wird die Zeit zwar oft als kontinuierlich
zunehmender Parameter behandelt, doch unsere Studie zeigt, dass die
Gesetze, die den Zeitfluss in quantenmechanischen Zusammenhängen regeln,
viel komplexer sind." Dies könnte darauf hindeuten, dass man die Art
und Weise, wie diese Größe dort dargestellt wird, wo Quantengesetze eine
entscheidende Rolle spielen, überdenken müssen. (red.)
Nota. - Das ist ein semantischer Trick. Was ein lebender Mensch unter Zeit versteht, ist bestimmt von seiner Gewissheit, dass wir sterben werden. Erst danach ist Platz für ir-gendwelche Fragen.
Augustinus sagte, solange ihn keiner danach frage, wisse er genau, was die Zeit ist; doch wenn ers sagen solle, fände er keine Worte. Es ist nämlich so, dass die Zeit eine erlebte Selbstverständlichkeit ist. Ein Existenzial: Wenn dieses Wort irgendwo am Platz ist, dann hier.
Erleben ist ein Verb: ein Zeit wort. Diskurs ist ein Nomen: ein Begriff. Sobald ein Erlebtes in einen Diskurs gepasst wird, sind die kuriosesten Verwicklungen möglich. Denken Sie nur, was mit dem Lieben - ein anderes Existenzial - passieren kann, sobald einer es zu definieren beginnt!
Was im Mikrokosmos geschieht oder unter Laborbedingungen herbeigeführt wird, kann keiner erleben, es ist das Gegenteil von einem Existenzial, es ist ein Artificialissimum. Die Verwendung der Umgangsvokabel Zeit für den Ereignisverlauf zwischen Ordnung und Unordnung im Quantenbereich ist vom Standpunkt des gesunden Menschenverstands unerlaubt.
Der gesunde Menschenstand ist Vernunft im Alltagsformat. Vernunft im Format des wis-senschaftlichen Labors mögen die Forscher in Begriffe packen, die sie nennen mögen, wie es am besten passt. Die Wörter des Alltags passen manchmal ganz und gar nicht.
JE
Nota. Das
obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
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