Freitag, 19. November 2021

So als ob Vernunft in der Natur wäre.

add-stnazaire                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

…das Prinzip der reflektierenden Urteilskraft kann also kein andres sein, als dieses: das Mannigfaltige der empirischen Wahrnehmung so zu beurteilen, als ob es unter gewissen Sätzen der Einheit stehe, die ihm ein anderer Verstand in der Absicht gegeben habe, um eine zusammenhängende Erfahrung aus denselben für uns möglich zu machen.

Dieser Verstand müsste also einen Begriff von einer uns möglichen Erfahrung des Man-nigfaltigen durch die Gesetzgebung des Naturbegriffs in der Natur unbestimmt gelassenen gehabt haben, der zugleich den Grund ihrer Wirklichkeit enthalten hätte. So einen Begriff von einem Dinge aber heißt ein Zweck. –

Nun aber wird durch dieses Prinzip der Urteilskraft ein solcher Verstand so wenig voraus-gesetzt, dass es vielmehr vor’s erste sehr denkbar ist, ein solches Verhältnis unter den Man-nigfaltigen der empirischen Wahrnehmung sei gar nicht anzutreffen, und dass wenn etwas dergleichen angetroffen wird, es uns sehr zufällig scheint: die Urteilskraft setzt dadurch gar nichts über ein Objekt außer sich fest, sondern sie gibt durch dieses Prinzip nur sich selbst ein subjektives Gesetz von hypothetischer Gültigkeit; wie sie verfahren müsse, wenn sie die-ses Mannigfaltige in eine systematische Erfahrung ordnen wolle, und wie dieses Mannigfal-tige sich müsse betrachten lassen, wenn uns eine Erkenntnis desselben möglich sein solle. Sie setzt also keinen Zweck der Natur voraus, sondern sie macht es sich nur zur Bedingung der Möglichkeit einer zu erwerbenden Erfahrung, dass die Objekte der in der Natur sich als übereinstimmend mit derjenigen Beschaffenheit der Dinge müssen betrachten lassen, wel-che nur nach Zwecken möglich ist. Die Übereinstimmung aber heißt Zweckmäßigkeit der Form nach: weil aus der bloßen Form der Zweckmäßigkeit eines Dinges sich noch nicht auf einen wirklichen Zweck schließen lässt; indem dieser allemal eine verständige Ursache vor-aussetzt.

Die Zweckmäßigkeit der Natur ist also ein Begriff a priori, der lediglich in der reflektieren-den Urteilskraft seinen Ursprung hat, deren Prinzip er ist. Denn den Naturprodukten kann man so etwas, als Beziehung der Natur an ihnen auf / Zwecke, nicht beilegen; sondern die-sen Begriff nur brauchen, um über die Verbindung der Erscheinungen in ihr nach empiri-schen Gesetzen, zu reflektieren. Auch ist dieser Begriff von der praktischen Zweckmäßig-keit (der menschlichen Kunst, oder auch Sitten) ganz unterschieden, ob er zwar nach einer Analogie mit derselben gedacht wird. 
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J. G. Fichte,Versuch eines erklärenden Auszugs [aus der 'Kritik der Urteilskraft'] GA II/1, S. 333f.
 
Nota. - Es ist evident - man braucht es nur zu versuchen -, dass die rationalistische Vorstel-lung von der Kausalität allen Naturgeschehens nur eine Umkehrung der animistischen Vor-stellung von seiner Beseeltheit, von seiner Zweckhaftigkeit ist. Dazwischen liegt der Über-gang vom frommen Staunen zu verständiger Reflexion.
Vor der Vernunftkritik hat keines von beiden Bestand. Doch das ist Transzendentalphilo-sophie und keine praktische Lebenslehre. Für den gesunden Menschenverstand, der die re-elle Standardversion der Vernunft ist, ist das Prinzip von Ursache und Wirkung das A und O.
JE
 

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