Montag, 1. November 2021

Ein Selbstaffizieren des Ich.

Lysippos, Apoxyomenos;      aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

C. Unvermerkt haben wir das oben Angezeigte; nämlich das unmittelbare Bewusstsein ist gar kein Bewusstsein, es ist ein dumpfes sich selbst Setzen, aus dem nichts herausgeht; eine Anschauung, ohne dass angeschaut würde. Die Frage, wie kommt das Ich dazu, aus dem unmittelbaren Bewusstsein herauszugehen und sich das Bewusstsein zu bilden, ist hier be-antwortet. Soll das Ich sein, so muss das unmittelbare Bewusstsein wieder gesetzt werden durch absolute Freiheit. Dieses vor sich Hinstellen durch absolute Freiheit ist frei; aber unter der Bedingung, dass das Ich sein soll, ists notwendig.

Die ideale Tätigkeit wäre sonach Produkt des praktischen Vermögens, und das praktische Vermögen wäre der Existenzialgrund der idealen [Tätigkeit]. Man denke sich beide aber ja nicht abgesondert. Das Ideale ist das Subjektive beim Praktischen, das dem Praktischen Zu-sehende, und da für das Ich nur etwas ist, in wie fern es zusieht, so ist auch nur durch die ideale Tätigkeit etwas für das Ich da.

Ich affiziere mich selbst, ich, der realiter Tätige. Ich bin unbestimmt, ich werde bestimmt, ich werde bestimmt [sic] ich mache mich dazu, ich fasse und ergreife mich realiter; dieses Af-fizieren ist, weil es ein sich selbst affizierendes Ich ist, mit der idealen Tätigkeit, mit dem An-schauen, kurz mit dem Bewusstsein begleitet. Dieses Bewusstsein wird eben darum, weil es ein Bewusstsein ist, zur Anschauung seiner selbst.

______________________________________________________________________ J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1981, S. 48


Nota I. - Allein Tätigkeit ist real, und reale Tätigkeit ist immer eine und diese - sie 'zerfällt' nicht in einen realen und einen idealen Teil. Vielmehr ist das Ich zunächst sozusagen erst ein halbes, es muss sich tätig verdoppeln, um Eins zu werden, es hinkt gewissermaßen noch auf einem Bein und stolpert; und muss ein zweites Mal auftreten. (Lachen Sie nicht; hier geht es nicht um Begriffe, sondern um Anschauungen. In affizieren steckt lat. facere, ma-chen, das muss man sich ganz sinnlich vorstellen.)

30. 7. 16 
 
Nota II. - Um Begriffe geht es hier noch nicht, das ist schon richtig, aber auch nicht (mehr) um Anschauungen, sondern schon um die Vorstellungen, zu denen die Einbildungskraft das Angeschaute gebild et hat. Und da wäre zuerst dieses hervorzuheben gewesen: dass nämlich nichts von außen in das Ich hinein tritt, sondern samt und sonders alles, was im Bewusstsein vorkommt, vom Ich hereingebildet wird.
 
Das Gefühl ist ein Berührungspunkt sowohl als eine Scheidelinie. Es kommt nirgends 'hinein', sondern wird lediglich zum Anlass für das gerade anhebende Bewusstsein, auf einen Gegenstand zu schließen, der es veranlasst hat - indem er nämlich der vorausgegan-genen Tätigkeit des Ich widerstand. Dieser kausale Rückschluss auf die Gegenständlichkeit der Welt ist die spezifische Leistung der Anschauung: In ihr tritt zugleich das handelnde Subjekt als die Ursache der Tätigkeit, welcher widerstanden wurde, erstmals in den Kreis der Aufmerksamkeit. - Kurz gesagt, das Selbstaffizieren ist selber das Ich.
 
(Das Gefühl ist eine innere Wahrnehmung und keine äußere: sofern nämlich die Nerven-zellen im Gehirn erst die Reize, die die Sinneszellen aus der Peripherie melden, in Lust oder Unlust umsetzen. Und erst die Reflexion schließt auf eine äußere Ursache.)
JE

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