Mittwoch, 14. Oktober 2020

Bilder sind das Material allen Bestimmens.

R. Burri, Giacometti aveugle

zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Wissensschaftslehre hat es noch nicht zu tun mit dem System der durcheinander in ge-genseitiger Wechselbestimmung voneinander abgegrenzten und miteinander verketteten Begriffe - Symbolnetz, Sprachspiel usw. Ein  solches System wäre eine Allgemeine Logik. Das ist die Wissenschaftslehre nicht. Ihr Verfahren ist daher nicht diskursiv.*

In der Wissenschaftslehre tritt der Begriff noch auf in seiner Entstehung - als gesetzte Vor-stellung. Sie gibt nicht an, wie man einen Begriff wiederauffindet durch Nachsuche im allge-meinen Verweisungsgeflecht, sondern wie man eine Vorstellung hervorbringt, indem man die zu ihrer Herstellung notwendigen Handlungsschritte nach-vollzieht. Ihr Verfahren ist genetisch. Gesetzt ist die Vorstellung als Bild, das man anschauen kann, indem man es sel-ber malt. Das Bild ist Quale, ist der Stoff der Vorstellung: Es ist das zu-Bestimmende. Es wird als Ganzes produziert, aber nicht aus vorliegenden Teilen re produziert. Vorausgesetzt ist immer nur eine von jedem selbst zu unternehmende erste Handlung, aus der alles weitere folgt - nicht an sich, sondern nur, wenn man
es will.


3. 5. 15



Nachtrag. Vernunft wird vorgefunden. Sie ist das allgemeinste Verkehrsmittel der bürgerlichen Gesellschaft. Als solches ist sie die Voraussetzung dafür, dass über die Vernünftigkeit des einen oder andern Akts gestritten werden kann - die allgemein anerkannte Voraussetzung für diskursives Argumentieren. 

Die Vernunftkritik hat die Absicht, diese Voraussetzung zu rechtfertigen gegen Skeptiker und Dogmatiker, die ihr Fortschreiten immer schon begleitet und behindert haben.

Das kann sie nur durch Rechtfertigung - nachträgliche Begründung - ihrer eigenen Vorausset-zungen. Während sie faktisch sich selbst voraussetzt, muss sie logisch-genetisch so verfah-ren, als ob sie ohne Voraussetzung wäre. Auf die aus dem diskursiven Verkehr gewonnen und im diskusiven Verkehr bewährten Begriffe und Verfahrens- regeln muss sie bei ihrem kritischen Geschäft folglich verzichten. Sie rechtfertigt nicht deren mannigfaltigen Bestim-mungen, sondern sucht nach 'der Bedingung der Möglichkeit' des Bestimmens selbst. Dazu muss sie die ihr gegebenen positiven Bestimmungen Schritt für Schritt abstreifen und dasVerfahren des Bestimmens freilegen. Sie findet 'an ihrem Grund' einen allgemeinen Bestimmer, dessen einzige Bestimmtheit das Vermögen des Bestimmens ist: eine ansonsten ganz unbestimmte prä-dikative Qualität. Nur sie selbst kann sich bestimmen und sie kann sich nur selbst-bestim-men. Wir nennen sie 'das Ich'.

Das ist die Form. Was ist der Stoff? Das, was die unbestimmte prädikative Qualität sich ent-gegen setzt. Wir wer- den es Nicht-Ich nennen, sobald es für das Ich ist. Das ist die logisch-genetische Bestimmung. Faktisch ist es der Widerstand, auf den die prädikative Qualität stößt, und wird für das Ich zu einem Gefühl. Die Anschauung des Gefühls als dieses ist ein Bild. Es ist eine erste Bestimmung. Sie ist das Material alles weiteren Bestimmens.
28. 11. 18 

 

*) Diskursiv muss freilich ihre Darstellung verfahren. Dieser Widerspruch ist es, der dem Verständnis der Transzendentalphilosophie so sperrig im Wege steht; aber dem lässt sich nicht abhelfen. Die Versuchung, die Bilder, von denen sie erzählt, als Begriffe zu nehmen, ist eben in der Allgegenwart der... Vernunft in unserm Lebensalltag begründet.

JE 

 

 

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