Samstag, 24. Oktober 2020

Der blaue und der braune Junge.

 

Gainsborough, Blue boy                                                                                                                                              zu Geschmackssachen

Gainsboroughs Blue Boy ist weltbekannt. Joshua Reynolds Brown Boy, auf den er lediglich die Antwort war, kennen nur noch Kunsthistoriker. Reynolds wurde 1768 der erste Präsi-dent der Royal Academy und war zu seiner Zeit Englands Diktator des öffentlichen Ge-schmacks. Gainsborough war nur ein paar Jahre jünger, kam aber später und musste zeit-lebens kämpfen, um sich gegen ihn durchzusetzen. 

Reynolds hatte entschieden, dass Braun die bevorzugte Farbe wäre, um Porträts zu malen; seine Gründe kenne ich nicht. Als Beweis sollte sein Porträt des Adelssprössling Thomas Lister dienen. Gainsborough fühlte sich herausgefordert, als Gegenbeweis den bürgerlichen Jungen Jonathan Buttall ganz in Blau zu konterfeien - einer Farbe, die Reynolds als für Por-träts völlig ungeeignet verworfen hatte.

Gainsborough ist heute auch für Kontinentale ein Begriff, und sei's nur wg. Gottfried Benn, während Reynolds ein Fall für Liebhaber und Kunsthistoriker geworden ist. Folglich kennt man heute den Blue boy, während der Brown boy ein... Fall für Liebhaber und Kunsthisto-riker geworden ist. 

Joshua Reyolds, Brown boy 

Dies aber zu Unrecht. Reynolds' Brown boy ist besser. Zunächst natürlich, weil er so aus-sieht, dass man ihn sich über Gräben springend, Vogelnester ausnehmend und gar durch Pfützen watend vorstellen kann; ein Zwölf-Dreizehnjähriger eben. Der Blue boy, der ihn verdrängen sollte, ist ein Porzellanpüppchen in einem Rokkoko-Salon. Ganz hübsch ist auch er, aber ein lebloses Ausstellungsstück.

Doch meiner Treu - die Farbe spielt wirklich eine Rolle! Thomas Lister kriegt zwar zuhause auch Ärger, wenn er sich in Braun dreckig macht; aber Jonathan Buttall im blauen Seiden-kostüm käme gar nicht erst in Versuchung.

Wie gesagt - der Brown boy ist besser.


Reynolds hatte, dem Zeitgeschmack entsprechend, das Porträt zu Königsdisziplin der Ma-lerei gekürt. Gainsborough konnte, wenn er was verkaufen wollte, den Zeitgeschmack nicht ignorieren. Er war es aber, der in England die - von Reynolds verpönte - Landschaftsmale-rei heimisch gemacht hat: um sich, wie er selber sagte, von den sterilen Porträts zu erholen. Jetzt sind selbst seine Porträts berühmter als die von Reynolds, was auch nicht ganz gerecht ist.

 

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