Mittwoch, 7. Oktober 2020

Vom Glauben an das Sein.

Venus von Gagarino                                                                                                     aus Philosophierungen

Wer an ein festes, beharrliches und todtes Seyn glaubt, der glaubt nur darum daran, weil er in sich selbst todt ist; und, nachdem er einmal todt ist, kann er nicht anders, denn also glau-ben, sobald er nur in sich selbst klar wird. Er selbst und seine ganze Gattung von Anbeginn bis ans Ende wird ihm ein zweites, und eine nothwendige Folge aus irgend einem / voraus-zusetzenden ersten Gliede. Diese Voraussetzung ist sein wirkliches, keinesweges ein bloss gedachtes Denken, sein wahrer Sinn, der Punct, wo sein Denken unmittelbar selbst Leben ist; und ist so die Quelle alles seines übrigen Denkens und Beurtheilens seines Geschlechts, in seiner Vergangenheit, der Geschichte, seiner Zukunft, den Erwartungen von ihm, und seiner Gegenwart, im wirklichen Leben an ihm selber und andern.
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J. G. Fichte, Reden an die deutsche Nation, 7. Rede, SW Bd. VII, S.  372f.

 

Berühmter ist Fichtes Wort, was für eine Philosophie man wählt, hänge davon ab, was man für ein Mensch sei. Hier wird es zugespitzt auf den, der zu einer dogmatischen Haltung neigt und statt das, woran er sich halten will, sich selbst zu setzen, unterm großen Angebot der weiten Welt sich nur aussuchen zu dürfen meint - nach purem Gusto zwar, aber die Ver-antwortung dafür nicht bei sich, sondern beim Aufgefundenen abladend.

Die eine Philosophie mag logisch und material so tauglich sein wie die andere. Doch wer-den sie sich danach unterscheiden, wozu, nämlich wem sie taugen.

JE



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