Michelangelo, Il crepusculo, Grab von Lorenzo de' Medici zu
'Manieriert' ist heute ein landläufiges Schmähwort. In der Kunstgeschichte bezeichnet Ma-nierismus jedoch eine spezifische Epoche in der Bildenden Kunst. Abgeleitet ist das Wort von der Bezeichnung maniera moderna, die Giorgio Vasari auf das Spätwerk Michelangelos und auf seine davon abgeleitete eigene Malweise geprägt hat. Im Lauf der folgenden Jahr-hunderte hat sie die zweifelhafte Bedeutung einer Stilrichtung angenommen - der "ersten gesamt-europäischen", wie manche sagen; nachdem die klassizistisch-harmonistische Re-naissance dorch weitgehen eine italienische Angelegenheit geblieben war.

Zugleich wurde die manieristische Darstellungsweise durch den Aufstieg des Kupferstichs zur ersten Massenkunst Europas; wobei die Graphik von Albrecht Dürer ein Schrittmacher war und die protestantische Reformation ein weites Publikum schaffte.
Tintoretto, Die Taufe Christi 1580
Ihr Höhe- und Schlusspunkt waren in Italien Tintoretto und in Spanien El Greco, wobei der letzere besondere Beachtung verdient: Den einen gilt er als manieristischer Renaissan-cemaler, den andern als Begründer des spanischen Barock. Denn während in Italien der Manierismus zu einem Ende kam einerseits in der klassizistischen Rückbesinnung der Carracci-Brüder und in Caravaggios expressivem Chiaroscuro andererseits, die beide das Barockzeitalter einläuteten, begründet El Greco das Barock, indem er den Manierismus zum Exzess führte und für eine Art geschmacklicher Tabula rasa sorgte.
El Greco, Anbetung der Hirten
Doch ist das alles nur zweitrangig gegenüber der anfängliche Hauptbedeutung der Worts maniera: die eigenwillige, höchstpersönliche Faktur des heroischen Künstlersubjekts, dem die eigene Handschrift weit vor Schönheit und Natürlichkeit rangiert. In diesem Sinne ist die Epoche des Manierismus bis heute nicht beendet, und sei es nur, weil sich der moderne Künstler auf einem Markt behaupten muss, wo er sich von der Konkurrenz abheben will.
Übrigens erhellt der Blick auf den europäischen
Manierismus auch das Rätsel der nördli-chen Renaissance. Am besten am
Beispiel Dürers: Er vereint die Ausdruckskraft der höch-sten Gotik mit
der Selbstherrlichkeit (Sein-eigner-Herr-Sein) des Manierierten.
Wo könnte man erkennen, dass er sich irgendein antikes Vorbild genommen
hätte? Er behandelt jedes Sujet so, wie es ihm gefällt, und wenn es die schwangere Fortuna ist, die ihm mehr natürlich gerät als klassisch. Weniger seine Malweise ist von den Italienern inspiriert, als seine Vorstellung vom Künstlertum.
Dürer, Fortuna oder Nemesis, das Große Glück
Fast möchte man sagen: Eine Wiedergeburt fand nördlich der Alpen im Wortsinn gar nicht statt. Ein klassischer Kanon war nicht vorfindlich, der expressive Furor blieb ungebremst. Am Fehlen eines Schönheitsideals hat es nicht gelegen: Die Bildhauerei der Hochgotik in Frankreich und Deutschland steht der gleichzeitigen und selbst späteren italienischen Pla-stik in nichts nach, man denke an den Bamberger Reiter oder das Domportal in Reims, und selbst Tilman Riemenschneider bleibt der Gotik treu. Dass die erfolgreichsten Maler in Flandern und selbst Dürer die handwerklichen Errungenschaften der erfolgreichsten Ita-liener übernahmen, war keine Rückkehr zu den Ursprüngen, sondern Business as usual.
Mainzer Dom, Die Seligen aus dem Weltgericht, um 1240




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