ausWissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Ein Bestimmbares durch meinen
Willen gibts nur, in so fern wirklich im Bewusstsein ein bestimmter
Wille da ist, denn das Bestimmbare ist nur durch das Bestimmte möglich,
und letzteres ist bloß Resultat eines Übergehens aus der bloßen
Bestimmbarkeit, und Bestimm-bares ist eben das, wodurch übergegangen
wird. Diese beiden müssen schlechthin beisam-men sein; hier ist leicht
Irrtum möglich, nämlich im Fortgange eines schon angeknüpften
Bewusstseins lässt sich ein Bestimmbares denken, ohne daraus zu wählen,
aber beim An-fange des Bewusstseins ist eine solche Abstraktion nicht
möglich. –
Bestimmbares und Bestimmtes müssen
also notwendig eins sein. Folglich müsste von jeder Erkenntnis vom
Objekte (dem Bestimmbaren für ein mögliches Wollen) ein empirisches
Wollen in demselben Momente vereinigt sein. Uns im wirklichen
Bewusstsein scheint Wahl und Dekret des Willens so, dass die Wahl dem
Wollen vorhergeht. – Hier geht das Bestimm-bare dem Bestimmten voraus,
aber indem ich wähle, weiß ich doch, dass ich wähle; dies heißt nichts
anderes, als dass ich meine Deliberation auf ein Wollen beziehe. Aber
woher weiß ich denn, was Wollen heißt? Nur, in wiefern ich schon gewollt
habe. Diese Form des Wollens beziehe ich demnach auf die Wahl. Das
mögliche Wollen kann ich nur durch das wirkliche Wollen kennen. Hier
stehen wir aber am Anfange des Bewusstseins, wo die Form des Wollens
nicht übertragen werden kann. Hier müsste also Wollen und Deliberieren
zu-sammenfallen.
Ein empirisches Wollen erscheint
als Übergehen von der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit, charakterisiert
wird es durch die völlige Kontraktion meines ganzen Wesens auf einen
ein-zigen Punkt, [während] dies beim Denken nicht ist, [wo]
man zwischen Entgegengesetzten schwebt. (Alles empirisches Bewusstsein
ist etwas bestimmtes, aber es gibt zweierlei Be-stimmtheit, unvollendete
und vollendete, erstere erscheint dem Denken, letztere dem Wol-len; in
dem Denken ist noch ein Blick aufs /
Entgegengesetzte, aber wenn ich will, will ich dies und nichts anderes,
das andere durchs Denken Angeschaute liegt nicht im Wollen.)
Nun erscheint alle Bestimmtheit als
Übergehen pp - es gibt also auch zweierlei Bestimmbar-keit: eine fürs
Denken und eine fürs Wollen, das Denken selbst ist Bestimmbarkeit des
Wol-lens. Wollen ist quasi die zweite Potenz unseres empirischen
Vermögens, Denken ist die erste. Uns ist insbesondere um die
Unterscheidung des empirischen Wollens vom reinen zu tun. Alles, worauf
die Tätigkeit je reflektieren kann, das höchste Bestimmbare, ist das
reine Wollen. Dieses Ganze wird vor allem bestimmt durch das Denken
eines mich beschränken-den Begriffs (Individualität). Es sind drei
Grade: 1) reiner Wille, Absolutheit der gesamten Vernunft, des
Vernunftreichs, dies ist dass höchste Bestimmbare, wird weiter bestimmt
da-durch, dass es aufgefasst wird durch 2) Individualität. Dies ist
Bestimmbares 3) für ein ein-zelnes Moment des Bewusstseins, für einen
bestimmten Willen. Das empirische Wollen ist bloß Reflexion auf das
reine Wollen überhaupt.
____________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 175f.
Nota. –
Er sagt es mehrfach: Hier ist noch die Rede vom Anheben des
Bewusstseins; nicht schon vom täglichen Geschäft des diskursiven
Denkens: eines "schon angeknüpften Be-wusstseins".
(Übrigens: Während man anderorten den Eindruck hat, Vernunft sei eine übersinnliche, überindividuelle Kraft hinter
dem Wollen, klingt es hier so, als sei (das reine) Wollen der Urquell
der Vernunft. Solange beide als Noumena, bloße Gedankendinge zu
Erklärungs-zwecken, gefasst bleiben, ist das ja in Ordnung. Wie aber,
wenn Das Reine Wollen als ein überpersönliches Seiendes=Wirkendes
gefasst würde? (Schopenhauer hat sein Philoso-phiestudium bei Fichte begonnen.)
JE, 21. 10. 15
Nota.
Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden.
Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE,
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen