Freitag, 9. Oktober 2020

Hat Raffael den Kitsch erfunden?

                                Esterházy-Madonna 1508                                                                                                                                  zu Geschmackssachen

Die Frage klingt historisch-uninformiert. Das Wort selbst kam erst im neuzehnten Jahr-hundert auf und hat es nie so recht aus der Umgangssprache ins gelehrte Vokabular der Kunsthistoriker geschafft. Zu offenkundig ist sein Zusammenhang mit Industrialisierung, Massenkultur und Unterhaltungschund...

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In der italienischen Renaissance begann die bildende Kunst, sich thematisch aus dem Rah-men der christlichen Botschaft zu lösen - das ist eine Trivialität. Man mag sich bildlich da-durch belegen, dass an die Stelle biblischer Szenen zusehends auch heidnische Mythen tra-ten. Begonnen hatte die Malerei des christlichen Mittelalters an den Altären und Kirchen-wänden. Dort war die künstlerische Faktur, wie man 'Das Ästhetische' an dieser Stelle bes-ser bezeichnet, ein Mittel, den Übergang aus dem weltlichen Alltag in eine andächtige Stim-mung zu bewerkstelligen. Dem Effekt diente ebenso der Einsatz kostbarer Materialen - Blattgold für die Hintergründe und Edelsteine in den Mosaiken.

 

 

Kommt der neuzeitliche Kitsch aus frommer Stimmungsmache her? Bemerke nämlich: In anderen Kulturkreisen ist Kitsch bis heute nicht einmal dem Namen nach bekannt. Auf eine verdrehte Weise schon, aber man mus genauer hinsehen. 

Sixtinische Madonna, Detail

Raffaels größte Wirkung geht von seinen Madonnen aus, daran hat sich bis heute nichts ge-ändert; die gigantische Schule von Athen interessiert nur Bildungstouristen und Altphilologen. Die Änderung liegt bei ihm nicht im Sujet, immerhin war der Vatikan sein Arbeitsplatz. Auffällig ist an seinen Madonnen im Vergleich zu denen der Vorläufer, dass eine innere Dramatik, die Bekehrungserlebnisse veranlassen könnte, überall fehlt. Raffaels Gottesmutter ist überall rührend und süßlich; vom Jesusknaben und Johannes nicht zu reden, die ebenso-gut in ein Genrestück passen würden. Der Effekt, auf den Raffael zielt, ist nicht die fromme Erschütterung, sondern das reine Entzücken; nicht das Aufrütteln, sondern zufriedenes Ge-fallen. Der biblische Bezug ist bloß noch Vorwand und wäre durch andere Bezüge ersetzt worden, wäre Raffaels Auftraggeber nicht der Papst gewesen. Der fulminante Siegesszug des Tafelbilds ebnete den Weg.

Foligno-Madonna, 1512

Die englischen Präraffaeliten haben das Anstößige daran wohl bemerkt und das Themati-sche energisch in den Vordergrund zurückgeholt, doch am Effekt haben sie weißgott nicht gespart. Die Erfindung des Kitschs haben sie Raffael streitig gemacht, indem sie ihn neu erfunden haben. Genauer gesagt, sie haben den Boden bestellt, den er bereitet hatte.

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Eine umgekehrte Parallele findet sich in der Lanschaftsmalerei, die ihrerseits ein beliebtes Exerzierfeld des Kitschgeschmacks geworden ist; widersinnig, wollte man auf den ersten Blick sagen, aber so sind ästhetische Phänomen oft. Entstanden ist sie als ein Schrittmacher der Befreiung der Bildkust aus ihren thematischen Fesseln. Bei Claude und ein paar Zeitge-nossen mussten antik-mythische und gar biblische Szenen als Vorwand herhalten, um ihnen die 'ungebundene Schönheit' (pulchritudo vaga, würde Kant sagen) der Natur entgegenzuset-zen, während etwa beim frommen Renaissancemaler Joachim Patinir eine ausdrucksstark stilisierte Landschaft noch die geistliche Aussage unterstrich.

Joachim Patinir, Felslandschaft mit büßendem Hieronymus, um 1480
 
Doch in der Romantik wurden die Vorwände überflüssig. Die Schönheit der zwecklosen Landschaft sollte gar nichts anderes ausdrücken, sonst wäre sie ja nicht ungebunden gewe-sen. C. D. Friedrich mochte in ihr Gottes Angesicht selber erkennen, doch das kann ein Jeder ansehen wie er will: Es ist jetzt privat. Und Medium der Wahl war nun unangefochten das Tafelbild, Wände wurden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge des Histori-smus wieder bemalt, und von Hans Makart mit unübersehbar ironischem Abstand

Wenn allerdings das Sujet selber nichts mehr auszusagen hat, kann es zur Projektionsfläche für alles Erdenkliche werden; Hodler'schen Symbolismus und Schiele'sche Expressivität. Und zum Tummelplatz der Kitschmenschen. Während bei Schiele die Expressitvät der Naturformen einen reinen Ästhtizismus streift, wird bei Ernst Luwig Kirchner die Land-schaft zu schaudererregendem Kitsch. Ach ja, im Reich der Ästhetischen gibt es kein ent-weder/oder, sondern überall nur Übergänge...


 


 






E. L. Kirchner, Davos im Schnee, 1912

 

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