zu Geschmackssachenaus nzz.ch, 28. 9. 2021 Weibliche Stele mit Brüsten und Armen, Toskana, 3000–2000 v. Chr
Vor 6000 Jahren sind in ganz Europa grosse Steinfiguren mit menschli-chem Antlitz entstanden. Das Landesmuseum Zürich lässt einen in die mysteriösen Gesichter blicken – und hilft auch, sie zu deuten.
von Claudia Mäder
Lachen
einen die Augen dieser Dame milde an? Versucht das Männergesicht
daneben böse dreinzublicken? Soll die lange Nase Eindruck machen, sind
die starken Brauen zum Fürch-ten, und warum setzen wir diese Zeichen
überhaupt zu einem Männerkopf zusammen? Könnte die giftig guckende
Gestalt vielleicht auch eine Frau darstellen? Oder müsste sie dann
zwingend Brüste tragen? Spricht auch der Dolch auf der Höhe des Bauches
dagegen, die Figur als Frau zu deuten? Doch wie sind dann all die
Gestalten rundherum einzuord-nen, die weder Brüste noch Dolche auf sich
haben?
Im
Zürcher Landesmuseum steht man momentan vor Dutzenden von Steinen – und
hau-fenweise Fragen. Klar ist immerhin so viel: Was man vor sich hat,
sind Stelen, die rund 6000 Jahre alt sind und Menschen abbilden.
Das
mag banal klingen, ist in der Jungsteinzeit aber eine neue Erscheinung.
Riesige Ge-steinsblöcke in grob gearbeiteten Menschenformen sind zwar in
einigen Weltregionen schon für die Zeit um 10 000 vor Christus
nachgewiesen. Im europäischen Raum sind aus diesen Menhiren aber erst um
3500 v. Chr. Skulpturen mit deutlich erkennbaren mensch-lichen Zügen
hervorgegangen: Nicht nur Köpfe mit Augen, Nasen oder Frisuren sind auf
den Steinstelen zu sehen, einigen sind auch Hände oder Füsse
eingemeisselt.
Im Verlauf der Jahrhunderte und bis um zirka 2000 v. Chr. sind diese Figuren in weiten Teilen des westlichen Europa aufgetaucht, im heutigen Spanien und in Portugal wurden sie genauso gefunden wie im Süden Frankreichs, in Italien oder in der Schweiz. Oft thronten die Gebilde an repräsentativen Orten, auf Anhöhen zum Beispiel, die ihnen eine gute Sichtbarkeit garantierten – auch darum gelten die Stelen in unseren Breiten als erste Denk-mäler, die sich die Menschen selber setzten.
Hinter die Gesichter schauen
Im
Landesmuseum treffen solche Figuren nun von überall her zusammen. Aus
diversen europäischen Museen sind rund vierzig von ihnen nach Zürich
gekommen, in langen Reihen stehen sie hier erhaben nebeneinander, jede
als geheimnisvoller Repräsentant einer Zeit, zu der wir mangels
Schriftzeugnissen keine direkten Zugänge haben.
Man
kann die Köpfe als mysteriöse Kunstwerke betrachten, sie als solche auf
sich wirken und sich von ihnen verzaubern lassen. Doch natürlich sind
die Stelen, ganz pragmatisch gesehen, auch erstrangige archäologische
Quellen. Durchs blosse Bestaunen ihrer seltsamen Augen und Nasen wird
man davon wenig begreifen, aber die sorgfältig gestaltete Schau bietet
mit vielen Zusatzinstallationen auch die Möglichkeit, hinter die
Gesichter zu blicken, also: etwas über die Umstände ihrer Entstehung zu
erfahren und mithin die Anfänge unserer Zivilisation zu reflektieren.
Als
sich die Stelen im Europa der Jungsteinzeit verbreiteten, waren die
Menschen hier gerade erst sesshaft geworden. Das nomadische Jagen und
Sammeln war zuerst im Nahen Osten, dann allmählich auch in unseren
Gegenden zurückgegangen, Ackerbau in dauerhaft eingerichteten Siedlungen
wurde zur normalen Lebensform. Ihr neues Dasein haben sich die Menschen
mit etlichen Innovationen erleichtert: Der Pflug, das Rad oder der
Wagen machten es möglich, die Felder einfacher zu bestellen – und
ebendiese neuen Geräte sind unterhalb der Gesichter vielfach auch auf
den Stelen abgebildet.
Fürs
ungeschulte Auge sind sie auf den Steinen kaum zu entdecken,
vergrösserte Projektionen an der Wand aber machen die eingemeisselten
Details auch für Laien erkennbar. Auch feine Muster, die manche der
Steingestalten wie Kleider tragen, sind als Ausdruck des technologischen
Fortschritts zu lesen: Vorbilder für die Ornamente waren komplex
gearbeitete Stoffe, die auf den damals neu erfundenen Webstühlen
produziert werden konnten. Ohnehin waren die Stelen teilweise aufwendig
verziert, einige weisen Spuren von Ocker und Zinnober auf. Da diese
Farbstoffe nur an wenigen Orten vorkamen, sich aber auf diversen Figuren
finden, müssen zwischen den europäischen Gebieten schon in der
Jungsteinzeit rege Tauschbeziehungen bestanden haben.
Eine Zeit der blutigen Kämpfe
Allerdings
führen die frühen Denkmäler nicht nur Nützliches und Schönes, sondern
auch reichlich Martialisches vor Augen. Auf etwa einem Viertel der bis
heute gefundenen Stelen sind Waffen eingemeisselt, einige Figuren tragen
halbe Arsenale auf ihren steinigen Leibern. Laut Forschung macht das
Kriegsgerät deutlich, was Sesshaftigkeit eben auch noch bedeutet:
verstärkter Kampf und Konflikt. Dadurch, dass in den Dörfern Vorräte und
Besitztümer gehortet werden konnten, sind immer grössere Unterschiede
zwischen den Menschen entstanden – die einen kamen zu Reichtum, andere
kämpften um Ressourcen. Blutig ausgetragene Verteilkonflikte waren die
Folgen.
Im
Vergleich zu früheren Epochen scheint die Gewalt in der Jungsteinzeit
zugenommen zu haben. Und in den sich langsam ausbildenden Stadtstaaten
haben sich zudem stark hierarchische Strukturen, Abgabesysteme und
Zwangsarbeit entwickelt – dass die Sesshaftigkeit für die Menschheit
einen Fortschritt darstellte, wird daher heute zuweilen bezweifelt, von
Forschern wie dem Anthropologen James C. Scott genauso wie von
Populärautoren wie Yuval Noah Harari.
In
jedem Fall bleibt zu sagen: Hätte sich damals die Wettbewerbssituation
unter den Menschen nicht verschärft, würden wir heute wahrscheinlich
keine Stelen bewundern. Viele der Steinfiguren werden von den
Archäologen nämlich als Machtrepräsentanten gedeutet. Nach realen
verstorbenen Personen, etwa Oberhäuptern oder bedeutenden Mitgliedern
herrschender Klans, gearbeitet, sollten die Stelen den Status einzelner
Gruppen innerhalb der Gesellschaft demonstrieren.<
Statt zu den Ahnen geht der Blick zu den Sternen
Dabei
war der zur Schau getragene Anspruch auf Macht zugleich mit einer Form
von Kult verbunden. Die Ahnen, die auf den Stelen abgebildet waren,
hatten neben ihrer repräsentativen auch eine religiöse Funktion zu
erfüllen und in der Unterwelt für das Wohlergehen der lebenden
Familienmitglieder zu sorgen.
Ihre
Position auf den Podesten behielten die Figuren freilich nicht auf
Dauer. Wo sich die Machtkonstellationen änderten, wurden die Stelen
gestürzt und umgenutzt – viele sind von späteren Generationen beim Bau
von Grabstätten wiederverwendet worden, auf manche sind die Archäologen
nurmehr in dieser Form gestossen.
Nochmals
andere Köpfe wurden im Verlauf der Jahrhunderte passend gemacht für
neue Kulte: Am Ende der Ausstellung ist eine Stele zu sehen, deren
Gesicht mit Sonnenstrahlen übermeisselt wurde. Die Verehrung der Ahnen
ging im ausgehenden 3. Jahrtausend v. Chr. zurück, die grossen
Menschendenkmäler verschwanden, stattdessen rückten die Gestirne ins
Zentrum des religiösen Interesses.
«Menschen.
In Stein gemeisselt» nennt das Landesmuseum seine grandiose Schau. Man
muss diesen Titel wohl ironisch lesen, denn die Figurenparade macht auf
eindrückliche Weise sein Gegenteil deutlich: Nichts ist in Stein
gemeisselt. Weder sind die Dinge von Bestand, die der Mensch in der Welt
errichtet, noch sind seine Kenntnisse über diese Welt und ihre
Geschichte je ganz gesichert. Historisches Wissen setzt sich aus
Bruchstücken zusammen und kann sich, Stein um Stein, auch wieder
verändern.
«Menschen. In Stein gemeisselt», Landesmuseum Zürich, bis 16. Januar 2022.
Nota. - In den vielbewunderten Höhlenmalereien der Altsteinzeit in Südwestfrankreich und Nordspanien kommen Menschen kaum vor - allenfalls grob schematisierte gesichtslose Strichmännchen als Beiwerk zu den verblüffend naturalistischen Tieren, die sie jagen.
Die riesigen Steinblöcke der Jungsteinzeit stehen offenbar in einem ganz andern Horizont und haben von Anbeginn einen menschliche Selbstbezug. Dass früher oder später Gesichter dazukommen mussten, kommt da ganz folgerichtig vor.
Indessen sind die Höhlenmalereien nicht die frühesten Zeugnisse kunstvoller Darstellung - die schwäbischen Schnitzfiguren sind älter, und Menschen werden so differenziert dargestellt wie Tiere. Die prominentesten Figürchen sind sogar die sogenannten Venusse - Frauen mit übergroßen Brüsten und übergroßem Gesäß. Und ganz auffällig: ohne Gesicht.
Venus von Kostienki


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