aus spektrum.de, 15. 9. 2021 zu Jochen Ebmeiers Realien
Bei Zuhörern schwankt der Puls im Gleichtakt
Menschen,
die aufmerksam einer Geschichte lauschen, haben einen synchro-nen
Herzschlag. Der Grund liegt wohl darin, dass die Handlung ihr Gehirn im
gleichen Maß beansprucht.
von Jan Dönges
Wenn
zwei Menschen eine Geschichte vorgelesen bekommen, wird sich mit der
Zeit ihr Puls synchronisieren. Das ergab eine Studie von Pauline Perez
vom Paris Brain Institute und Jens Madsen vom City College of New York,
die dazu im Fachblatt »Cell Reports« einen Aufsatz veröffentlichten.
Der Grund für den Gleichklang der Herzen vermuten sie in der Verarbeitungstätigkeit des Gehirns: Manche Abschnitte der Geschichte fordern es mehr, andere weniger. Entspre-chend steigt oder fällt der Puls.
Das schließt das Team aus einer Reihe von Experimenten, mit denen es alternative Erklä-rungen ausschloss: Emotionen etwa spielen keine große Rolle. Das zeigte sich, als die For-schenden ihren Freiwilligen ein staubtrockenes Lehrvideo vorführten, auch hier trat näm-lich der Gleichklang auf. Der Atmung – üblicherweise ein gewichtiger Einflussfaktor, was die Herzfrequenz angeht – kommt ebenso wenig eine zentrale Rolle bei der Synchronisie-rung zu: Die Versuchspersonen atmeten schlicht nicht im Gleichklang.
Wohl aber war es wichtig, dass die Zuhörer dem Gehörten ihre volle Aufmerksamkeit schenkten. Wurden sie von den Wissenschaftlern mit Denksportaufgaben abgelenkt, unterblieb die Synchronisierung. Im Umkehrschluss galt sogar: Je stärker der Puls einer Versuchsperson im Gleichtakt mit den anderen schwankte, desto besser konnte sie sich anschließend an Details der Geschichte erinnern.
Ein
weiteres Experiment mit Menschen, die an einer Bewusstseinsstörung
leiden, bestätigte den Zusammenhang mit der Aufmerksamkeit. Unter den
Teilnehmern dieses Experiments waren Komapatienten, von denen einige
später zumindest teilweise ihr Bewusstsein zurück-erlangten. Diese
Personen hatten bereits bei den zurückliegenden Experimenten ein höhe-res
Maß an Synchronizität aufgewiesen – mutmaßlich weil sie damals schon
stärker bei Be-wusstsein waren als die anderen. Perez und Madsen schlagen
darum vor zu prüfen, ob sich die Synchronisierung der Herzfrequenz
nicht als simpler Test eignet, um herauszufinden, ob und wie stark ein
Patient oder eine Patientin bei Bewusstsein ist.
Nota. - Die eo ipso diskursive Darstellung einer Geschichte in Lauten ist ein digitaler Vor-gang, ihre Dekodierung im Gehirn zu einer Folge von Bildern ist eine Rückübersetzung in den analogen, anschaulichen Modus. Das geschieht bewusst - wenn dieser vieldeutige Aus-druck irgndwo zweifelsfrei am Platze ist, dann hier.
Aber dann wird die bewusste Anschauung rückübersetzt in den Rhythmus des Herzmus-kels; in einen analogen Modus! Die Geschichte ist im Bewusstsein (sic) anscheinend so re-präsentiert, dass für den Gesamtorganismus sowohl digital als auch analog lesbar ist. Was lehrt uns das über das bewusst-Sein?
Lassen Sie mich spekulieren: Es 'ist' der Ort, an dem die modale Übersetzung von analog (episodisch) und digital (semantisch) geschieht. Was ist diese Übersetzung aber anders als Symbolisieren? Der buchstäblich springende Punkt ist jedoch: Dieser Ort ist nicht da, son-dern wird ad hoc immer neu eröffnet; absichtlich - aber auch 'bewusst'?
JE
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