aus spektrum.de, 22. 9. 2021 zu Jochen Ebmeiers Realien
von Frank Luerweg
Im Dezember des Jahres 1955 erscheint in der Zeitschrift »Brain«
ein Aufsehen erregender Artikel. Der kanadische Neurochirurg Wilder
Penfield beschreibt darin Experimente, die er mit einem Kollegen an
Epilepsiekranken durchgeführt hat. Die Patientinnen und Patienten
unterzogen sich einem riskanten Eingriff: Sie ließen sich jene Regionen
des Gehirns herausschneiden, von denen die Krampfanfälle ausgingen.
Die
Operationen erfolgten damals unter Teilnarkose, um den Anfallsherd mit
Hilfe elektrischer Reize im Gehirn eingrenzen zu können. Penfield kam
das gelegen: Er notierte minuziös, wie die Betroffenen auf die
Stimulation verschiedener Hirnstrukturen reagierten. Bei einer von ihnen
geschah etwas Merkwürdiges: Wenn er sie reizte, hatte das weder die
Bewegung eines Körperteils zur Folge noch das Gefühl, irgendwo berührt
zu werden. Stattdessen spürten die Patienten die Stimulation in ihrem
Inneren. Einige berichteten über komische Gefühle im Unterleib oder über
ein Kratzen im Magen; manchen wurde schwindelig oder übel, und wieder
andere bekamen Darmkrämpfe oder Blähungen.
Die von Penfield stimulierte Region heißt »Insula«, zu Deutsch: Inselrinde. Sie sitzt unterhalb der Schläfen, teils versteckt in einer Falte der Großhirnrinde. Die Struktur ist kaum größer als ein Zwei-Euro-Stück, übernimmt aber vielfältige Aufgaben, wie man heute weiß. Eine davon ist die Verarbeitung von Signalen aus dem Körperinneren. Fachleute sprechen auch von »Interozeption«, ein Begriff mit lateinischen Wurzeln: »inter« bedeutet »inmitten von«; »recipere« heißt »aufnehmen«.
Diese
Innenwahrnehmung ist immens wichtig. Wenn wir Hunger haben, ist es
Zeit, für Energienachschub zu sorgen, und bei gut gefüllter Blase
sollten wir uns nach einer Toilette umschauen. »Interozeption ist ein
ganz basaler Prozess, ohne den wir nicht überleben könnten«, sagt Beate
Herbert, Psychologieprofessorin an der Hochschule Fresenius München und
Privatdozentin an der Universität Tübingen. Nicht alle interozeptiven
Signale werden Menschen bewusst: Die Atmung etwa wird weitgehend
automatisch gesteuert, auch wenn wir schlafen oder ohnmächtig sind.
Nervenzellverbände im Hirnstamm werten dazu kontinuierlich Messwerte
verschiedener Sensoren im Körper aus, von denen einige in den
Blutgefäßen und andere im Gehirn selbst sitzen.
Die
Interozeption hilft dem Körper, die physiologischen Rahmenbedingungen
aufrechtzuerhalten, die er für seine Funktionen benötigt. Im Grunde weiß
man das bereits seit 150 Jahren. Doch Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler schenkten dem Thema lange wenig Beachtung. Das hat sich
geändert: In den vergangenen zwei Jahrzehnten offenbart die Forschung
mehr und mehr, was alles mit dem Körperempfinden zusammenhängt, von Essstörungen über Autismus bis hin zu Depressionen. Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Atmen – Von Luft und Lebensenergie
Viele Forschenden sind heute davon überzeugt, dass Interozeption eine Voraussetzung für emotionales Empfinden
ist. Die These, dass Gefühle körperliche Wurzeln haben, formulierte der
US-Psychologe William James bereits 1880. Er betrachtete körperliche
Veränderungen nicht als Resultat emotionalen Erlebens, sondern als seine
Ursache: Wir haben keinen Kloß im Hals, weil wir traurig sind, sondern
wir sind traurig, weil wir einen Kloß im Hals haben.
Der
portugiesische Neurowissenschaftler Antonio Damasio hat diese Theorie
in den 1990er Jahren an der University of Iowa entscheidend
weiterentwickelt. Emotionen gehen Damasio zufolge immer mit körperlichen
Reaktionen einher. Bei jedem emotionalen Erlebnis – zum Beispiel, wenn
wir einem gefährlichen Tier begegnen – werden im Gehirn bestimmte
Strukturen aktiv, bei Gefahren etwa die Amygdala. Diese versetzt den
übrigen Körper durch Ausschüttung von Hormonen sowie über die
Nervenbahnen in Alarmbereitschaft: Das Herz pocht schneller, die Muskeln
spannen sich an, Blutzucker wird freigesetzt, die Blutgerinnung wird
hochgefahren. Gefühle entstehen erst, wenn wir diese körperlichen
Veränderungen wahrnehmen.
Die Genauigkeit der Interozeption kann man messen
Wenn das stimmt, ist es für das Erleben wichtig, den Zustand des Körpers spüren zu können: Wie schnell schlägt das Herz gerade? Wie fühlt sich der Bauch an? Man weiß heute, dass Menschen dazu sehr unterschiedlich fähig sind. »Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der interozeptiven Akkuranz oder Wahrnehmungsgenauigkeit«, erklärt die Psychologin Beate Herbert. »Wir können sie beispielsweise messen, indem wir Testpersonen darum bitten, sich unter standardisierten Bedingungen auf ihren Herzschlag zu konzentrieren und ihn zu zählen, ohne dabei ihren Puls zu ertasten.« Andere Verfahren erfassen etwa die Wahrnehmung von Hunger- und Sättigungssignalen.
Bereits vor zwei Jahrzehnten hat ein Team um Stefan Wiens an der State University of New York in einem viel zitierten Experiment untersucht, wie Wahrnehmungsgenauigkeit und emotionales Erleben zusammenhängen. Sie erhoben zunächst die Interozeption von Studierenden mit dem beschriebenen Herzschlag-Test. Dann spielten sie ihren Probandinnen und Probanden emotionale Filmausschnitte vor. Studierende mit hoher interozeptiver Genauigkeit reagierten emotionaler als andere. Dazu passt eine Studie zu Depressionen, die Daten aus sechs Untersuchungen zusammenfasst. Depressive haben demnach oft weniger guten Einblick in ihr Körperinneres. Je schwächer ihre Innenwahrnehmung, desto schwächer nehmen sie auch positive Emotionen wahr und desto schwerer tun sie sich damit, Entscheidungen zu treffen.
Das Bauchgefühl sagt, wo es langgeht
»Ohne unsere
körperlichen Rückmeldungen könnten wir uns in vielen Situationen nicht
adäquat verhalten«, sagt Beate Herbert. Von klein auf lernen wir, dass
bei Bedrohungen die Hände schwitzen und das Herz bis zum Halse schlägt.
Antonio Damasio nennt diese Symptome auch »somatische Marker«. Sie
helfen, in komplexen Situationen die richtige Entscheidung zu treffen:
Der Puls schnellt in die Höhe? Hier droht Gefahr, also besser schnell
weg hier. Das Bauchgefühl sagt, wo es langgeht, ohne dass dafür eine
bewusste Überlegung nötig wäre.
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Diese Theorie firmiert unter dem Namen »prädiktive Codierung«, im englischen Original: »predictive coding«. Das menschliche Hirn funktioniert demnach ähnlich wie eine lernfähige Software, die man mit Hunderttausenden von Fotos füttert und die später auf neuen Bildern erkennt, ob ein vierbeiniges Ding ein Tisch ist oder eine Katze. Je fehlerfreier das klappt – je geringer also der Vorhersagefehler –, desto besser.
Welche Folgen eine Fehlinterpretation körperlicher Signale haben kann, wird beispielsweise bei der Panikstörung sichtbar. »Die Betroffenen nehmen eine körperliche Veränderung wahr – einen Anstieg der Herzrate, ein Kribbeln in den Gliedmaßen –, finden aber keine plausible Erklärung dafür«, erläutert Thomas Forkmann, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Duisburg-Essen. »Sie deuten das dann als Hinweis auf ein bedrohliches körperliches Problem. Das ist der Einstieg in einen Teufelskreis: Sie bekommen Angst, ihr Herz schlägt noch schneller, der Magen verkrampft, sie beginnen zu schwitzen. All das befördert ihre ursprüngliche Einschätzung, dass etwas nicht stimmt.«Die Reaktion steigert sich in kurzer Zeit zu einer Panikattacke. »Das ist so unangenehm, dass die Betroffenen in Zukunft noch stärker in ihren Körper hineinhorchen und damit die Gefahr einer weiteren Attacke steigt«, sagt Forkmann. Allerdings sei es nicht so, dass Menschen mit einer Panikstörung generell eine besonders gute Interozeptionsfähigkeit hätten. »Sie reagieren besonders sensibel auf potenziell Angst auslösende körperliche Stimuli.« In einer kognitiven Verhaltenstherapie lernen die Betroffenen, die Fehlinterpretation der inneren Signale zu korrigieren – etwa, indem sie die Attacken nicht länger vermeiden, sondern sie geschehen lassen, ohne sich abzulenken. »Sie lernen so, dass die Empfindungen zwar unangenehm sind, aber eben nicht gefährlich«, erklärt Forkmann.
Die Interozeption hat verschiedene Facetten. Die Akkuranz ist eine davon; sie lässt sich objektiv messen, zum Beispiel mit Herzschlag-Tests oder mit Methoden, die das Völlegefühl des Magens manipulieren. Daneben gibt es die interozeptive Bewusstheit: eine Vorstellung davon zu haben, wie gut wir darin sind, die Signale aus unserem Körperinneren zu erfassen. Sie weicht mitunter stark von der Realität ab: »Es gibt Menschen, die bei interozeptiven Wahrnehmungstests eher schlecht abschneiden und dennoch felsenfest davon überzeugt sind, ihren Körper korrekt zu fühlen«, berichtet Beate Herbert. Diese Diskrepanz zwischen subjektivem und objektivem Interozeptionsvermögen ist eine Art Maß für den Vorhersagefehler: Wir glauben, etwas in unserem Körper wahrzunehmen, was aber in dieser Form gar nicht vorhanden ist.
Zudem unterscheiden Menschen sich darin, wie sie die wahrgenommenen Körpersignale gefühlsmäßig bewerten, etwa ob man auf jedes Zusammenkrampfen des Magens ängstlich reagieren oder ob es einfach zur Kenntnis nehmen, ohne sich davon weiter beeinflussen zu lassen. Störungen der Interozeption können jede Dimension betreffen. »Wie diese Facetten bei unterschiedlichen psychischen Erkrankungen zusammenspielen, weiß man noch nicht genau«, sagt Beate Herbert. »Das ist Gegenstand der aktuellen Forschung.«bei seiner Tätigkeit bei seiner Tätigkeit bei seiner Tätigkeit bei seiner Tätigkeit Sanfte Massagen verbessern die Interozeptionbei seiner Tätigkeit bei seiner Tätigkeit Manche Zusammenhänge sind allerdings bekannt. Übergewichtige Menschen nehmen zum Beispiel oft den Dehnungszustand ihres Magens nicht korrekt wahr und haben ein vermindertes Sättigungsgefühl. Bei der Magersucht ist die interozeptive Genauigkeit ebenfalls verringert. »Ganz besonders deutlich wird aber bei Betroffenen die sehr negative emotionale Bewertung der interozeptiven Signale«, sagt Herbert. »Das heißt, sie lehnen ihren Körper und seine Bedürfnisse ab.« Ob diese Veränderungen eine Ursache der Erkrankung sind oder ihre Folge, ist noch unklar.
Forschende
versuchen inzwischen, bei psychischen Störungen gezielt die
interozeptiven Fähigkeiten zu normalisieren, etwa durch
Achtsamkeitsmeditation oder Stimulation des Vagus-Nervs, der wiederum
interozeptive Netzwerke im Gehirn beeinflusst. Erfolg versprechend sind
zudem besondere Massagen, die bestimmte Nervenfasern in der Haut anregen, die CT-Afferenzen. Man könnte sie auch als Streichelsensoren bezeichnen. Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Angst – Wenn Furcht den Alltag beherrscht
Berührungen gelten eigentlich als äußerliche, sprich exterozeptive Reize. Die CT-Afferenzen aktivieren aber sehr effektiv bestimmte Bereiche der Inselrinde, jener Hirnstruktur, die Wilder Penfield an Epilepsiekranken studierte und die die Signale aus dem Körperinneren verarbeitet. Seine Arbeiten liegen inzwischen rund 65 Jahre zurück. Die Bedeutung der Insula für die körperliche und psychische Gesundheit beginnen Forschende jedoch erst allmählich zu begreifen.
Themenwoche »Die Signale des Körpers«
Menschen kommunizieren nicht allein mit Worten: Sie senden und empfangen auch viele nonverbale Botschaften. Wie die Signale wirken und was sie tatsächlich bedeuten, schildert diese sechsteilige Serie. Klingt der Charakter eines Menschen in seiner Stimme durch? Offenbart eine Handschrift womöglich mehr, als geschrieben steht? Was passiert beim Blickkontakt? Und welche Rolle spielen verschwitzte T-Shirts in der Liebe? »Spektrum.de« entschlüsselt die Signale des Körpers.
- Körpersprache: Was Gesten verraten
- Blickkontakt: Die Augen sagen mehr als tausend Worte
- Körpergeruch: Es riecht nach Gefahr
- Interozeption: Signale aus dem Körperinneren
- Soziale Wahrnehmung: Wie Stimmen wirken
- Graphologie: Zwischen den Zeichen lesen
Nota. - Der dort Einsicht nimmt in die Signale von innen - nenne man ihn Geist oder sonstwie - ist selber kein Gefühl, denn dann könnte er sich den Gefühlen nicht entgegen- und gegenübersetzen und auf sie reflektieren, denn dazu muss er sich von ihnen unterschei-den können. Die Deutung - Identifikation, Lokalisierung, Wertung - des Gefühls wird nicht gefühlt, sondern vorgestellt. Der Geist kann sich bei seiner Tätigkeit nicht selber zusehen; er kann nur tun, was seines Amtes ist: denken.
JE
Nota.
Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden.
Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
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