aus spektrum.de, 20. 9. 2021 zu Jochen Ebmeiers Realien
Wo die Neugier sitzt
Ohne Wissbegier träten wir auf der Stelle, mit ihr
wagen wir uns auf riskantes Gelände. Dafür scheint
ein Hirnareal den Ausschlag zu geben.
von Michael Springer
Eigentlich
seltsam, wo überall wir den Sitz der Neugier umgangssprachlich
verorten. Zum Beispiel im Riechorgan: Professionelle Schnüffler gehen,
wie wir finden, einem anrüchigen Beruf nach, denn sie stecken in alles
ihre Nase hinein. Oder lauert sie im Sehsinn? So tadel-te der antike
Kirchenvater Augustinus die Neugier als sündige Augenlust. Wieder andere
Moralapostel sahen die Neugier nicht optisch, sondern vielmehr
akustisch am Werk, wenn Männlein und Weiblein die Köpfe zusammenstecken,
um nach Herzenslust über Abwesen-de zu tratschen.
Jedenfalls
galt ungehemmter Wissensdrang traditionell geradezu als Laster. Noch am
Beginn des 20. Jahrhunderts degradierte der Philosoph Martin Heidegger
»Neugier« neben »Gere-de« und »Zweideutigkeit« zu minderwertigem
Benehmen: Ein »Verfallen des Daseins« sei das. Kaum eine Spur also
vielerorts von dem hohen Ansehen, das die Wissbegierde als ele-mentare
Triebfeder der Wissenschaft doch eigentlich genießen sollte.
Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 9/2021
Neugierig,
wie sie sind, haben sich Forscher kürzlich gefragt: Von wo in unserem
Kopf mag sie ausgehen, die riskante Suche nach dem Unbekannten? Der
Verdacht der Neurowissen-schaftler um
Mehran Ahmadlou und Alexander Heimel vom Netherlands Institute for
Neu-roscience konzentrierte sich auf ein 1877 beschriebenes Hirnareal, das seither den sprechen-den Namen Zona incerta trägt. Die Funktion dieser ungewissen Zone war anfangs unklar und wurde auch später kaum präzisiert.
Die
geheimnisvolle Zone liegt tief im Hirninnern unterhalb des Thalamus und
scheint mit ihren weit reichenden Nervenverbindungen als eine
Relaisstation zwischen der Hirnrinde und dem Rückenmark zu fungieren.
In ihr vermutet man biologisch elementare, evolutionär uralte Antriebe
wie Hunger und Durst sowie damit zusammenhängend den Jagdinstinkt – und
somit eben auch den Drang, sich aus der Deckung zu wagen und fremde
Objekte zu beschnuppern.
Das
holländische Team studierte das Verhalten von Mäusen, denen eine arg
reduzierte Ver-suchsumgebung präsentiert wurde. Sie bestand aus nur zwei
Gegenständen: Ein Objekt war dem Versuchstier vertraut, das andere
nicht. Die Forscher identifizierten bei den Testmäu-sen zweierlei
neugierige Verhaltensweisen. Manche interessierten sich zwar durchaus
für das unbekannte Ding, schnüffelten aber nur so an ihm herum; andere
hingegen ließen es nicht beim Schnuppern bewenden, sondern umklammerten
den fremdartigen Gegenstand, leck-ten ihn ab oder begannen sogar daran
herumzuknabbern. Den Unterschied interpretierte das Team als das mehr
oder weniger starke Anspringen einer – in der Zona incerta
lokali-sierten – speziellen Neugier-Programmierung, die durch
überraschende Umweltreize ge-triggert wird.
Tatsächlich ließ sich neurophysiologisch nachweisen, dass eine spezifische Population von Nervenfasern aus höheren Hirnregionen in die Zona incerta hineinführt, die bei künstlicher Stimulierung besonders heftiges Neugierverhalten auslöst. Derart erregte Versuchstiere stürzen sich frenetisch auf unbekannte Objekte oder Artgenossen und wollen sie gar nicht mehr loslassen, sondern förmlich auffressen.
Nota. - Ohne Wissbegier "träten wir auf der Stelle", schreibt der Autor. Das der Mensch nicht auf der Stelle zu treten, sondern rüstig auszuschreiten hat, scheint ihm so selbstver-ständlich, dass er es nicht einmal erwähnt.
In den Gesellschaften, in einen die Neugier zu ihrem schlechten Ruf gekommen ist, war das noch ganz anders, weshalb wir sie heute die traditionellen nennen. Dort waren Umgangs-formen und Sozialordnungen über Jahrtausende und unter vielen Opfern errungene Güter, die zu bewahren und nicht ohne Not zu gefährden waren. Der statischen Gesellschaft kom-men die Instinkte der vagierenden Jäger-und-Sammler-Welt als anstößige Atavismen vor, die man den Kindern abgewöhnen muss (und den Indianern als bleichgesichtige Laster).
In der bürgerlichen Gesellschaft, in der Heidegger nie angekommen war, ist das ganz an-ders. Für den technischen Fortschritt und die Wissenschaft wird nun die Zona incerta zur Zone mit dem gewissen Etwas; wird ein Atavismus zum leuchtenden Pfad.
JE
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