Donnerstag, 9. September 2021

Auch hören und verstehen geschieht nicht Schritt für Schritt, sondern systemisch.


aus spektrum.de, 9. 9. 2021                                                                                                                      Jochen Ebmeiers Realien

Sprachverständnis:
Hören ist komplizierter als gedacht 
Bei der Messung von Hirnsignalen entdecken Forscher einen neuen Weg der Sprachverarbeitung. Die Ergebnisse stellen den bisherigen Kenntnisstand auf den Kopf.

von Anton Benz  

Spricht jemand mit uns, treffen seine Worte zunächst als akustische Reize auf unser Innenohr. Dort werden sie in elektrische Signale umgewandelt, die dann an das primäre Hörzentrum in unserem Gehirn und anschließend an nachgeschaltete Areale weitergegeben werden. Erst nach einer regelrechten Odyssee durch das Gehirn entstehen schließlich ganze Wörter und Sätze in unserem Kopf. Das dachten Wissenschaftler zumindest bisher.

 

 

Mit einer aufwändigen Studie demonstrierte ein Team um Liberty Hamilton von der University of California nun im Fachmagazin »Cell« , dass diese Vorstellung wohl zu simpel ist. Um zu ergründen, wie das Gehirn Schallwellen zu Sprache formt, rekrutierten Hamilton und ihre Kollegen neun Patienten, die entweder unter Epilepsie oder einem Hirntumor litten und als Vorbereitung auf eine OP Elektroden unter die Schädeldecke implantiert bekommen hatten. Durch die große Anzahl an Messpunkten konnten sie erstmals das Signal an allen wichtigen Stellen der Hörrinde gleichzeitig auslesen. 

Sprachverarbeitung findet gleichzeitig in mehreren Regionen statt 

Als die Probanden Sätze hörten, feuerten Nervenzellen in der oberen Windung des Schläfenlappens zeitgleich mit solchen im primären Hörzentrum. Unter der Annahme, dass akustische Reize schrittweise verarbeitet werden, dürfte der Schläfenlappen allerdings erst nach dem primären Hörzentrum reagieren. 

Dann stimulierten die Forscher einige Nervenbündel der primären Hörrinde. Würde sie die Tonsignale verarbeiten, ehe diese in höhere Regionen gelangen, müsste das Störfeuer das Sprachverständnis eigentlich behindern. Die Teilnehmer verstanden die Sätze allerdings nach wie vor problemlos. Beide Beobachtungen legen den Schluss nahe, dass unsere Sprachverarbeitung anders funktioniert als bisher angenommen. Statt Laute wie am Fließband seriell zu Wörtern und Sätzen zusammenzusetzen, scheint das Gehirn Hörreize in verschiedenen Regionen parallel zu verarbeiten.


Nota. - Viel ist das noch nicht. Aber um unser analytisches bzw. diskursives Denken in Verlegenheit zu bringen, reicht es aus: Der Sinn eines Satzes ist nicht aus soundsoviel Elementen auf soundsoviel Bedeutungsebenen zusammengesetzt, sondern ist einer  und wird von unserm Gehirn, das weiser ist als die Sprachwissenschaftler, als einer aufgefasst; und mit all den Instrumenten, über die es verfügt, zugleich in Erwägung gezogen. Anders: Was als eine Synthesis abgesandt wurde, wird auch als Synthesis in Empfang genommen. Analysieren ist dann Sache der Reflexion.

JE

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