Donnerstag, 16. September 2021

Erste Philosophie und Spekulation..

Thales von Milet zeigt, dass es sich lohnen kann, in die Kunst der Wissensmehrung zu investieren.

aus nzz.ch, 14. 9. 2021                                                                                              zu Philosophierungen

Am Anfang waren Ölpressen und eine Sonnenfinsternis: kluge Spekulanten
Der Erfinder der abendländischen Philosophie, Thales von Milet, war auch ein gerissener Geschäftsmann, um nicht zu sagen: ein Spekulant. Ersteres ist ohne Letzteres nicht denkbar. Das Spekulieren ist ein Fortschritts- und Wohlstandstreiber, wenn man es richtig macht.
 
von Claudia Wirz

Man sagt, die abendländische Philosophie sei am 25. Mai 585 vor Christus geboren worden, und zwar in Milet in Kleinasien. Der Geburtsort ist kein Zufall. Dank Handel und Unternehmergeist war Milet eine reiche Stadt geworden. Sie besass viele Kolonien von Sinope am Schwarzen Meer bis Naukratis am Nil und beherrschte zeitweise die Ägäis.

Dies bereitete das Terrain für den ersten Philosophen. Denn Wissenschaft und Philosophie können erst gedeihen, wenn die Grundbedürfnisse der Menschen gestillt sind, also ein gewisses Mass an Wohlstand und Musse herrscht. Das sagt kein Geringerer als der grosse Aristoteles.

In dieser Gemengelage also kam Thales zur Welt, über den wir nur wenig wissen. Eine Anekdote enttarnt ihn als Spekulanten. Als er eine üppige Olivenernte kommen sah, soll er zu einem Spottpreis alle Ölpressen der Umgebung gemietet haben, um sie später, als die erwartete grosse Nachfrage eintraf, zu seinen Bedingungen weiterzuvermieten. Damit, berichtet Aristoteles, habe er sehr viel Geld gemacht.

Als Linker müsste man sich darüber empören. Was für ein herzloser Kapitalist, wie raffgierig er den Gewinn für sich «einstreicht»! Wegnehmen müsste man ihm das Geld und es in kleinen Teilen an die Allgemeinheit verschenken. Solche Spekulationen gehören überhaupt verboten!

Als Liberaler hingegen würde man nachforschen, was den weisen Thales in die Lage versetzt hatte, eine üppige Ernte vorauszuahnen, was ihn auf die Idee gebracht hatte, aus diesem Wissen ein Geschäft zu machen, und was man tun kann, damit im Sinne von Fortschritt und Wohlstandsvermehrung möglichst viele Menschen befähigt werden, solches Wissen zu erarbeiten und daraus Gewinn zu schöpfen.

Hier kommt nun der erwähnte 25. Mai 585 ins Spiel. An diesem Tag gab es eine Sonnenfinsternis. Herodot berichtet, Thales habe dieses Ereignis präzise vorausberechnet. Dieser Coup, so es ihn gegeben hat, war der Lohn einer Investition, und zwar in Form eines akribischen Studiums der Natur und eines jahrelangen Nachdenkens – man könnte auch sagen: Spekulierens – über das Wesen und den Ursprung aller Dinge. Wer zu dieser Zeit eine Sonnenfinsternis berechnen konnte, durfte sich auch über Oliven eine Meinung erlauben.

Thales hatte gemäss der Überlieferung beim Ölpressengeschäft keineswegs persönliche Bereicherung im Sinn. Es ging ihm darum, jene Kritiker Lügen zu strafen, welche das ökonomische Potenzial der Erkenntnissuche verkannt, ja sogar bestritten hatten. Es lohnt sich, so die Botschaft, in die Kunst der Wissensmehrung zu investieren.

Ein kluger Spekulant wird also Kapitalgewinne nicht einfach für sich selber «einstreichen», wie es das klassenkämpferische Narrativ von heute behauptet. Er wird sie vielmehr reinvestieren und auf diese Weise weiter zur Wissensmehrung und zum Fortschritt beitragen. Wird er jedoch durch Verbote daran gehindert oder durch «Reichensteuern» um den Lohn seines eigenen Risikos gebracht, ginge dieser Schub verloren. Und das wäre eine Wohlstandsbremse – nicht nur für die Reichen.

 

Nota. - Sollten Sie sich von meiner Überschrift mehr verprochen haben, bitte ich um Ent-schuldigung. Doch wusste ich von Thales nicht mehr als das mit dem Wasser, und bin froh, ihnen meinen Neuerwerb weitergeben zu können.

Im übrigen ist die liberale Neue Zürcher im Wirtschaftsteil marktradikal, und dass im Nachbaarland Wahlkampf ist, ist ihr nicht entgangen.

JE

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