aus Logischer Atomismus; oder: Analytische Wortklauberei.
Alle Philosophie vor Kant redet auf der ersten semantischen Ebene, auf der Objekt-Ebene.
Die Transzendentalphilosophie redet nicht von den Objekten. Sie ist eine zweite semanti-sche Ebene: Metà-Ebene.
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Die Scholastiker redeten vorzugsweise von der intentio, was mit 'Bedetung' zu übersetzen ist; von den Dingen sei's in dieser, sei's in jener Bedeutung.
Die Bedeutungen waren ihr Turnierplatz, nicht die Dinge. Aber so nahe
sie transzendentalen Fragestellungen immer wieder kamen - ergriffen
haben sie sie nie.
Schon bei Kant gerät in der transzendentalen Sichtweise das Ding-an-sich
arg in Zweifel, in der Folge wurde es ganz ausgetrieben. Das kam den
Scholastikern gar nicht in den Sinn. Ih-re dogmatische Prämisse waren
Aristoteles' Entelechien. Die hatten, wie später die
Leibniz'-schen Monaden, "keine Fenster". Man durfte sie beiseitelassen,
ohne in logische Verlegen-heit zu geraten.
Mit andern Worten, die Scholastiker redeten nicht von den Dingen, aber auch nicht von der ersten semantischen Ebene. Sie hielten auch keine Meta-Rede. Sie redeten - wie eine zeitge-nössische philosophische Richtung - lediglich von 'den Wörtern und ihrer Verwendung'. Ih-re 'Ebene' schwebt irgendwo im Niemandsland. Darum wirkt die eine heute so gegestands-los und die andere so scholastisch.
*
Bis hinein in die transzendentale Fragestellung haben es die Scholastiker nicht geschafft. Aber bis zu ihrer Eingangspforte.
Der epochale Beitrag der Scholastik zur westlichen Geistesgeschichte ist der Nominalismus.
So komplex oder kompliziert die Lösungen des Universalienproblems bis
Abaelard auch werden sollten: Dass den Nominis eine eigene Seinsweise
zukämen, kam nie in Frage. Wenn sie im Rücken auch eine dogmatische
Gewissheit hatten: Nach vorn war ihr Blick entschie-den kritisch.
Denn anders als bei unseren zeitgenössichen Analytikern geschehen
die Bedeutungsver-schiebungen bei den Nominis nicht in einem abstrakten
und insofern unwillkürlichen Sprachspiel, sondern in einer veränderten
Absicht - intentio - der redenden Subjekte. Dass einer die individuellen Entelechien übergreifenden Bedeutung dieselbe Realität zukommen sollte wie den Individualitäten selber, war nach ihren Prämissen nicht denkbar. Nomina sind flatus voci, Stimmhauche und rein willkürliche Zeichen. Das, was die Nomina bezeichnen, bleibt davon ganz unberührt.
Wie eine solche
Auffasung zustande kommt, kann ich, wenn sie auch nicht meine ist,
im-merhin verstehen. Worauf die zeitgenössischen sprachanalytischen
Begriffsreinigungen hinaussollen, verstehe ich aber nicht. Es kommt mir
vor, als solle nach akribischer Analyse der 'Verwendung der Wörter im
Spachspiel' durch definitorische Präzision ein kristalliner Bedeutungskern freigelegt werden, an dem der Begriff gewissermaßen ankert, wie immer er jeweils verwendet werden mag. Die 'Verwendung' der Begriffe geschieht im Satz durch ihre Kombinationen mit andern Begriffen - Bedeutungskernen, zu denen wir hier Verben und Adjektive ebenfalls zählen -, durch die sie alle gewissermaßen ihre Schatten aufeinander werfen.
Voraussetzungen hat
diese Sichtweise, anders als die der aristotelischen Scholastiker,
nicht. Aber sie läuft auf etwas hinaus: Die Bedeutungskerne sehen den
platonischen Ideen zum Verwechseln ähnlich.*
Erinnern wir uns: Im
scholastischen Universalienstreit standen aristotelische Franziskaner
gegen platonische Dominikaner. In der westlichen Geistesgeschichte haben
sich die Fran-ziskaner behauptet. Drehen die Analytiker das Rad der Geschichte bloß zurück?
*
In den realen
Wissenschaften hat sich im Westen der Nominalismus durchgesetzt in
seiner ruppigsten Form, der von Thomas Hobbes. Die Philosophie wurde
seither in die Ecke ge-drängt und kehrte in Gestalt der rationalistischen Metaphysik zum dogmatische Denken zurück. In Leibnizens
Vernunftsystem traten die Monaden an die Stelle der Entelechien,
aber die Schärfe der scholastischen Dialektik war in der Kraftmeierei
der Renaissance ver-lorengegangen. Die neue Epoche hatte keinen Sinn mehr
für rasiermesserscharfe Reflexion und Analyse, das Schaffende, Positive
trat in den Vordergrund: Entwurf, disegno. In der Römischen Kirche trat an die Stelle des sezierenden Disputs die dogmatische Kathedrale des Hl. Thomas (ein Dominikaner).
Es war die
Realgeschichte, in der der kritische Elan des Scholastik verpuffte, und
nicht die immanente Entwicklung der philosphischen Diskurse. Die Welt
war noch lange nicht reif für die transzendentale Fragestellung, die
Kritik konnte sich nicht ein eigenes Fundament schaffen.
Heute ist die Welt
überreif für den transzendentalen Standpunkt, das Fundament ist gelegt
und eigentlich schon Richtfest gefeiert. Worauf also warten die
Philosophen noch? Man muss doch nur zugreifen.
Warum man jenseits des
Atlantik stattdessen die Glasperlenspiele der mittelalterlichen
Scholasik neubelebt, ist ein Rätsel. Aber vielleicht ist bloß den
amerikanischen Sudenten die abendländische Philosophie noch immer ein
unentdeckter Kontinent.
*) ...so wie seinerzeit das Produkt von Husserls eidetischer Reduktion und Gegenstand seiner Wesensschau.
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