A. Goloborodko zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Nun wird ja jeder
selbst nach gemeinem Verstande ohne Prinzipien behaupten, dass ein
abstraktes Denken nicht möglich ist ohne ein konkretes, so dass die
Abstraktion etwas voraussetzt, wo das zu abstrahierende vorkommt. So
kann ich hier auf Voraussetzung des Wollens nur in soweit schließen, als
ich sie schon in concreto gefunden habe; sonach verhält sich das
abstrakte Denken zum konkreten wie Bedingung zum Bedingten. -
Das Wollen setzt einen
Zweckbegriff voraus, dieser wieder ein Wollen, dieses wieder einen
Zweckbegriff und so ins Unendliche. So gibts also keinen Anfang, eines
treibt uns aufs andere wie schon oben mit dem Erkenntnisbegriffe,
dieser Zirkel ist noch tiefer als obiger. -
Es ist schon gezeigt
worden, dass nicht von einer Reihe der Gedanken und ihrer Sukzession an
sich geredet werden kann, sondern von einer Erscheinung der Sukzession
für uns; so dass wir uns nur denken als denkend in der Zeit, nicht aber
wirklich in der Zeit sind. Im synthetischen Denken = C setze ich mich,
finde ich mich selbst als wollend. Diesem setze ich A voraus, und nun
ists kein Wunder, dass ich das, was in C liegt, in A setze; dies tue
ich, weil A bloß Denken vom Entwerfen des Zweckbegriff ist; ich setze es
bloß in die Form der Kausalität, ohne ihm doch eine bestimmte [Kausalität] beimessen zu wollen.
(Der Zweckbegriff geht
auf eine schon daliegende konkrete Erkenntnis, von da wird durch-gegangen
zu einem bestimmten konkreten Wollen.) Nur in so fern kann man sagen:
Das Ich findet sich, anstatt es denkt sich als findend. Denkt man das
synthetische Denken allein, so macht sich das Ich ohne Bewusstsein; nach
Vereinigung aber beider Denken findet es sich, wenn es sich selbst
vorher schon gemacht hat.
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J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 191
Nota. - Es
ist doch merkwürdig, dass er, wo es um das Verhältnis von Abtraktem und
Kon-kretem geht, zunächst davon abstrahiert, dass doch einer vom
Konkreten abstrahiert haben muss, wenn es zu einem Abstrakten kommen soll, und das Verhältnis rein logisch, also um-gekehrt darstellt - statt genetisch korrekt. Die folgende Ausführung scheint mir dann aber das Gegenteil zu besagen.
Wahr ist allerdings auch: 'Das, was' ich im Konkreten auffinde und daraus abstrahiere, muss ich als Vorstellung
schon 'gehabt' haben, sonst hätte ich es nicht bemerken können. - Was
das Konkrete, was das Abstrakte ist, hängt offenbar davon, von welcher
Seite ich es ansehe ...
26. 2. 17
Nota II. - Abstrahieren ist dasselbe wie reflektieren; einmal von hinten, das andre Mal von vorn. In jedem Fall handelt es sich um eine 'ideale' Tätigkeit, die so heißt, weil sie sich auf eine reale Tätigkeit als ihren Gegenstand richtet. Was ist eine reale Tätigkeit? Wirkliches Vorstellen. Aud dem Vorstellen des Vorstellens, des Vorgestellte und des Vorstellenden entstehen uns die Begriffe. Baue ich mir eine Welt aus Begriffen, so setzt der Unterbegriff allerdings den Oberbegriff voraus.
Ein wirkliches Wollen setzt keineswegs ein "reines" Wollen, ein Wollen-an-sich voraus. Wirkliches Wollen ist konkret. Das 'reine' Wollen ist ein Noumenon, das lediglich 'zur Er-klärung', nämlich zur Sinnbestimmung angenommen wird. Wirkliches
Nun könnte man meinen, der wenigstens Zweckbegriff käme 'vor' dem wirklichen Wollen. Doch auch der Zweckbegriff ist nichts Wirkliches, sondern ein Noumenon, das lediglich zur Erklärung des realen Willensakts gebraucht wird. Real ist der Willensakt einer; alles an-dere sind Reflexions-(Abstraktions-)Bestimmungen des analysierenden Betrachters.
JE
Nota - Das
obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE
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