zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Inwiefern sonach das Wollen ein
Absolutes und Erstes ist, ist es schlechthin nicht aus dem Einflusse
eines Etwas außer dem Ich, sondern lediglich aus dem Ich selbst zu
erklären; und diese Absolutheit desselben wäre es, die nach Abstraktion von allem Fremdartigen übrig-bliebe.
Anmerkung
Dass das Wollen in der erklärten Bedeutung als absolut erscheine, ist
Faktum des Bewusst-seins: Jeder wird es in sich selbst finden, und es
lässt sich keinem von außen beibringen, der es nicht schon weiß. Daraus
aber folgt nicht, dass diese Erscheinung nicht selbst wieder er-klärt und
abgeleitet werden müsse, wodurch die erscheinende Absolutheit wieder
erklärt würde und aufhörte, Absolutheit zu sein, und sich die
Erscheinung derselben in Schein ver-wandelte: - gerade so, wie es
allerdings auch erscheint, dass bestimmte Dinge in Raum und Zeit
unabhängig von uns da sind, und diese Erscheinung in einer
transzendentalen Philoso-phie doch weiter erklärt (nur nicht ... in Schein verwandelt) wird.
Es wird zwar niemand eine solcher
Erklärung des Wollens aus etwas anderem zu geben noch irgend ein
verständliches Wort zu diesem Behufe beizubringen vermögen; wenn er aber
behauptet, dasselbe könne dennoch einen uns freilich unbegreiflichen
Grund außer uns haben, so hat eine solche Behauptung freilich nicht den
geringsten Grund für sich, es ist aber auch kein theoretischer
Vernunftgrund dagegen.
Wenn man sich nun doch
entschließt, diese Erscheinung nicht weiter zu erklären und sie für
absolut unerklärbar, d. i. für Wahrheit und für unsere ein[z]ige Wahrheit zu halten, nach der alle andere Wahrheit beurteilt und gerichtet werden müsse, - wie denn eben auf diese Ent-schlie-/ßung
unsere ganze Philosophie aufgebaut ist - so geschieht dies nicht
zufolge einer theoretischen Einsicht, sondern zufolge eines praktischen
Interesse: Ich will selbstständig sein, darum halte ich mich dafür. Ein solches Fürwahrhalten ist aber ein Glaube.
Sonach geht unsere Philosophie aus
von einem Glauben, und weiß es. Auch der Dogmatis-mus, der, wenn er
konsequent ist, die angeführte Behauptung macht, geht gleichfalls von
einem Glauben aus (an das Ding an sich); nur weiß er es gewöhnlich nicht. ... Man macht in unserem System sich selbst zum Boden seiner Philosophie, daher kommt sie demjenigen bodenlos als vor, der dies nicht vermag; aber man kann ihn im voraus versichern, dass er auch anderwärts keinen Boden finden werde, wenn er sich diesen nicht verschaffe, oder mit ihm sich nicht begnügen wolle.
Es ist notwendig, dass unsere
Philosophie dies recht laut bekenne, damit sie doch endlich mit der
Zumutung verschont werde, den Menschen von außen anzudemonstrieren, was
sie selbst in sich erschaffen müssen.
______________________________________________________________________________________J. G. Fichte, System der Sittenlehre..., SW IV, S. 25f.
Nota. - Es ist diese Verfahrendweise, die ich andernorts als die problematisch-pragmatische bezeichnet habe. Was F. hier einen Glauben nennt, ist eine als problematisch aufgefasste Prämisse, die erst noch durch Praxis bewährt werden muss.
JE
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
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