Dalí, Honig ist süßer als Blut, 1927 zu Philosophierungen
Philosophieren
heisst, sinnvolle Sätze von sinnlosen zu unterscheiden. Ludwig W.
Die Sätze der Logik sind selbstverständlich tautologisch. Wenn es heißt, dieses sei jenes, ist materiell nichts Neues hinzugefügt. Sie enthalten keine Aussage und sind stofflich leer: näm-lich sinnlos. Sie haben Sinn nur, wenn in dem einen Terminus Bestimmungen enthalten sind, die im anderen nicht vorkommen. Aber einen prekären: Der Form nach wäre das identifi-zierende Gleichheitszeichen dann gerechtgfertigt, aber nicht der... 'Sache' nach. Denn zur Sache gehört, dass ein Satz erstens gesetzt und zweitens gelesen werden muss, damit er... ein Satz ist; nämlich eine Aussage, die dem Wissensstand etwas hinzufügt.
Und da sind wir mittendrin im Problem, das Logik und Philosophie unterscheidet. Was Lo-gik unter Sein versteht, steht in den Sternen. Die Frage kann "der Sache nach" in ihr gar nicht aufkommen. Der Philosoph dagegen sagt: Die Gleichheitszeichen des logischen Sat-zes verwischen den substanziellen Unterschied. Denn wenn für X diese Reihe von Bestim-mungen zutrifft und für Y jene andere, dann können nicht beide auf dieselbe Art gültig sein. Wenn zugleich aber der Satz so, wie er gesetzt ist, derselbe bleiben soll, dann muss der, der ihn gelesen hat, ein anderer gewesen sein.
- Wo soll das hinführen? Das Problem scheint wohl zu sein, wie die Wörter verwendet wer-den. Oder auch: was sie wem bedeuten. Wäre die Welt alles, was "der Fall" ist, und wäre "der Fall" alles, was in einen logischen Satz fassbar ist - 'dieses ist jenes ist dieses ist eine Rose' -, dann hat nichts einen Sinn. Mit andern Worten, wo kein Unterschied ist, kann man nichts unterscheiden. Wo nichts zu unterscheiden ist, kann man nichts aussagen.
Sinn ist überhaupt nur in einem Satz, den man so formulieren kann: Dieses soll jenes sein. Denn der Satz Dieses ist Dieses hat für den, der ihn liest, keinen Sinn, weil er... keinen Un-terschied ausmacht: Für ihn ist die Welt so und so dieselbe. Ach, 'das Ich' käme in die Phi-losophie hinein, indem die Welt meine Welt wäre? Aber doch nur, wenn sie diese oder jene Welt ist! Anders hätte wohl jeder Setzer, jeder Leser, jeder Sprachspieler in ihr dasselbe zu besorgen, und wäre eben kein Ich, sondern irgendwer oder -was. Die Welt ist meine nur, wenn ich ein Anderer bin als die Andern und daher sie eine andere als die der Andern.
Sinn hat überhaupt nur, ist überhaupt nur das, was mich bewegen kann, dieses oder ein anderes zu tun. Ich wüsste auch nicht, wozu ich sonst etwas wissen wollte oder gar sollte. Logik mag mir verstehen helfen, wie ich es am besten anstelle. Doch was es ist, steht in keiner Logarithmentafel samt Formelanhang. Da stehen nur Tautologien.
Notabene. Das eigentlich Problem - aber auch ein Hinweis auf den Weg seiner Auflösung - ist nämlich, dass 'die Welt' eben nicht nur meine Welt ist, sondern zugleich unsere Welt. Unsere Welt ist sie so, wie ich ein Ich bin so wie alle andern Iche; meine Welt ist sie, sofern ich Individuum bin mit Ethos, Leidenschaften und Lastern. Was unterscheidet die beiden? Der eine erhebt Anspruch auf Vernunft, gegen sich wie gegen die Andern. Der andere darf ihrer entraten, jedenfalls da, wo er nur mit sich ist.
Vernunft kommt bei Wittgenstein gar nicht vor, ich glaube nicht einmal das Wort. Tatsäch-lich ist aber Philosophie seit bald zweieinhalb Jahrhunderten nur noch möglich als Vernunft-kritik. In den angelsächsischen Ländern ist das bloß noch nicht angekommen. Auf unserm Kontinent ist es dagegen in philologischen Seminarübungen versandet.
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