
aus spektrum.de, 20. 9. 2021 zu Jochen Ebmeiers Realien
von Corinna Hartmann
Ein Tag im Frühling 2010. Die Künstlerin Marina Abramović hat ins New Yorker Museum of Modern Art zu einer Performance-Show
eingeladen. In der Mitte des Raums steht ein einfacher Tisch mit zwei
Holzstühlen. Auf dem einen sitzt die schweigende Künstlerin und hält zu
jedem Besucher, der ihr gegenüber Platz nimmt, eine Minute lang
Blickkontakt. Unbewegt schaut sie einen nach dem anderen an. Doch als
sie schließlich in die Augen eines grauhaarigen Mannes blickt, kommen
ihr die Tränen. Der Mann heißt Uwe Laysiepen, besser bekannt unter
seinem Künstlernamen Ulay. Er und Abramović waren von 1975 bis 1988
privat und beruflich ein Paar. Sie hatten sich 22 Jahre lang nicht
gesehen.
Der lange
Blickkontakt rührte auch einige Besucher zu Tränen. Intensive Blicke
wecken Gefühle, positiv oder negativ. Im Mittel schauen Menschen
einander für gut drei Sekunden in die Augen. Das fanden Forscherinnen
und Forscher vom University College London heraus, als sie das Blickverhalten
von rund 500 Personen aus 56 Nationen beobachteten. Andere Studien
kommen zu dem Schluss, dass bis zu fünf Sekunden noch als angenehm
empfunden werden. Längere Blicke können bohrend und bedrohlich wirken.
Umgekehrt gilt: Meiden andere unseren Blick, fühlen wir uns ausgeschlossen und abgewertet.
Das
Wechselspiel der Blicke aktiviert automatisch bestimmte neuronale
Netzwerke in einem Bereich, wo Scheitel- und Schläfenlappen
zusammentreffen, berichtet der Psychiater Leonhard Schilbach, Leiter der
Arbeitsgruppe Soziale Neurowissenschaften am Max-Planck-Institut für
Psychiatrie in München. Die Neigung, den Blickkontakt zu suchen, ist angeboren.
Mit Hilfe von Blicken üben Kleinkinder, sich in andere einzufühlen. »So
trainieren sie genau jene Hirnareale, die sie später brauchen, um sich
in ihre Mitmenschen hineinzuversetzen«, sagt Schilbach. Mit etwa vier
Jahren entwickeln sie die so genannte Theory of Mind: Sie begreifen,
dass jeder Mensch eine eigene Sicht auf die Welt hat.
»Blicke sind von Anfang an der wichtigste soziale Reiz«Das menschliche Auge ist ungewöhnlich aufgebaut; im Vergleich zu anderen Tieren ist das Augenweiß stark ausgeprägt. So können Menschen leichter erkennen, wo ihre Artgenossen gerade hinschauen. »Das ist die Basis unserer sozialen Kooperation«, sagt Leonhard Schilbach. Er und sein Team erforschen unter anderem, wann soziale Interaktionen gelingen. »Blicke sind von Anfang an der wichtigste soziale Reiz«, berichtet er.
(Leonhard Schilbach, Psychiater)
Sogar der Anblick eines Porträtgemäldes, das den Betrachter scheinbar direkt anschaut, zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Augen, die in die Kamera blicken, aktivieren Areale in vielen verschiedenen Hirnregionen, die mit dem Sozialverhalten in Verbindung stehen, wie eine bildgebende Studie zeigte. Ein solcher Blickkontakt über einen Bildschirm verändert selbst die Zeitwahrnehmung. Der Blick währt länger, als es sich anfühlt: Die Zeit scheint für den Betrachter kurz stillzustehen.
Blickkontakt hält überdies ehrlich: Wer seinem Gegenüber in die Augen gesehen hat, sagt daraufhin häufiger die Wahrheit. Eine mögliche Erklärung: Lügen erfordern unter dieser Bedingung mehr geistige Anstrengung.
Darauf
deutet auch ein Experiment der Psychologen Shogo Kajimura und Michio
Nomura von der Universität Kyoto hin. Ihre Versuchspersonen sollten
gleichzeitig ein Video anschauen und zu einem Substantiv passende Verben
generieren, zum Beispiel auf »Liste« mit »schreiben« antworten. Die
Probanden waren langsamer, wenn die Person im Video sie dabei zu
fixieren schien. Schaute sie an der Kamera vorbei, fiel den Teilnehmern
das passende Wort schneller ein. Blickkontakt verschlingt offenbar kognitive Ressourcen, folgerten die Autoren, und das selbst dann, wenn die andere Person nur auf einem Bildschirm zu sehen ist.
Das liegt vermutlich daran, dass Blicke eine Signalfunktion haben: Sie dienen im Alltag dazu, das Miteinander aufeinander abzustimmen. So zählt beim Plausch nicht nur das Gesagte; wir werten ständig subtile nonverbale Signale aus. Mit Blicken koordinieren wir beispielsweise den Gesprächsfluss. Wir vergewissern uns, dass der andere noch zuhört, suchen nach Hinweisen, ob er uns zustimmt, und klären frühzeitig ohne Worte, wer wann spricht. Wer mit seinem Gesprächsbeitrag fertig ist, schaut den Gesprächspartner an und signalisiert so: Jetzt bist du dran. Während des Sprechens selbst wandert der Blick häufig im Raum herum. In der Regel hat das weder etwas mit Unhöflichkeit noch mit Schüchternheit zu tun. Es spart mentale Kräfte.
Aus der Art, wie Menschen den Blick schweifen lassen, versuchen Forscher auf ihren Charakter zu schließen. Ein Team um den Psychologen John Rauthmann, damals an der Universität Innsbruck, ließ 242 Probanden einen Persönlichkeitsfragebogen zu den fünf großen Dimensionen der Persönlichkeit (»Big Five«) ausfüllen. Anschließend sollten sie am Computer Muster betrachten, die sich bewegten. Dabei verfolgte ein so genannter Eye-Tracker ihre Augenbewegungen.
Es
zeigte sich: Extravertierte, also gesellige und aktive Menschen,
schauten sich mehr im Bild um. Ihr Blick sprang von einer Stelle zur
anderen. Neurotischere Zeitgenossen, die zu Ängsten und Grübeleien
neigen, verweilten mit den Augen vergleichsweise lange an einer Stelle.
Das könnte damit zusammenhängen, dass sie gründlicher abschätzen wollen,
ob ein Objekt eine potenzielle Gefahr darstellt, vermuten die Autoren.
Ähnlich war es bei Menschen, die in puncto Offenheit für neue
Erfahrungen weit vorne lagen. Hier interpretierten die Forscher den
ruhenden Blick allerdings als Bereitschaft, sich tiefer mit der Umwelt
auseinanderzusetzen. Für die zwei anderen großen
Persönlichkeitsdimensionen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit,
fanden sich in dieser Studie keine Zusammenhänge mit dem Blickverhalten.
Allerdings
handelte es sich um eine Laborstudie. Wissenschaftler um Sabrina Hoppe
von der Abteilung für Maschinenlernen und Robotik an der Universität
Stuttgart testeten, ob das Blickverhalten im Alltag
weiteren Aufschluss über den Charakter gibt. Dafür statteten sie
50 Studierende mit Eye-Tracker-Brillen aus und ließen sie auf dem Campus
Erledigungemachen. Ein entsprechend trainierter Algorithmus war
anschließend in der Lage, anhand von Blickbewegungen, Blinzeln und
Pupillenweite die Persönlichkeit der Probanden einzuschätzen, diesmal
alle Dimensionen außer der Offenheit für neue Erfahrungen.
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»Das so gewonnene Wissen über nonverbales Verhalten können wir auch auf Roboter übertragen, so dass diese sich wie Menschen benehmen. Solche Systeme würden dann auf eine viel natürlichere Weise mit Menschen kommunizieren und wären dadurch effizienter und flexibler einsetzbar«, sagt Andreas Bulling vom Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken, der an der Studie beteiligt war. Insgesamt steht die Forschung auf diesem Gebiet aber noch ganz am Anfang. Ob Menschen solche Feinheiten bei einem Roboter überhaupt wahrnehmen, ist fraglich.
Was jedoch klar ist: Wir können am Blick erkennen, ob uns jemand mag – und welche Absichten er hat. Wer sein Gegenüber attraktiv findet, schaut es länger an als jemand, der nur freundschaftlich interessiert ist. Und: Verliebte fokussieren vermehrt auf Gesicht und Oberkörper der Person, für die sie Gefühle haben.
Ein langer Blick in die Augen ist ein Liebeselixier. »Beim Wechselspiel der Blicke wird das ventrale Striatum aktiviert. Es ist Teil des neuronalen Belohnungssystems, das uns motiviert und Glücksgefühle verschafft«, sagt Leonhard Schilbach. Eine Studie im Fachblatt »Nature« bestätigte das schon vor 20 Jahren. Der Neurologe Knut Kampe vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf konnte damals gemeinsam mit Kollegen nachweisen, dass das Belohnungssystem im Gehirn immer dann reagiert, wenn wir dem Blick eines attraktiven Menschen begegnen. Der Anblick eines schönen Gesichts allein ließ die betreffenden Hirnregionen kalt.
Ende der 1990er Jahre berichtete ein
Forschungsteam, dass ein langer Blickkontakt verbunden mit einem
persönlichen Gespräch selbst zwischen Fremden schnell ein Gefühl von Nähe
erzeugt. Für das Experiment sollten je zwei Studierende, die einander
nicht kannten, persönliche Fragen beantworten (»Wann hast du das letzte
Mal geweint?«) und einander danach vier Minuten lang schweigend in die
Augen sehen. Daraufhin fühlten sie sich einander näher als Paare, die
über Belanglosigkeiten gesprochen hatten und keinen minutenlangen
Blickkontakt hielten.
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Bei Ulay und Marina Abramović führten die langen Blicke im Museum zunächst zu keiner nachhaltigen Annäherung. Das Expaar lieferte sich einen erbitterten Rechtsstreit über die Urheberrechte der gemeinsamen Arbeit, bevor es sich 2017 schließlich versöhnte. Ulay starb 2020. Seinen Blick hat der Künstler in einem Selbstporträt festgehalten.
Nota. - "Von Anfang an der wichigste soziale Reiz"... Dabei ist das Gesicht von anll unseren Sinnen der einzige, der nicht schon im Mutterleib in Anspruch genommen und vorgebildet wird: Die Stimme mindestens der Eltern kennt das Kind bereits vor der Gburt. Die Augen konnten währenddessen allenfalls leichte hell-dunkel-Grade unterscheiden. Spielt das in diesem Zusammenhang ein Rolle? Weil alles neu ist, was man zu Gesicht bekommt...?
JE
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