Donnerstag, 23. September 2021

Hundert Jahre 'Tractatus'.

1930                                                                                                                     zu Philosophierungen

aus nzz.ch, 23. 9. 2021

In diesem Buch steht alles drin: 
Ludwig Wittgenstein glaubte, die Probleme der Philosophie gelöst zu haben – und gab zugleich zu, seine Aussagen seien sinnlos 
Vor hundert Jahren ist der «Tractatus logico-philosophicus» erschienen. Er gilt als Wendepunkt der Philosophiegeschichte. Doch was wollte Wittgenstein mit diesem seltsamen Buch eigentlich sagen?
 
von Christoph Lüthy 

«Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.» Mit diesem berühmten Orakelspruch schliesst die vor hundert Jahren erschienene «Logisch-philosophische Abhandlung» von Ludwig Wittgenstein. Eröffnet wird sie mit: «Die Welt ist alles, was der Fall ist.» Beide Sätze gehören zu den geflügelten Worten der Philosophie, und ihr Schöpfer wird zu den bedeutendsten und wirkungsreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts gerechnet.

Wittgenstein selbst wurde durch die Veröffentlichung seiner «Abhandlung» überrascht. Nachdem es ihm nach seiner Rückkehr aus der italienischen Kriegsgefangenschaft 1919 nicht gelungen war, sein Manuskript in Österreich veröffentlichen zu lassen, überliess er die Sache Bertrand Russell, seinem wichtigsten Mentor in Cambridge. Während Wittgenstein weitere Verbesserungen einfügte, gelang es Russell, das ihm zur Verfügung stehende Manuskript samt einer rühmenden Einleitung aus eigener Feder in Ostwalds «Annalen der Naturphilosophie» zu publizieren. Dort erschien es mit dem Publikationsdatum 1921, obschon das Heft erst 1922 ausgeliefert wurde.

Wittgensteins englische Förderer hatten sich in der Zwischenzeit bereits an die Übersetzung gemacht. Unter der Berücksichtigung von Wittgensteins Zufügungen und Verbesserungen erschien bereits 1922 in London eine deutsch-englische Ausgabe unter dem Titel, unter dem die Welt das Werk seither kennt: «Tractatus logico-philosophicus». Wie es zu diesem Titel kam, ist nicht ganz geklärt. Durch die Wittgenstein-Literatur geistert die Geschichte, G. E. Moore, ein weiterer Mentor aus Cambridge, habe ihn gesetzt, als Hommage an Spinozas «Tractatus theologico-politicus».

Der sinnvolle Satz

Auch wenn das eine Legende sein sollte, ist die Verknüpfung von Wittgenstein mit Spinoza reizvoll. Beide Autoren erwecken durch die Struktur ihrer Werke den Eindruck strenger Stringenz. In der «Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt» versucht Spinoza ja, die Beweiskraft von Euklids Geometrie zu erreichen, indem er dem Traktat Definitionen seiner Begriffe und Axiome voranstellt und danach aus diesen seine Philosophie als beweisbare Lehrsätze deduziert.

 

 

Auch Wittgensteins Werk ist durchnummeriert. Die eingangs zitierten zwei Sätze gehören zu den sieben Aussagen, die der Autor einmal als «Cardinalsätze» bezeichnet hat. Die Nummern aller anderen Aussagen geben, wie Wittgenstein dem Leser eingangs erklärt, «das logische Gewicht der Sätze an, den Nachdruck, der auf ihnen in meiner Darstellung liegt». Zudem seien die Sätze mit komplexeren Nummern als «Bemerkungen» zu den Sätzen mit einfacheren Nummern zu verstehen.

Doch was heisst «Gewicht»? Und ist eine «Bemerkung» ein «Argument»? Zum Beispiel beim viel zitierten Satz «Alle Philosophie ist ‹Sprachkritik›», der die Nummer 4.0031 trägt. Wittgenstein möchte, dass wir diesen Satz weniger gewichten als den «Cardinalsatz» Nummer 4 «Der Gedanke ist der sinnvolle Satz», und dass wir ihn zudem als «Bemerkung» zum Paragrafen 4.003 lesen, der mit den Worten beginnt: «Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig.»

Wie ein Orakel

Nun besteht zwischen diesen Aussagen zwar eine Gedankenkette, doch von Spinozas Versuch, sie als logische Ableitung zu präsentieren, fehlt jede Spur, so wie überhaupt auch jede Lesehilfe im Sinne einer argumentativen Begründung der Lehrsätze fehlt. Die Mischung aus Anmassung und Mystizismus, die aus dem aphoristischen Stil des «Tractatus» spricht, hat bereits seine Lehrmeister in Cambridge zur Verzweiflung gebracht – genauso wie Wittgensteins widersprüchlichen Behauptungen. Einerseits sagt er, er habe alle Probleme der Philosophie gelöst, anderseits räumt er ein, seine Aussagen seien sinnlos.

Die eingeschüchterte Hochachtung, die Geistesriesen wie Bertrand Russell und G. E. Moore Wittgenstein entgegenbrachten, die Persönlichkeit dieses introvertierten, ungeduldigen und asketischen Philosophen und die so strenge wie orakelhafte Ausstrahlung seines «Tractatus» haben miteinander dazu beigetragen, dass wir dieses Werk – das einzige philosophische Buch, das Wittgenstein selbst veröffentlicht hat – als Wendepunkt der Philosophiegeschichte zu betrachten gelernt haben.

Doch welche Wende hier stattgefunden hat und welche Botschaft uns der «Tractatus» vermitteln will, darüber streiten sich die Interpreten. Die berüchtigte Mehrdeutigkeit des Werkes hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Wittgenstein seine Begriffe nicht – oder jedenfalls zu wenig – definiert und dass auch kaum ein argumentatives Baugerüst steht, an dem man hochklettern könnte.

Die Leiter wegwerfen

Und wo dennoch Umrisse eines Baugerüsts zu ahnen sind, warnt Wittgenstein selbst davor. Vor dem nicht weiter kommentierten «Cardinalsatz» Nummer 7 – «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen» – macht Wittgenstein unter der Nummer 6.54 die folgenden geheimnisvollen Aussagen: «Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig versteht, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist). Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.»

Wie muss man das einordnen? Die Literatur zu Wittgensteins «Tractatus» ist uferlos, doch man kann die Interpretationen in zwei Hauptströmungen einteilen. Die eine nimmt Wittgensteins Arbeit als logische Abhandlung ernst und betrachtet sie als wichtigen Beitrag zur Analyse des Verhältnisses zwischen Welt, Sprache und Gedanken und somit als den Ausgangspunkt der analytischen Philosophie. Einer Philosophie also, die ausschliesslich als Sprachproblem verstanden wird. So wie Russell, der gefordert hatte, «dass alle vernünftige Philosophie mit einer Analyse von Aussagen beginnen sollte».

Wittgenstein geht davon aus, dass eine strukturelle Übereinstimmung besteht zwischen sinnvollen Sätzen und «Tatsachen», wobei «Tatsachen» «Dinge» sind, die durch Namen bezeichnet werden. «Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt», sagt Wittgenstein. Teller und Besteck auf einem Tisch bilden beispielsweise eine solche «Konfiguration». Wir können uns in unseren Gedanken «Bilder der Tatsachen» machen, wobei «das logische Bild der Tatsache [. . .] der Gedanke» ist.

Teller und Besteck

Die Sprache bildet den letzten Eckpunkt dieses Dreiecks: «Im Satz drückt sich der Gedanke sinnlich wahrnehmbar aus», und zwar so, dass zwischen den Tellern und dem Besteck auf dem Tisch und der sprachlichen Aussage darüber ein Abbildungsverhältnis besteht. Der Satz und dessen Struktur spiegeln die Anordnung auf dem Tisch. Hingegen ist alles, was gesagt wird, ohne Tatsachen abzubilden «sinnlos» oder hat höchstens einen verweisenden Charakter. Gute Philosophen kennen diese Grenze, deshalb schweigen sie über das, was sich nicht sagen lässt.

Eine Philosophie, die sinnvolle Sätze auf Aussagen über Tatsachen beschränkt, hat eine äusserst enge Auffassung von Sprache. Wittgenstein hat in seinem zweiten, erst postum veröffentlichten Hauptwerk, den «Philosophischen Untersuchungen», diese enge Sprachauffassung denn auch nachdrücklich verworfen. Die Forschung stellt darum häufig den «späten Wittgenstein» dem «frühen Wittgenstein» gegenüber.

Beiden Werken ist jedoch gemeinsam, dass sie Philosophie von der Sprache aus angehen und dass Sprachanalyse als Therapie betrachtet wird. Unverändert bleibt auch die Grundüberzeugung, dass viele Probleme – namentlich in der Philosophie – verschwinden, wenn man die Sprache, in der sie formuliert sind, demaskiert.

Unsagbares

Die zweite Hauptströmung der Interpretation stellt den «Tractatus» in den Zusammenhang von Wittgensteins Biografie und versteht das Werk als hygienische Lebensübung. Auch diese Interpretation stellt die Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbaren in den Mittelpunkt, doch dominiert nun das Unsagbare. Man verweist auf Wittgensteins dauerndes Unglücklichsein; die Belastung durch seine schwerreiche, musisch begabte, aber suizidal veranlagte Familie.

Oder man stellt sein Werk in den Zusammenhang von Wittgensteins Versuchen, seinem Leben als Volksschullehrer in einem abgelegenen Dörfchen, als Krankenpfleger, Soldat oder Gärtner einen Sinn zu geben; den Einfluss des traurigen Søren Kierkegaard oder des polemischen Karl Kraus. Wittgensteins Leben mit all seinen Krisen habe sich immer nur um das Unsagbare gedreht, und der «Tractatus» zeige, gerade in seinen letzten Sätzen, dass selbst der Versuch, das Sagbare zu definieren, gescheitert sei.

Die beiden Auffassungen stehen sich meist unversöhnlich gegenüber. Tatsächlich sind sie aber kompatibel. Dass der junge Wittgenstein die Ausbildung zum Ingenieur abgebrochen hat, um sich in Cambridge der Logik zuzuwenden, und dass er in dieser Disziplin vortreffliche Arbeit geleistet hat, entspricht, um in seiner Terminologie zu bleiben, «Tatsachen». Dass er daran litt, dass die Logik ihm keine Hilfe bieten konnte bei den Lebensfragen, ist ebenso wahr. Wittgenstein hat diese Unmöglichkeit stets aufs Neue thematisiert.

Christoph Lüthy lehrt Philosophiegeschichte an der Radboud-Universität in Nijmegen.

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