Samstag, 18. September 2021

Wie heilsam ist Mozart?


aus derStandard.at, 16. 9. 2021                                                              zu Geschmackssachen; zu Jochen Ebmeiers Realien

Musikalisches Medikament
Mozart hilft bei Epilepsie
Eine Studie liefert neue Erkenntnisse zur Theorie des "Mozart-Effekts", laut der das Hören einer bestimmten Sonate die Hirnleistung steigern soll

Macht das Hören klassischer Musik klüger? Diese Frage wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Eine 1993 veröffentlichte Forschungsarbeit fand anhand von 36 Probanden Hinweise darauf, dass das Anhören der Sonate in D-Dur für zwei Klaviere (KV 448) von Wolfgang Amadeus Mozart für eine bessere visuell-räumliche Verarbeitung und einen diesbezüglichen IQ-Anstieg sorgt. In anderen Studien beobachtete man ein schnelleres Weiterkommen von Ratten in Labyrinthen.  

Dem standen allerdings auch Studien gegenüber, die den "Mozart-Effekt" nicht reprodu-zieren konnten. Solche "negativen" Resultate, bei denen kein signifikantes Ergebnis heraus-kommt, werden traditionell jedoch seltener veröffentlicht – ein Phänomen, das unter dem Begriff der Publikationsverzerrung bzw. des Publikationsbias bekannt ist. An der "Entzau-berung" des musikalischen Mythos beteiligten sich auch Psychologen der Universität Wien: Das Team um Jakob Pietschnig konnte vor rund zehn Jahren in einer großen Meta-Analyse mit dem Titel "Mozart effect – Shmozart effect" keine spezifische kognitive Leistungsstei-gerung nach dem Hören von Mozart-Kompositionen feststellten.

Angeregte Stimmung

Andere Forschende vermuten, dass es statt eines spezifischen Effekts ganz allgemein be-stimmte musikalische Werke sind, die Menschen in positive, angeregte Stimmung versetzen können – und diese gute Stimmung hätte wiederum diverse Vorteile. Dazu gehört eine etwas bessere kognitive Leistungsfähigkeit, aber auch Kreativität.


Macht dieses Musikstück klüger? Forschende sind skeptisch. Womöglich hilft es aber bei Epilepsie.

Eine aktuelle Forschungsarbeit, die im Fachjournal "Scientific Reports" veröffentlicht wurde, untersuchte nun die Wirkung der in der Ursprungsstudie verwendeten Sonate auf Epilepsie-Patientinnen und -Patienten, die nicht auf Epilepsiemedikamente ansprechen. Bei einem epileptischen Anfall geben Nervenzellen zu viele Signale gleichzeitig ab, was Wahr-nehmungs- und Bewegungsstörungen verursacht. Zu solchen Anfällen kommt es bei Be-troffenen immer wieder, wenn sich die Neuronen unkoordiniert entladen.

Frühere Arbeiten hatten für das Musikstück bereits eine Reduktion der Hirnaktivität bei von Epilepsie Betroffenen postuliert. Robert Quon von der Geisel School of Medicine in Dartmouth (USA) und sein Team beobachteten nun bei 16 Untersuchungspersonen eben-falls per EEG (Elektroenzephalografie), was beim Hören von Sonatenfragmenten im Ge-hirn passiert und welche Rolle die Dauer des Musikhörens spielt. Ihre musikalischen Schnipsel waren 15 bis 90 Sekunden lang.

Therapeutisches Potenzial

Ein Effekt wurde aber erst ab 30 Sekunden beobachtet: Im Durchschnitt reduzierte sich die Anzahl der spezifischen Ausschläge in der Hirnstromableitung um 66,5 Prozent. Das be-deutet, dass die für die Krankheit typischen Erregungszustände im Ge-hirn abnehmen und dies die Symptome lindern könnte. Bei anderen, weniger melodischen Musikstücken – wie dem Beginn von Richard Wagners Vorspiel zum ersten Akt der Oper "Lohengrin" – gab es hingegen keinen signifikanten Effekt.

Am stärksten waren die Auswirkungen in einer Hirnregion, die emotionale Reaktionen re-guliert: im rechten und linken präfrontalen Kortex. Das Forschungsteam leitet aus der Stu-die ab, dass die Dauer des Musikhörens eine Rolle spielt und der Effekt mit der Vermittlung positiver Gefühle zusammenhängt. Ganz auf das Mozart'sche Musikstück versteifen wollen sich die Forschenden aber nicht: Sie schreiben, dass auch andere Musikstücke mit ähnlicher Struktur therapeutisches Potenzial haben könnten und diesbezüglich analysiert werden soll-ten. (red.)

Studie

Scientific Reports: "Musical components important for the Mozart K448 effect in epilepsy"

 

Nota. - Vor Jahren hieß es auch, dass Milchkühe bei Mozart besonders ergiebig wären.

Dass Kühe musikalisch sind, kann jeder Wanderer bezeugen, der je singend an einer Weide vorbeigezogen ist. Gewiss wohl nicht jede Kuh gleichermaßen, und das ist bei uns Men-schen auch so. 

Bei uns kommen noch die kulturell geprägten Hörgewohnheiten dazu. Wie spezifisch wel-che Musik wirkt, unterscheidet sich nicht bloß am Musikstück (oder nicht?), sondern auch danach, wer es hört. Um da brauchbare Differenzialergebnisse herauszubringen, dürfte es ein paar Jahrzehnte Forschung brauchen - und viele tausend Probanden. Warten wirs ab, eh wir nach Gründen suchen.

JE 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen