von Paele, fotocommunity; zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Alles vernunftlose sich zu unterwerfen, frei und nach seinem eigenen
Gesetze es zu beherr-schen, ist letzter Endzweck des Menschen; welcher
letzte Endzweck völlig unerreichbar ist und ewig unerreichbar bleiben
muss, wenn der Mensch nicht aufhören / soll, Mensch zu seyn, und wenn er nicht Gott werden soll. Es liegt im
Begriffe des Menschen, dass sein letztes Ziel unerreichbar, sein Weg zu
demselben unendlich seyn muss. Mithin ist es nicht die Bestimmung des
Menschen, dieses Ziel zu erreichen. Aber er kann und soll diesem Ziele
immer näher kommen: und daher ist die Annäherung ins unendliche zu diesem Ziele seine wahre Bestimmung als Mensch, d. i. als vernünftiges, aber endliches, als sinnliches, aber frei-es Wesen.
________________________________________________________________ J. G. Fichte, Einige Vorlesuungen über die Bestimmung des Gelehrten, SW VI, S. 399f.
Nota. - Hier wird es nun problematisch.
Bedenken
wir zuerst, dass es sich um eine der frühesten öffentlichen Äußerungen
Fichtes handelt und vor einem allgemeinen Publikum, auch philosophischen
Laien. Bedenken wir aber auch, dass die Einschränkung, dass der
'Endzweck völlig unerreichbar' sei, nichts daran ändert, dass er dies
eben Zweck nennt: alles Vernunftlose sich (als dem Agens der Vernunft) zu unterwerfen...
Andernorts heißt es dann, Übereinstimmung
sei "der große Endzweck der Vernunft". Wo hat er das her? Ansonsten
hält er sich weislich zurück, wenn es um die sachliche Bestim-mung dessen
geht, was Vernunft 'ist'; selbst das Sittengesetz ist ihm nicht
'gegeben', sondern etwas, das "erst durch uns selbst gemacht wird",*
nicht als 'bestimmt', sondern als noch in Bestimmung begriffen.
Später werden wir hören, das in der Tathandlung sich 'intellekual-anschaulich' setzende Ich sei die unmittelbare Identität von Subjekt und Objekt. Das Ich "als Idee" hingegen "ist das Vernunftwesen, inwiefern
es die allgemeine Vernunft teils in sich selbst vollkommen darge-stellt hat,
wirklich durchaus vernünftig und nichts als vernünftig ist; also auch aufgehört
hat Individuum zu sein, welches
letztere es nur durch sinnliche Beschränkung war".** Das Ich als Idee ist
das aus der intellektuellen Anschauung her zum Postulat gewendete Agens
der Vernunft, und sofern das Ich "als Individuum" vernünftig ist, ist
es sein Ideal. Soll er sich ihm also als Individuum, soll er ihm 'den ganzen endlichen, sinnlichen Menschen' unterwer-fen und sie... "zur Übereinstimmung bringen"?
Die
Frage ist nicht, ob er das kann, und sei es nur 'in unendlicher
Annäherung'. Vielmehr gibt es keinen Grund, weshalb er das wollen
sollte.
Vernünftig ist nicht ein Einzelner. Vernunft ist das Medium, in dem sich zwei verständigen können, anders "gibt es" sie nicht. Vernunft ist nur da, wo (mindestens) zwei sich verständi-gen können-müssen-wollen. Vernünftig ist dasjenige an den Individuen, was zur Verständi-gung taugt. Vernunft findet statt in unserer Welt. In meiner Welt ist sie Gegenstands-los. Das pragmatische Kriterium ist: Was sich symbolisieren lässt, kann zu einer Sache der Ver-nunft werden; was nicht, das nicht.
Die Wissenschaftslehre ist eine Anthropologie einschließlich Lebenslehre nur hintenrum; indem sie qua Kritik alle Erleuchtungen und Offenbarungen zunichte macht; positiv sird sie erst als das, was übrigbleibt.
*) System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd.
IV, S. 192
**) Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 517f.
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