Dienstag, 25. Mai 2021

Das Intelligible entsteht aus dem Versuch des Begreifens.

M. Ernst                                                   aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ein Sein bedeutet immer unmittelbar ein Objekt des Denkens, ein Gedachtes. Nun kommt ihm entweder auch eine Existenz, ein Bestehen und Dauern außer dem Denken zu, in der sinnlichen Wahrnehmung: dann ist ein reelles Sein bezeichnet und man kann von dem Ge-genstande aussagen: Er ist. 

Oder es kommt ihm außer dem Denken kein anderes Sein zu: Dann ist die Bedeutung des Seins eine bloß logi- sche. Man kann nicht sagen: das Objekt ist, sondern nur: es ist dies oder jenes. Das Wort 'ist' ist dann nur logi- sche Kopula. [ ... ] Das Sein wird dann lediglich dadurch erzeugt, daß das Mannigfaltige der Prädikate in einer Einheit des logischen Sub-jekts durch das Denken fixiert wird. /

So verhält es sich mit dem Gebrauche des Wortes Welt. In der reellen Bedeutung ist es ein geschloßnes Ganzes von daseienden Objekten, die in Wechselbestimmung ihres Seins ste-hen; wo jedes ist, wie es ist, weil alle andern sind, was sie sind, und umgekehrt: und wo man bei vollkommner Kenntnis des Weltgesetzes aus der Natur eines jeden die aller übrigen un-weigerlich würde erraten können, und auf sie schließen. 

Von vernünftigen Wesen gebraucht, bedeutet es gleichfalls einen Einfluß aller auf jeden und [eines jeden] auf alle; dessen Art und Weise aber nicht begreiflich ist und eben deswegen auch nicht erraten werden kann; [...]
das aber schlechthin gesetzt wird und nur durch diesen Be-griff bezeichnet werden kann: also – eben durch den Versuch des Begreifens entsteht, also nur logisch, nicht reell ist.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S. 163; 165]
 



Nota I. - In den Rückerinnerungen ist er zu einer dogmatischen Wendung noch nicht bereit. Zwar nimmt er auch hier wieder die Idee auf, der 'Endzweck der Vernunft' müsse als zu einem zukünftigen Zeitpunkt realisiert gedacht werden. Aber noch zieht er daraus keinen theoretischen Schluss, er sucht vielmehr beim "intellktuellen Gefühl" Halt. Erst nach Jaco-bis Brief macht er in der Bestimmung des Menschen die 'intelligible Welt' zur reellen Grund-lage - einem 'Dauernden' -  des Glaubens.


29. 5. 14


Nota II. - Das ist klar und deutlich und gilt ohne Einschränkung: Das Reich des Intelligib-len - nennen wir es: die Bedeutungen - gibt es nur in der Vorstellung; auf das, was außerhalb der Vorstellungen ist, hat es keinerlei Wirkung. Wirken kann Intelligibles nur auf Intelligen-zen: nämlich auf die Bedeutungen, die sie ihren Anschauungen zuschreiben - und als Zwek-ke ihrer Willensbstimmungen wählen.

Die Intelligenzen gehören materiellen Körpern an, die auch außerhalb von Vorstellungen existieren. Dort werden sie zu wirklichem Willen bestimmt, sodass man sagen möchte: Die Körper gehören den Intelligenzen an. Sie sind es, die die Intelligenzen zu wirklicher Wir-kung befähigen. 

Eine andere Wirkung eines Intelligiblen in der sinnlichen Welt gibt es nicht. Doch die Wir-kung des Sinnlichen auf die Intelligenzen macht uns die Welt aus: durch das Gefühl, das von der Intelligenz angeschaut wird. Und zwar, indem sie einen "Versuch des Begreifens" unternimmt - vorher ist ein Intelligibles nicht da.
JE, 1. 9. 18

 

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