Samstag, 8. Mai 2021

Was für eine Philosophie man wählt, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist.


aus spektrum.de, 8. 5. 2021                                                                                                            zuJochen Ebmeiers Realien

Weltanschauungen
Dogmatiker denken langsamer
Was kennzeichnet Menschen mit einer bestimmten Weltanschauung? Ein Forschungsteam hat aus mehr als 50 Tests »psychologische Signaturen von Ideologien« abgeleitet.


Zu welchen Überzeugungen oder Ideologien ein Mensch neigt, hängt unter anderem mit seinen kognitiven Fähigkeiten zusammen. Das berichtet ein Team um den Psychologen Leor Zmigrod von der University of Cambridge in einer Sonderausgabe der »Philosophical Transactions B« der britischen Royal Society. Die fünf Forscher bauten damit auf einer vorangegangenen Studie auf, in der mehr als 500 Erwachsene 37 kognitive Tests und 22 Persönlichkeitstests absolviert hatten.

An der vorliegenden Studie nahmen rund zwei Jahre später mehr als 300 der ehemaligen Versuchspersonen erneut teil. Diesmal gaben sie Auskunft über politische Einstellungen wie Nationalismus und die Rolle der Religion in ihrem Leben. Ihre Antworten ließen sich stati-stisch auf drei Dimensionen reduzieren: eine konservative Einstellung, Religiosität und Dog-matismus, also die Starre und Intoleranz, mit der sie ihre Überzeugungen vertraten. Bislang hatten Studien vor allem nach Zusammenhängen zwischen einzelnen politischen Ideologien und der Persönlichkeit gesucht, nicht aber zwischen einer Vielzahl von Ideolo-gien und einer Batterie von objektiven kognitiven Tests. Das Ziel der Gruppe: die psycho-logischen »Signaturen« von verschiedenen Weltanschauungen zu identifizieren.

Ergebnis: Eine konservative Haltung, dazu zählte auch Nationalismus, war verbunden mit vermindertem strategischen Denken sowie mit vermehrter Vorsicht und einer Abneigung gegen soziale Risiken, etwa sich öffentlich über kontroverse Themen zu äußern oder Auto-ritäten zu widersprechen. Für Religiosität galt das Gleiche, aber dazu kamen noch eine er-höhte Risikowahrnehmung und Verträglichkeit. Dogmatismus ging einher mit einer langsa-meren Informationsverarbeitung, Impulsivität und der Bereitschaft, ethische Risiken einzu-gehen. Und extremistische Tendenzen etwa zu Gewalt gegen bestimmte Gruppen fanden sich vermehrt bei Personen mit einem schlechteren Arbeitsgedächtnis, verlangsamter Wahrnehmung, Impulsivität und Sensation Seeking, dem Bedürfnis nach aufregenden neuen Erfahrungen.


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Die psychologischen Merkmale eigneten sich zur Prognose der ideologischen Vorlieben besser als demografische Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildungsgrad und Einkommen. Beispielsweise ließ sich eine konservative Haltung zu rund 25 Prozent aus dem geschilder-ten psychologischen Profil vorhersagen, aber nur zu gut 7 Prozent aus demografischen Merkmalen.

Die Autoren sprechen von »bemerkenswerten Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen den psychologischen Kennzeichen der ideologischen Einstellungen«. Wurzeln Ideologien also (unter anderem) in kognitiven Dispositionen? Die Autoren spekulieren jedenfalls dar-über. Doch um verlässliche Schlüsse zu Ursache und Wirkung ziehen zu können, brauche es weitere Forschung und repräsentative Stichproben.

 

Nota. - Das möchte mir ja in den Kram passen, doch kann ich meine Zweifel nicht überhören.

Zuerst einmal: Was ein empirischer Psychologe unter dogmatisch versteht, ist etwas anderes, als was der erkenntniskritische Philosoph damit meint.

Wie soll ich mir diese Tests vorstellen? Sie werden ja kaum wahllos Milliarden verschiedene Fragen gestellt haben. Deren Auswahl bestimmt aber das Ergebnis - wenn nicht unbedingt stets in faktischer, so doch in modaler Hinsicht. Und dann: Nach welchen Kriterien haben sie die Antworten sortiert? Der bloße Zufall hätte ihnen keine 'Signaturen' liefern können; wenigstens ein Algorithmus muss ihnen den Blick geführt haben - und der wurde von irgendwem erarbeitet. Nach welchen Gesichtspunkt dieser? 

Mit andern Worten, das könnte einfach nur zirkulär zustandegekommen sein: Sie hätten hinten herausgeholt, was sie vorne reingetan haben.

Ich meinte vorher, was für eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist. Die Fragwürdigkeit dieser Untersuchung reicht nicht aus, um mich daran zweifeln zu lassen.

JE

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