Donnerstag, 27. Mai 2021

Wozu der Mensch aufrecht geht.

                                  aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

c. Jedes Tier hat, wie wir oben schon bemerkten, angeborene Bewegungsmöglichkeiten. Man denke an die Biber, die Biene u. s. f. Der Mensch hat nichts dergleichen, und sogar / seine Lage auf dem Rücken wird dem Kinde gegeben, um den künstigen Gang vorzube-reiten. - Man hat gefragt. ob der Mensch bestimmt sei, auf vier Füßen zu gehen oder auf-recht? Ich glaube, er ist zu keinem von beiden bestimmt; es ist ihm als Gattung überlassen worden, seine Bewegungsweise sich selbst zu wählen. 

Ein menschlicher Leib kann auf vier Füßen laufen, und man hat unter Tieren aufgewach-sene Menschen gefunden, die dies mit unglaublicher Schnelligkeit konnten. Die Gattung hat meines Erachtens frei sich vom Boden emporgehoben und sich dadurch das Vermögen er-worben, ihr Auge rund um sich herumzuwerfen, um das halbe Universum am Himmel zu überblicken, indes das Auge des Tieres durch seine Stellung an den Boden gefesselt ist, wel-cher seine Nahrung trägt.

Durch diese Erhebung hat er der Natur zwei Werkzeuge abgewonnen, die beiden Arme, welche. aller animali- sche Verrichtungen entledigt, am Körper hängen, bloß um das Gebot des Willens zu erwarten, und lediglich zur Tauglichkeit für die Zwecke desselben ausgebil-det werden. Durch diesen gewagten Gang, der ein immer fortdauernder Ausdruck ihrer Kühnheit und Geschicklichkeit ist in Beobachtung des Gleichgewichts, erhält sie ihre Frei-heit und Vernunft stets in der Übung, bleibt immerfort im Werden, und drückt es aus. Durch diese Stellung versetzt sie ihr Leben in das Reich des Lichts und flieht immerfort die Erde, die sie mit dem kleinstmöglichen Teile ihrer selbst berührt. Dem Tier ist der Boden Bette und Tisch; der Mensch erhebt alles das über die Erde.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 82f.
 



Nota I. - Er breitet reichlich Material aus für den Eingang in eine biologische Anthropo-logie, aber die liegt an dieser Stelle gar nicht in seiner Absicht. Er mutmaßt vielmehr in metaphysischer Weise über einen Plan der Natur, in dem die Freiheit der Menschen vor-ausberechnet liegt und für den sie in seiner Leibesgestalt die physischen Bedingungen ge-schaffen hat. Und zwar nicht als ein heuristisches Prinzip der empirischen Forschung, son-dern als konstitutive Basis einer positiven Lehre, aus der er in der Folge rechtliche und po-litische Folgerungen herleiten will. Nicht nur hat er Kritik und Transzendentalphilosophie hinter sich gelassen; er geht vielmehr direkt zu einer dogmatischen Predigt über.

14. 5. 19
 
Nota II. - Dass mir seine Meinung in der Sache sympathisch ist, darf mich nicht darüber hinwegtrösten, dass er sie seiner Herleitung einfach unterschiebt, statt sie aus geprüften Prämissen zu entwickeln. Zumal auch seine Absicht wissenschaftlich nicht lauter ist.
JE

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