wikipedia zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Dadurch
wird nun das Bedürfnis nach Wissenschaft befriedigt; wir haben dann
nicht bloß eine diskursive, aus der Erfahrung aufgeraffte, sondern eine
systematischer Erklärung, in der sich alles von einem Punkte ableiten
lässt und mit diesem zusammenhängt. Der mensch-liche Geist strebt nach
systematischer Erkenntnis, und daum sollte er diesem Streben
nach-folgen; wer sagt, dass die Erlangung desselben unmöglich sei, sagt
bloß, dass sie ihm eben unmöglich sei. -
Diese Methode hat nun Vorzüge in
Absicht der Deutlichkeit; denn das ist allemal deutlicher, was in sich
zusammenhängt, von man aus Einem Alles leicht übersehen kann, als wenn
man Mehreres zerstreut auffassen muss.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 9
Nota I. - Dass systematische Erkenntnis notwendig sei, lässt sich so aber nicht begründen; auch nicht, dass systematische Darstellung möglich ist. Allerdings wird auch nicht behaup-tet, dass Transzendentalphilosophie, oder Philosophie überhaupt, nötig wären. Wer sagt, das braucht er nicht, dem ist nicht zu widersprechen.
31. 7. 15
Nota II. - Zur Wissenschaft wird ein Wissensgebiet, sobald sein Gegenstand als Begriff gefasst, d. h. wissenschaftlich definiert ist. Wissenschaft ist es, indem es Tag für Tag die intensio, die 'Tiefe' des Begriffs mit dem Umfang seiner Gegenstände ins Verhätlnis setzt.
Angefangen hat keine Wissenschaft so. Der Begriff der Chemie etwas wurde erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch die Scheidung von organischer und anorganischer Che-mie bestimmt, vorher waren auch die ernsthaftesten Forscher in alchimistischer Spekulation befangen. Erst ab da wurde empirische Wissenschaft als System möglich.
Weil sie nicht empirisch ist, konnte die Philosophie als erste auf die Forderung nach Letzt-begründung und ergo Systematik kommen. Von ihr redet Fichte an obiger Stelle. Sie kann sich nicht, wie die Realwissenschaften, auf die unendliche Mannigfaltigkeit ihres Stoffs her-ausreden, denn sie hat ihn ja selbst erzeugt und wird ihn selber wieder synthetisieren müs-sen. Das gilt für sie in jedem Fall, egal, wie sie sich in specie versteht.
Wer sagt, dass Philosophie als System überflüssig sei, sagt, dass er auf Philosophie über-haupt verzichten kann - was er selbst am besten wissen muss. Was er nicht kann, ist, diese ohne jenes haben.
JE
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